Klimakrise

„Einen grünen Kapitalismus gibt es nicht“ – Interview mit Franziska Heinisch

Ihr habt keinen Plan“, lautet der Titel des Buches, das acht junge Autorinnen und Autoren zur Klimakrise geschrieben haben. Bei dem anklagenden Vorwurf bleibt es nicht. Im zweiten Teil heißt es: „Darum machen wir einen.“ Auf die Empörung über die Untätigkeit angesichts der drängenden Krise folgen konkrete Vorschläge, die etwa auch weltweite Abrüstung, die Stärkung der Demokratie und ein Weltparlament umfassen. In einer Katastrophensituation gibt es nur eins: Handeln! Das sagt Autorin Franziska Heinisch im Interview mit dem Blog der Republik. Sie ist 20, studiert Jura und gehört – wie ihre Co-Autoren – dem Jugendrat der „Generationen Stiftung“ an.

Frau Heinisch, sind Sie eine Prophetin des Untergangs?

Im Gegenteil. Die Klimakrise ist heute schon eine Klimakatastrophe. Um sich dessen zu versichern, genügt ein Blick auf wissenschaftliche Berichte und Prognosen, in den Amazonas oder nach Australien. Das nicht in dieser Deutlichkeit zu sagen, wäre fatal. Es gilt, die einzig plausible Reaktion auf eine Katastrophensituation zu zeigen: Handeln. Die Menschheit muss alles daran setzen, die Erderhitzung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen.

Das Mantra der Bequemlichkeit

Das wird eine Herkulesaufgabe; und noch sind wir weit davon entfernt, den erforderlichen Turnaround einzuleiten. Ich arbeite gemeinsam mit Anderen gegen das Mantra der Bequemlichkeit an, versuche aufzurütteln und zum Handeln zu bewegen. Als Teil einer jungen Generation, deren Zukunft ganz ernsthaft auf dem Spiel steht, prophezeie ich insofern nicht die Apokalypse, sondern versuche, mit aller Kraft dagegen anzuarbeiten.

Die Klimakrise war ein beherrschendes Thema beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Werten Sie das als Ihren Erfolg und sind Sie zufrieden?

Dass die Klimakrise große Teile des öffentlichen Diskurses bestimmt, ist gut. Aber das allein ist nichts wert. Als Erfolg kann ich nur das werten, was uns hinsichtlich der Begrenzung der Erderhitzung voranbringt. Warmer Applaus und wohlwollende Schulterklopfer tun das nicht. Aber konsequente Maßnahmen bleiben bislang aus.

Die an den Hebeln sitzen

Insofern kann ich mich weder über nennenswerte Erfolge freuen noch bin ich zufrieden. Ehrlicherweise ist das Gegenteil der Fall: Ich ärgere mich über die, die in Davos sitzen und betonen, wie wichtig die Klimaproblematik ist. Sie machen es sich sehr einfach – schließlich sitzen sie an den Hebeln, die umgelegt werden müssten!

Sind Klimaschutz und Kapitalismus zu versöhnen?

Unsere kapitalistische Wirtschaftsweise beruht auf der Ausbeutung von Natur und Mensch. Einen „grünen Kapitalismus“ gibt es nicht. Ein „weiter so“ mit einem anderen Anstrich ist keine Lösung. Es braucht einen Paradigmenwechsel hin zu einer zukunftsfähigen, generationengerechten Wirtschaft. Das bedeutet, dass wir die entscheidenden Kenngrößen und Mechanismen unserer Wirtschaftsweise ändern und den entfesselten Markt in seine Schranken weisen müssen: Eine Abkehr von unserer bisherigen Wirtschaftsweise.

Es fehlt an globaler Demokratie

Haben die politischen Instanzen dazu die Macht?

Politische Instanzen müssen dazu die Entscheidungsmacht zurückerlangen. Das bedeutet in der Konsequenz einen anderen Politikstil. Machen wir uns nichts vor: Wir leben in einer globalisierten Wirtschaftswelt – aber haben verpasst, ihr eine globale Demokratie zur Kontrolle und Regulation gegenüberzustellen. Das nachzuholen geht nicht von jetzt auf gleich. Aber der Prozess beginnt damit, dass Politiker*innen überhaupt wieder den Mut aufbringen und den Anspruch erheben, eine demokratisch vertretbare Wirtschaftsweise zu fordern und umzusetzen.

Liegt die entscheidende Macht bei den Konsumenten?

Es ist zu einfach, die Verantwortung und Macht weiter an die Konsument*innen zu delegieren. Das heißt nicht, dass wir nicht unseren Konsum verändern müssen. Aber die Veränderung unserer Wirtschaftsweise zur Bekämpfung der Klimakrise muss systemisch und schnell erfolgen. Das geht nur, indem die entsprechenden Rahmenbedingungen gesetzt werden. Dazu sind unsere Repräsentant*innen gefragt. Und wozu, wenn nicht für genau solche Maßnahmen, werden sie gewählt?

Handelt es sich um einen Konflikt der Generationen?

Ich sehe den Generationenkonflikt bei der Klimakrise darin, dass vor allem junge und kommende Generationen die Folgen von Versäumnissen tragen müssen, für die nicht sie, sondern die Generationen vor ihnen verantwortlich sind. Die Folgen des verantwortungslosen Handelns der letzten Jahrzehnte wurden in zeitlicher Hinsicht externalisiert.

Schulterschluss von Jung und Alt

Zur Bewältigung der Krise ist aber ein Schulterschluss von Jung und Alt notwendig – die jungen Menschen brauchen Mitstreiter*innen aus allen Generationen im Kampf um ihre Zukunft.

Wie ist denn die jahrzehntelange Ignoranz gegenüber den Warnungen der Wissenschaft zu erklären? Sehen Sie Gleichgültigkeit, Unwissenheit oder Ohnmacht als Ursache der Tatenlosigkeit?

Sicherlich spielen für das jahrzehntelange Nicht-Handeln Gleichgültigkeit, Unwissenheit und Ohnmachtsgefühle eine Rolle. Lange wirkte die Bedrohung eines ökologischen Kollapses auch sehr abstrakt. Die Gründe für Tatenlosigkeit sind vielfältig. All das entschuldigt aber nicht die Verantwortungslosigkeit, mit der hier mit der eigenen Lebensgrundlage spekuliert wurde und wird.

Was ist jetzt konkret zu tun? Würden Sie beispielsweise im Aufsichtsrat von Siemens mitwirken?

2020 muss das politische Gamechanger-Jahr werden. Wir müssen an den wichtigen Hebeln rütteln. Ich würde dazu nicht im Aufsichtsrat eines großen Unternehmens mitwirken – ich halte das zur Erreichung meiner Ziele für Zeitverschwendung. Noch dazu habe ich darauf ehrlicherweise weder Lust noch Zeit.

Radikalere Protestformen

Stattdessen sehe ich meine Aufgabe im politischen Engagement in der Zivilgesellschaft und stelle Forderungen, bei deren Umsetzung nicht nur Siemens, sondern alle Unternehmen zu verantwortungsbewusstem Handeln verpflichtet würden.

Was halten Sie von radikaleren Protestformen z. B. Extinction Rebellion?

Jetzt muss der Druck auf politische und wirtschaftliche Entscheidungsträger*innen weiter erhöht werden. Das wird nicht durch ein Aktionsformat gelingen. Wir brauchen vielfältige, unterschiedlich radikale Protestformen. Fridays for Future, Ende Gelände, Extinction Rebellion oder wir als Jugendrat – all diese Akteure sind gebraucht. Ehrlich gesagt: Müssen wir nicht angesichts der Bedrohungslage noch viel radikaler werden?

Bildquelle: Pixabay, Bild von 22612, Pixabay License

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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