Erinnerungszeichen statt Stolpersteinen – In München wird den NS-Opfern durch Stelen und Tafeln ein Gesicht gegeben

1200  Städte in Deutschland haben inzwischen 75000 Stolpersteine, München hat mal wieder länger gebraucht, um sich mit seiner braunen Vergangenheit zu beschäftigen und geht einen anderen Weg. In der bayerischen Metropole gibt es seit 2018 Erinnerungszeichen, Stelen und Tafeln zum Gedenken an die rund 10000 Opfer der NS-Herrschaft in der einstigen Hauptstadt der Bewegung.  „Sie sollen an die Ermordeten erinnern“, hat Münchens OB Dieter Reiter(SPD) vor Jahr und Tag betont, als die ersten Stelen und eine Tafel enthüllt wurden. Sie sollen den Opfern ein Gesicht geben, den Opfern aus Juden, Widerstandskämpfern, Sinti und Roma, Oppositionellen.

Erinnerungszeichen sind ein Kompromiss im Streit um die Stolpersteine, in dem sogar der Bayerische Verwaltungsgerichtshof bemüht wurde, um den Konflikt zu bereinigen und eine einvernehmliche Lösung zu finden. Die Gegner, darunter auch Charlotte Knobloch, hielten die goldenen Pflastersteine mit den Namen der Toten als Form der Erinnerung für unwürdig, weil sie sie im Schmutz der Straße sahen. Frau Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, hatte als Kind den NS-Terror in München miterlebt und schilderte diese Erinnerung:  „Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Menschen, auf die man schon auf dem Boden liegend immer wieder eintrat und die mit schweren ledernen, stahlbekappten Stiefeln in die Transporter getrieben wurden.“

Die Behörde ließ die Steine wieder ausgraben

Der Streit über die Form des Gedenkens ausgerechnet in einer Stadt wie München, in der einst die Nazis ihre Parteizentrale im sogenannten brauen Haus am Königsplatz hatten und wo heute das NS-Dokumentationszentrum steht-in weißer Farbe-, irritierte manchen Beobachter in und außerhalb Bayerns. Ein Streit, der erbittert geführt worden war. So wurden 2004 erste Stolpersteine, die an das Kunsthändler-Ehepaar Siegfried Jordan und Paula Jordan, geborene Frank, auf öffentlichem Grund verlegt, einem Gehsteig. Die Namen versehen mit den Geburtsdaten, dem Jahr ihrer Deportation, dem Tag ihrer Ermordung, so wie das immer zu lesen ist auf Stolpersteinen in ganz Deutschland, ja sogar in einigen europäischen Ländern. Die Aktion war aber ohne Billigung der Stadt erfolgt. Nur wenige Wochen später ließ die Behörde nach einem  Stadtratsbeschluss die Steine für Siegfried und Paula Jordan wieder ausgraben oder rausreißen. Der in England lebende Sohn Peter wurde nicht einmal informiert. Nachzulesen in der SZ.

Aber Peter Jordan hat noch zu Lebzeiten seinen Frieden gemacht mit der Stadt, weil am 26. Juli 2018 eine Stele vor seinem Elternhaus an der Mauerkircherstrasse in München Bogenhausen installiert wurde. (Übrigens lebte in dem Haus auch Thomas Mann von 1910 bis 1914, der Literatur-Nobelpreisträger, der vor den Nazis in die USA geflohen war.) Peter Jordan war extra aus Manchester angereist, er lebte seit 1939 in England, da war er 15 Jahre jung,  seine Eltern blieben in München, sie wurden deportiert und 1941 in Kaunas, Litauen, von den Nazis erschossen. Der 94jährige Peter Jordan war sehr glücklich, dass er die Enthüllung der Stele, die an seine Eltern erinnert, noch erleben durfte. Seine Frau war ebenso dabei wie die Kinder und Enkel. In der Boulevard-Zeitung „tz“ lese ich dazu: „Es sind bewegende Momente an diesem für München historischen Tag. 10000 jüdische Bürger lebten vor dem Zweiten Weltkrieg in München, 4500 wurden ermordet, 5500 vertrieben. Nur wenige kehrten zurück. Insgesamt fielen dem NS-Regime 10000 Menschen zum Opfer.“ In München. Anfang 2020 ist Jordan mit 96 Jahren gestorben.

Inzwischen werde an 33 Orten der Stadt 68 Opfern gedacht, sagt ein Sprecher der Koordinierungsstelle Erinnerungszeichen der Landeshauptstadt München, jüdischen Opfern, Widerstandskämpfern, Zwangsarbeitern und auch einem amerikanischen Flieger, der über München abgestürzt war und den man gelyncht hatte. Die Stadt München hat 150000 Euro bereit gestellt, um die Kosten zu tragen. Erinnerungszeichen werden beantragt von Familien-Angehörigen, von einstigen Nachbarn, von Opfergruppen, die Resonanz auf die Erinnerungszeichen sei „enorm“. Es sind Stelen oder Tafeln des Designers Stauss u.a.für den Philologen Friedrich Crusius (in der Mandlstrasse in Schwabing),der psychisch krank war und 1941 umgebracht wurde,  für Franz Landauer und seine Frau Tilly(in der Königinstrasse). Landauer ist der Bruder des berühmt gewordenen FC-Bayern-Präsidenten Kurt Landauer, über den Dirk Kämper das feine und lesenswerte Buch geschrieben hat: „Kurt Landauer. Der Mann, der den FC Bayern erfand“, und unter dessen Ägide der Klub die erste Meisterschaft errang. Landauer emigrierte 1939 in die Schweiz, nachdem er im KZ Dachau gefoltert und verprügelt worden war, während sein Bruder im niederländischen Internierungslager Kamp Westerbork starb und seine Frau Tilly in Auschwitz umgebracht wurde. Stelen oder Tafeln erinnern an die Widerstandskämpfer Therese Kühner, Ludwig Holleis und Walter Klingenbeck(in der Amalienstrasse).  

Entsetzt über das Schweigen der Mitwissenden

Wie konnte das passieren in München (und anderswo), dass eine braune Horde, Proleten und Barbaren diese schöne Stadt sich zur Beute machen konnte? Dass so viele Menschen untätig zu- oder wegschauten? Eine Gedenktafel am Rathaus der Stadt München erinnert an die erste Deportation jüdischer Münchner im November 1941. Damals wurden 1000 jüdische Männer und Frauen, darunter 94 Kinder, nach Kowno deportiert und fünf Tage später brutal ermordet. So kann man es lesen auf der Tafel, die mit der Zeile beginnt: „In Trauer und Scham- und entsetzt über das Schweigen der Mitwissenden- gedenkt die Landeshauptstadt München“ der Opfer. Bis zum 22. Februar 1945 folgten weitere 40 Deportationen jüdischer Münchner. Darunter der Historiker Michael Strich, dem in der Clemensstraße, dem zwangsenteigneten Wohnhaus des Gelehrten, mit einem Erinnerungszeichen ein Gesicht gegeben wurde. In einem Beitrag der SZ dazu wird an den Chef des Einsatzkommandos in Kaunas, Karl Jäger, erinnert, auf dessen Befehl die Juden ermordet wurden. Jäger, heißt es in dem Artikel, habe in seinem Bericht bilanziert, 138 272 Menschen „umgelegt“ zu haben. Der Massenmörder sei nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekehrt, habe am Neckar unbehelligt gelebt und sei erst 1959 verhaftet worden. Er habe sich in der U-Haft erhängt.

München, die Stadt der Kunst, die Stadt von Thomas Mann, des Theaters. Wie passt dazu die Machtergreifung der Nazis, die lauten Schlägertrupps der SA? Hat denn niemand geahnt, gefürchtet, was kommen konnte und was ja auch kam? Hitlers Einzug in die feinen Kreise der Stadt an der Isar, dem man gern und schnell Geld schenkte.  Ja, für was eigentlich? Für seinen geplanten Krieg, die Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Mitbürger, der Künstler? Sie machten Geschäfte mit dem Diktator, er versprach ihnen billige Arbeitskräfte, Zwangsarbeiter, mit denen einige ihren finanziellen Ruhm begründeten oder erweiterten. Non olet? Doch, dieses Geld stinkt noch immer. Es war wahrlich Zeit, dass die Stadt jedem sichtbar macht, was einst geschah mit den Menschen, die Opfer dieser braunen Barbarei wurden.

Sichbare Erinnerungszeichen haben die Münchner Kammerspiele gemeinsam mit dem Stadtarchiv geschaffen, um der von den Nazis ermordeten Kolleginnen und Kollegen zu gedenken: Edgar Weil, Hans Tintner, Benno Bing, Julius Peter Seger, Emmy Rowohlt. „Um die vergessenen Schicksale, um die entrechteten, verfolgten und ermordeten Kolleg*innen in die Erinnerung des Theaters und Münchens einzuweben.“ Zum Beispiel Edgar Weil: Sohn einer jüdischen Apothekerfamilie aus Frankfurt, Studium der Literatur, Promotion, Dramaturg an den Kammerspielen, im März 1933 inhaftiert, verhört, freigelassen, er geht ins holländische Exil nach Amsterdam, 1941 verhaftet, in das KZ Mauthausen deportiert und dort ermordet. Er wurde nur 33 Jahre alt. Seine Frau Grete Weil, Tochter einer angesehenen jüdischen Apothekerfamilie,  taucht unter, überlebt den Holocaust, kehrt zurück und schreibt gegen das Vergessen an. So nachzulesen in einem gemeinsam verfassten Text der Kammerspiele und des Stadtarchivs. Oder Hans Tintner, Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur, geflohen von Deutschland nach Rom, Paris, Wien, Prag, verhaftet in Paris, 1942 in Auschwitz ermordet, ebenso wie Benno Bing und Julius Peter Seger. Emmy Rowohlt, die Schauspielerin  aus Hamburg, die über Italien und Frankreich nach München kommt, dort an den Kammerspielen auftritt, wegen regimekritischer Bemerkungen von der Gestapo verhaftet, im Gefängnis Stadelheim für unzurechnungsfähig erklärt und in die Heilanstalt Eglfing-Haar verlegt wird. Sie stirbt durch gezielten Nahrungsentzug 1944 und gehört, so steht es in dem Beitrag von Theater und Stadt, zu mehr als „2000 Münchner Opfern der nationalsozialistischen Krankenmorde.“ Auch das gehört zu dieser schlimmen Zeit, als aus dem Deutschland der Dichter und Denker das Land der Richter und Henker wurde.

Nie wieder, nicht vergessen gerade jetzt, da die letzten Augenzeugen sterben, da wir angewiesen sind auf das Erzählte.Und sich in Deutschland, auch in München eine Partei breit gemacht hat, die in ihren Reihen Rechtsradikale hat, Fremdenfeinde, Faschisten, die das Holocaust-Mahnmal in Berlin als Schande bezeichnen.

Natürlich blieb der Sport von den Nazis nicht verschont. So sind Erinnerungszeichen dem Leben von Wilhelm Neuburger gewidmet, Skifahrer und Mitglied des FC Bayern München. Bei der Zeremonie zu Ehren von Neuburger ist der Vorstandsvorsitzende des Vereins, Karl-Heinz Rummenigge zugegen. Die Enkelin des Ehepaars Neubauer betont bei der Feierstunde: „Dieses Erinnerungsmal ist umso bedeutender, da es kein Grab unserer Großeltern gibt.“

Schicksal von Georg Elser

Es gab Widerstand, wenige Widerständler hatten den Mut, sich gegen die Nazis zu wehren. Da ist Georg Elser zu nennen, ein Kunstschreiner,  der am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller ein Bomben-Attentat auf Adolf Hitler ausführte, wo fast die gesamte NSDAP-Spitze versammelt war, der Anschlag scheiterte aber knapp. Elser wurde am 9. April 1945, wenige Wochen vor dem Ende des Krieges, im KZ Dachau ermordet. In der Türkenstraße in München wird seiner in einem Erinnerungszeichen gedacht. Im Gegensatz zu den Verschwörern des 20. Juli wurde Elsers Rolle lange Jahre kaum gewürdigt.

Erinnerungszeichen. für Josef Gunzenhäuser

Erinnerungszeichen müssen nicht auf München beschränkt bleiben, sie können „exportiert“ werden, wie OB Reiter bemerkt hat. Denn erstmals wurden jetzt Erinnerungszeichen außerhalb der Landeshauptstadt eingeweiht, in Ingolstadt, auf Wunsch des Reuchlin-Gymnasiums. Schüler hatten sich in einem Seminar mit den Biografien jüdischer Mädchen und Jungen am Humanistischen Gymnasium in Ingolstadt beschäftigt. Für Josef Gunzenhäuser, den die Nazis im Ghetto Theresienstadt ermordeten, setzten sie ein Erinnerungszeichen. Gunzenhäuser soll im Herbst ein weiteres Erinnerungszeichen bekommen und zwar an seinem späteren Lebensmittelpunkt in der Münchner Elisabethstrasse. Dort hatte er Jura studiert, wurde Sozius in einer Anwaltskanzlei seines Onkels und im Zuge der Reichspogromnacht ins KZ Dachau verschleppt. Die Nazis verhängten für ihn ein Berufsverbot als Anwalt, er unterrichtete daraufhin jüdische Auswanderer in Englisch, 1942 wurde er nach Theresienstadt deportiert und kurz vor seinem 46. Geburtstag umgebracht.

Erinnerungszeichen oder Stolpersteine? Im Grunde ist es egal, welche Zeichen wir setzen. Hauptsache, wir vergessen die Menschen nicht, die wegen ihres Glaubens oder ihrer politischen Überzeugung Opfer der NS-Diktatur geworden sind. Ob mit Erinnerungszeichen oder Stolpersteinen, wichtig ist, den Opfern ein Gesicht zu geben und festzuhalten, warum sie ermordet wurden. Getötet, weil sie Juden waren, Kommunisten, Sozialdemokraten, Sinti, Roma. Die Erfinder der Münchner Erinnerungszeichen betonen: Es sei wichtig, den Opfern auf Augenhöhe zu begegnen, ihnen quasi in die Augen zu schauen und zu verhindern, dass man drauf- oder über sie hinwegsteige. Die Stolpersteine haben ihre eigene Philosophie, sie ergibt sich aus dem Namen. Und auch sie werden dem Leben der Opfer gerecht.

Bildquelle: Maximilian Strnad, Koordinierungsstelle | Erinnerungszeichen

 


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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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