Adolf Hitler und Kronprinz Wilhelm im Jahr 1933 beim "Tag von Potsdam"

Entschädigungs-Forderungen der Hohenzollern machen einen sprachlos

Es ist nur ein Thema am Rande der großen Politik, die von der Corona-Pandemie und den Folgen in der ganzen Welt bestimmt wird, aber es macht mich sprachlos: Das Adelshaus Hohenzollern streitet mit dem Staat Bundesrepublik und den Ländern Berlin und Brandenburg um wertvolle Besitztümer, Mobiliar und Bilder, Schlösser und Burgen. „Die Hohenzollern“, so Heribert Prantl in seiner SZ-Kolumne mit dem Titel „In die Fresse, schrieb der Kronprinz“,  am 25. September diesen Jahres, „fordern Entschädigung vom Staat für die Enteignungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei haben sie den Aufstieg der Nazis sehr befördert und begrüßt. Das beweisen bisher kaum beachtete Briefe von 1933. Ihre Forderungen sind unanständig. “ So das Urteil des renommierten Journalisten und Juristen aus München. Man könnte hier direkt die Frage nach der Verantwortung des Kaisers für den Ersten Weltkrieg aufwerfen, den Millionen Toten, den Verlusten für das Reich. Man schüttelt mit dem Kopf. Dass es so etwas gibt, Jahrzehnte danach.

Manche  Zeitgenossen reagierten ähnlich, sprachen von absurd. Das mit der Monarchie ist doch längst vorbei. Wilhelm II, der letzte deutsche Kaiser, dankte schließlich nach dem Ersten Weltkrieg ab und wohnte bis zu seinem Tod im Sommer 1941 auf Schloß Doorn im holländischen Utrecht. Zugegeben, ich habe Berichte über Entschädigungsforderungen der Hohenzollern gegen unseren Staat, die Bundesrepublik oder die Länder Berlin und Land Brandenburg in der jüngeren Vergangenheit mit einiger Verwunderung  gelesen, aber nie auch nur eine Sekunde daran gedacht, dass dies ein Thema sein könnte. Ist es aber doch, eines, bei dem es um Millionen geht.  Seit einigen Jahren wird über eine Rückgabe von Mobiliar und wertvollen Bildern verhandelt, die Museen schmücken, über die Forderung, Wohnrecht auf Schloss Cecilienhof in Potsdam zu erhalten. Ich hielte und halte das so, wie ich das als Titel über Leserbriefe in der SZ las: „Aus der Zeit gefallen.“ Ja, wo leben wir denn?

Es geht bei der Problematik auch um die Deutungshoheit jener Zeit, zum Beispiel um die Frage, welche Rolle die Hohenzollern damals gespielt haben, ob sie Adolf Hitler und den Nazis geholfen hatten, an die Macht zu kommen, diesem Vorschub geleistet hatten. Beginnen wir mit einem Zitat, das von Wilhelm II stammt: 1927 hatte er über die Vernichtung von „Juden und Mücken“ schwadroniert und sie als „Pest“ bezeichnet. Und festgestellt: „Ich glaube, das Beste wäre Gas.“ Wilhelm II also Antisemitismus vorzuwerfen, geht wohl nicht zu weit.

Nähe zu den Nazis

Des Ex-Kaisers Kinder kooperierten mit den Nazis, sein Sohn August Wilhelm  war schon 1930 in die NSDAP eingetreten und 1931 Mitgtlied der SA geworden.  Der damalige Ex-Kronprinz Wilhelm empfing Hitler auf Cecilienhof, er warb für den Führer, posierte mit dem Hakenkreuz, hat einen Wahlaufruf zugunsten Hitlers unterschrieben.  Nachzulesen beim Historiker Winfried Süß,  bei Prantl und anderen. Die Nähe zu den Nazis, aus welchen Gründen auch immer,  ist also nicht erfunden. Mag sein, dass der einstige Kaiser von einer Rückkehr der Monarchie geträumt hat, davon, dass die Hohenzollern wieder an die Macht gelangten.  Sie waren „Hitlers heimliche Helfer. Der Adel im Dienst der Macht:“ So das Urteil der Historikerin Karina Urbach.Sie waren also keine Opfer, sondern eher Helfer der Nazis. Urbach bezeichnet sie als „nützliche Idioten“, was ihre Rolle nicht schmälert. Man könnte in diesem Zusammenhang noch den Tag von Potsdam erwähnen am 21. März 1933.

Neben moralischen Aspekten ist für diese Diskussion wichtig, dass es ein Gesetz aus dem Jahre 1994 gibt, das sich mit Enteignungen durch die Sowjets beschäftigt und somit auch mit der Frage möglicher Rückerstattungen. Darauf beziehen sich die Hohenzollern, wollen viele Hunderte von Kunstschätzen zurück und das kostenlose Dauerwohnrecht auf Cecilienhof, wo zur Zeit eine Ausstellung über die Aufgliederung der Welt nach  dem Zweiten Weltkrieg läuft, darüber also, was vom Deutschen Reich übrigblieb, was mit Polen passierte usw. Eine Ironie der Geschichte? Es sind auch wohl andere Schlösser im Gespräch und Villen,die der Staat Bundesrepublik saniert hat und die längst Orte des Gedenkens sind. Was die Forderung der Hohenzollern betrifft, ist eine Passage aus dem Ausgleichsleistungsgesetz wichtig: Darin ist zu lesen, dass Leistungen verweigert werden, wenn man „dem nationalsozialistischen System erheblichen Vorschub geleistet hat.“ Dass die Hohenzollern den Nazis geholfen haben, ist keine Erfindung, sondern wird von namhaften Historikern wie Heinrich August Winkler, Eckart Conze und Herfried Münkler bestätigt. Man kann das nachlesen auch bei dem Historiker Stephan Malinowski, der Geschichte an der Universität  von Edinburgh lehrt. In einem sehr guten Interview mit dem Berliner „Tagesspiegel“ schildert Malinowski, wie die Hohenzollern die Nazis unterstützt hätten. Die Eigentumsansprüche der Hohenzollern empfindet der Historiker mit „Verwunderung“. Ihn hat überrascht, dass diese Forderungen überhaupt gestellt wurden. Natürlich gibt es Gutachten, die zu einer etwas anderen Sicht gelangt sind, die die Hohenzollern ins Feld führen.

Aus der Zeit gefallen

Mehr als 100 Jahre nach dem 1. Weltkrieg und der Abdankung des Kaisers wirkt eine Restitution des Hohenzollern-Eigentums mehr als merkwürdig. Dazu der Historiker Winfried Süß im „Tagesspiegel“: „Wenn Sie als Mittelständler in Kriegsanleihen investiert hätten-was viele Menschen für ihre Altersversorgung damals gemacht haben-dann waren Sie nach dem Krieg Sozialrentner.  Die Hohenzollern hingegen sind aus dieser Sache ganz gut herausgekommen. Insofern ist das moralisch sehr schwer begründbar, sie heute zu entschädigen.“ Nicht zu vergessen, auch das erwähnt der Historiker Süß, „dass die Hohenzollern an der Entfesselung des Erstens Weltkriegs in Gestalt des damaligen Kaisers Wilhelm II nicht ganz unbeteiligt waren und trotzdem große Teile ihres Familienvermögens über den politischen Umbruch 1918 retten konnten.“

Den Streit augelöst hat im übrigen der Ur-Ur-Enkel des letzten Kaisers, Georg Friedrich Prinz von Preußen. Eine Niederlage musste er schon einstecken: Ende Juni 2019 wies ein Gericht seine Klage ab, mit der er den früheren Familienbesitz Burg Rheinfels zurückerlangen wollte. Die Burg gehört der rheinland-pfälzischen Stadt St. Goar. Die Verhandlungen wurden bisher hinter verschlossenen Türen geführt, die Linke fordert öffentliche Verhandlungen, in der SPD wie bei den Grünen gibt es Stimmen, den Adeligen keinen Cent zu zahlen.

Wie gesagt, es ist ein Thema „aus der Zeit gefallen“. Als hätten wir keine anderen Sorgen. Gerade hörte ich im Radio die neuesten Meldungen über die Corona-Ausbreitung in Deutschland. Die Lage ist ernst, weil die Pandemie uns zu entgleiten droht. Auch ein neuer Lockdown, der verheerend wäre für ganz Deutschland, die Menschen wie die Wirtschaft, wird nicht mehr ausgeschlossen. 

Bildquelle: Bundesarchiv Bild 102-14437, CC BY-SA 3.0 DE

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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