Eisbär auf Eisscholle in der Wüste - Symbolbild Klimakrise

Gebote des Klimakrisenzeitalters (nach Günther Anders*)

Vorspann – die 12 Gebote

  1. Beim Erwachen zu denken: „Klimakrise“
  2. Die Möglichkeit der Apokalypse ist unser Werk. Aber wir wissen nicht, was wir tun.
  3. Je maßloser die Taten, desto geringer die Hemmungen.
  4. Wir Menschen sind kleiner als wir selbst.
  5. Erweitere dein Zeitgefühl.
  6. Sei nicht zu feige, Angst zu haben! Zwinge dich, denjenigen Ertrag an Angst aufzubringen, der der Größe der apokalyptischen Gefahr entspricht!
  7. „Nostra res agitur.“ – Es geht um uns.
  8. Jeder steht gleich nah zum möglichen Ende.
  9. Du hast die Pflicht, den Schein, dass wir noch vor der „Klimakrise“ leben, zu diskreditieren; und beim Namen zu nennen, was ist.
  10. Habe und nutze nur solche Dinge, deren Maximen deine eigenen Maximen und damit die einer allgemeinen Gesetzgebung werden könnten.
  11. Glaube nicht, dass die Gefahr, wenn wir den ersten Schritt: den Ausstoß der Treibhausgase zu beenden, gemacht haben, vorüber sein werde, und dass wir dann dazu berechtigt sein werden, auf unseren Lorbeeren auszuruhen.
  12. Wir müssen fest dazu entschlossen sein, den Schritt zurück in die fossile Zivilisation niemals zu machen, obwohl er immer möglich sein wird.

KLIMAKRISE

Dein erster Gedanke nach dem Erwachen heiße „Klimakrise“. Denn du sollst deinen Tag nicht mit der Illusion beginnen, was dich umgebe, sei eine stabile Welt. Was dich umgibt, ist vielmehr etwas, was ein Gewesenes sein wird, ein Nur-Gewesenes; und wir, du und ich und unsere Mitmenschen, sind vergänglicher als alle, die bis gestern als vergänglich gegolten hatten. Denn unsere Vergänglichkeit bedeutet nicht nur, dass wir sterblich wären; auch nicht nur, dass wir tötbar wären, jeder von uns. Das war auch früher Brauch. Sondern, dass wir im ganzen ausrottbar sind, als „Menschheit des fossilnuklearen Zeitalters“. Und „Menschheit“ bedeutet nicht nur die heutige Menschheit, nicht nur diejenige, die sich über die Provinzen unserer Erde verteilt; sondern auch diejenige, die sich über die Provinzen der Zeit verteilt: Ist nämlich die heutige Menschheit ausrottbar, so erlischt mit ihr auch die gewesene; und die künftige gleichfalls. Das Tor, vor dem wir stehen, trägt daher die Aufschrift „Nichts wird gewesen sein“; und von innen die Worte: „Die Zeit war ein Zwischenfall.“ Dies ist die völlig neue, die apokalyptische Art von Vergänglichkeit, unsere Vergänglichkeit, neben der alles, was bis heute „Vergänglichkeit“ geheißen hatte, zur Bagatelle geworden ist. – Damit dir dies nicht entgehe, heiße der erste Gedanke nach deinem Erwachen: „Klimakrise“.

Die Möglichkeit der Apokalypse

Dein zweiter Gedanke nach deinem Erwachen laute: „Die Möglichkeit der Apokalypse ist unser Werk. Aber wir wissen nicht, was wir tun.“ Wir wissen es wirklich nicht, und auch diejenigen wissen es nicht, die über die Apokalypse entscheiden: denn auch sie sind „wir“, auch sie sind grundsätzlich Inkompetente. Dass auch sie inkompetent sind, ist freilich nicht ihre Schuld. Vielmehr die Folge einer Tatsache, die keinem von ihnen und keinem von uns angerechnet werden kann: nämlich Folge der täglich wachsenden Kluft zwischen zwei unserer Vermögen: zwischen dem, was wir herstellen können und dem, was wir uns vorstellen können.

Im Laufe des fossilnuklearen Zeitalters hat sich nämlich das klassische Verhältnis zwischen Phantasie und Tun umgekehrt: Hatte es unseren Vorfahren als selbstverständlich gegolten, dass die Phantasie „überschwänglich“ sei; das heißt: das Wirkliche überschwinge und überbiete; so ist heute die Leistung unserer Phantasie (und die unseres Fühlens und Verantwortens) der unseres Tuns unterlegen; so gilt heute, dass sie unfähig ist, dem Effekt dessen, was wir produzieren, gewachsen zu bleiben. Nicht nur unsere Vernunft hat ihre (Kantischen) „Grenzen“, nicht nur sie ist finit, sondern auch unser Vorstellen; und erst recht unser Fühlen. Bereuen können wir zur Not einen einzigen Klimatoten: mehr leistet das Gefühl nicht; vorstellen können wir vielleicht zehn: mehr leistet die Vorstellung nicht; aber hunderttausend Menschen durch die Erderhitzung indirekt zu töten, verursacht heute keinerlei Umstände; Hunger, Fluten, Hurrikans, Umweltkatastrophen durch Abfälle, Klimaflüchtlinge, das sind alles normale Medieninhalte. Diese Normalisierung der Unvernunft geschieht nicht nur aus technischen Gründen; und nicht nur, weil sich das Tun in bloßes „Mit-Tun“ verwandelt hat und in ein bloßes „Auslösen“, das den Effekt unsichtbar bleiben lässt; sondern gerade aus einem moralischen Grunde: eben weil die klimakriseninduzierte Vernichtung der fossilnuklearen Zivilisation und aller ihrer Errungenschaften bereits unendlich weit außerhalb der Sphäre jener Taten liegt, die wir vorstellen und zu denen wir gefühlsmäßig Stellung nehmen können und deren Ausführung durch Vorstellungen und Gefühle gehemmt werden könnte. – Darum sollen deine nächsten Einsichten lauten: „Je maßloser die Taten, desto geringer die Hemmungen.“ Und: „Wir Menschen sind kleiner als wir selbst.“ – Dieser letzte Satz formuliert unsere heutige Schizophrenie, das heißt: die Tatsache, dass unsere diversen Vermögen unabhängig voneinander arbeiten, wie isolierte und unkoordinierte Wesen, die die Tuchfühlung miteinander verloren haben.

Aber diese Sätze sollst du nicht deshalb aussprechen, um etwas Endgültiges, etwas endgültig Defaitistisches über uns auszusprechen, sondern umgekehrt, um vor der Endlichkeit zu erschrecken; um in ihr einen Skandal zu sehen; um die „festgestellten“ und erstarrten Grenzen aufzuweichen; um sie in Schranken zu verwandeln; um die Schizophrenie rückgängig zu machen. Natürlich kannst du auch, solange dir weiterzuleben vergönnt ist, deine Hände in den Schoß legen, auf Hoffnung verzichten und dich mit deiner Schizophrenie abfinden. Aber wenn du das nicht willst, dann hast du den Versuch zu wagen, so groß zu werden wie du selbst und dich selbst einzuholen. Und das bedeutet: Dann hast du – darin besteht dein Pensum – die Kluft zwischen deinen Vermögen, dem Herstellen und dem Vorstellen zu überbrücken; das Gefälle zwischen den beiden zu applanieren; oder, anders ausgedrückt: dann hast du den beschränkten „Fassungsraum“ deines Vorstellens (und den noch eingeengteren deines Fühlens) gewaltsam zu erweitern, bis Vorstellung und Gefühl fähig werden, das Ungeheure, was du zu produzieren imstande gewesen, zu fassen und aufzufassen; bis du fähig bist, das Aufgefasste zu akzeptieren oder zu verwerfen. Kurz: Deine Aufgabe besteht darin, deine moralische Phantasie zu erweitern.

Sei nicht zu feige, Angst zu haben

Deine nächste Aufgabe lautet: „Erweitere dein Zeitgefühl.“ Denn entscheidend für unsere heutige Situation ist nicht nur, dass das räumliche System unserer Erde zusammengeschrumpft ist, dass alle Örter, die noch gestern weit voneinander entfernt gelegen hatten, heute zu Nachbarörtern geworden sind; sondern auch, dass die Stellen im System unserer Zeit zusammengerückt sind; dass die Zukünfte, die gestern noch als unerreichbar fern gegolten hatten, nun zu Nachbargegenden unserer Gegenwart geworden sind; dass wir sie zu Nachbargemeinden gemacht haben. Das gilt sowohl für die reiche Welt wie für die arme. Für die arme Welt, weil dort Zukunft in einem früher niemals geahnten Ausmaß bereits verunmöglicht wird; verunmöglichte Zukunft aber keine „kommende“ Zukunft mehr ist, vielmehr ein Produkt „in the making“; das, da es „unabwendbar“ ist wie der Anstieg des Meeresspiegels und die Tropenstürme, bereits als ein Stück desjenigen Raumes gesehen wird, in dem man sich bereits aufhält. In anderen Worten: Da man das, was man tut, unter dem Druck der unabwendbaren Schrecken der Zukunft tut, wirft es bereits einen Schatten auf die Gegenwart, gehört es, pragmatisch gesprochen, zur Gegenwart bereits dazu. – Und das gilt zweitens – dies ist der Fall, der uns angeht – für die Menschen der heutigen reichen Welt, da diese, obwohl sie es nicht plant, die entferntesten Zukünfte bereits affiziert; also z. B. über die Gesundheit oder Degeneration, vermutlich auch über das Sein oder das Nichtsein ihrer Enkel befindet. Ob sie, oder richtiger: ob wir das beabsichtigen oder nicht, bleibt gleichgültig, denn was moralisch gilt, ist allein das Faktum. Und da dieses Faktum der nichtgeplanten „Wirkung in die Ferne“ uns bekannt ist, begehen wir, wenn wir trotz dieses unseren Wissens fortfahren, so zu handeln, als wäre das Faktum uns unbekannt, „fahrlässige Grenzverletzung“.

Dein nächster Gedanke nach deinem Aufwachen laute: „Sei nicht zu feige, Angst zu haben! Zwinge dich, denjenigen Ertrag an Angst aufzubringen, der der Größe der apokalyptischen Gefahr entspricht!“ – Auch die Angst, gerade sie, gehört zu den Gefühlen, die zu verwirklichen wir unfähig sind oder unwillig; und die Behauptung, wir hätten ohnehin Angst, viel zu viel davon, ja wir lebten sogar im „Zeitalter der Angst“, ist eine bloße Redensart, die, sofern sie nicht in betrügerischer Absicht verbreitet wird, mindestens ideal geeignet ist, den Ausbruch einer der Größe der Bedrohung wirklich angemessenen Angst zu unterbinden und damit indolent zu machen. – Wahr ist vielmehr das Gegenteil: dass wir nämlich im „Zeitalter der Unfähigkeit zur Angst“ leben und darum passiv der Entwicklung zusehen. Wofür es, abgesehen von der „Beschränktheit unseres Fühlens“, eine ganze Reihe von Gründen gibt, die hier aufzuzählen nicht möglich ist. Ein Grund aber sollte hier doch angeführt werden: nämlich unsere durch die Arbeitsteilung verursachte Überzeugung, dass jedes Problem einem bestimmten Kompetenzfeld zugehöre, in das wir nicht eindringen dürfen. So gehört z. B. das Klimakrisenproblem angeblich in das Kompetenzfeld der Politik, der Wirtschaft und der (Klima-)Wissenschaft. Natürlich wird das „Nicht-Dürfen (Nicht-Eindringen-Dürfen)“ sofort und automatisch zum „Nicht-nötig-Haben“, zum „Nicht-Brauchen“. Das heißt: Die Probleme, um die ich mich nicht sorgen darf, um die brauche ich mich auch nicht zu sorgen. Und die Angst bleibt mir erspart, weil sie in einem anderen Kompetenzfeld „erledigt“ wird. Darum sprich nach deinem Aufwachen: „Nostra res agitur.“ – Es geht um uns. Das bedeutet ein Doppeltes: 1. Dass es uns deshalb betrifft, weil es uns treffen kann; und 2., dass der monopolistische Kompetenzanspruch Einzelner deshalb ungerechtfertigt ist, weil wir alle als Menschen gleichermaßen inkompetent sind. Zu glauben, wo es sich um das mögliche Ende der fossilnuklearen Zivilisation handelt, könnte es größere oder kleinere Zuständigkeit geben, und jene Menschen, die aufgrund zufälliger Arbeits-, Verantwortungs- und Pflichtteilung Politiker:innen, Wirtschaftstreibende oder Wissenschaftler:innen geworden sind und als solche mit den Ursachen der Klimakrise, also dem Ausstoß von Treibhausgasen, der Entwaldung und Zerstörung von Ökosystemen mehr oder direkter zu tun haben als unsereins, seien deshalb kompetenter als wir, ist einfach Torheit. Die uns das einreden wollen (gleich ob es die angeblich Kompetenteren selbst sind oder Dritte), beweisen damit lediglich ihre – moralische Inkompetenz. Vollends unerträglich aber wird unsere moralische Situation dann, wenn jene angeblich Kompetenteren (die Probleme anders als taktisch und daher kurzfristig zu sehen außerstande sind) uns weismachen wollen, uns komme noch nicht einmal das Recht auf Angst, geschweige denn auf Gewissen zu; und zwar deshalb nicht, weil Gewissen Verantwortung impliziere, Verantwortung aber nur ihre Sache sei, eben Sache der Ressortzustände; letztlich maße man sich also durch Angst, gar durch Gewissensangst, ein fremdes Ressort an. Eine „Expertise der Apokalypse“ darfst du jedenfalls nicht anerkennen; es darf keine Gruppe, die sich das Kompetenzmonopol für den Untergang, der unser aller Untergang wäre, anmaßt, geben. Wenn wir den Rankeschen Ausdruck „gleich nah zu Gott“ variieren dürfen: „Jeder steht gleich nah zum möglichen Ende.“ Und so hat auch jeder das gleiche Recht und die gleiche Pflicht, seine Stimme warnend zu erheben. Auch du. –

Wider das taktische Diskutieren

Nicht nur nicht vorstellen, nicht nur nicht fühlen, nicht nur nicht verantworten können wir das Ende der fossilnuklearen Zivilisation durch die Klimakrise; sondern noch nicht einmal denken. Denn in welcher Kategorie immer wir es auch denken würden, wir würden es falsch denken, weil es, einer Klasse von Prozessen zugeordnet, zu „einem unter anderen“ gemacht und dadurch bagatellisiert wäre. Auch wenn die Klimakrise Ähnlichkeiten zu anderen Prozessen haben mag, ist sie einzig in ihrer Art, keiner Gattung zugehörig; also ein Monstrum. Unseligerweise ist es gerade diese („monströse“) Nirgendzugehörigkeit, die es mit sich bringt, dass wir die Klimakrise vernachlässigen oder versuchen, sie einfach zu vergessen. Was man nicht klassifizieren kann, das sieht man als nicht existierend an. – Sofern man von der Klimakrise aber doch spricht (übrigens im Alltag von Mensch zu Mensch immer noch kaum), dann klassifiziert man sie gewöhnlich, weil das so am bequemsten und am beruhigendsten ist, als eine „Zukunft“. Unsere Klimamodelle, so gut sie sein mögen, zeigen nicht, wie weit man jede experimentelle Grenze überschreiten kann. Was durch die Modelle greifbar wird, gehört aber nicht mehr in die Klasse experimenteller Resultate, sondern in den Raum der Wirklichkeit, in den der Geschichte – sogar in den Raum künftiger Geschichte, da eben die Zukunft, z. B. die Gesundheit künftiger Generationen, bereits affiziert ist; „die Zukunft“ also „bereits begonnen“ hat. Völlig irreführend ist also die beliebte Beteuerung, über die Klimakrise sei noch nicht entschieden. – Wahr ist vielmehr, dass die Entscheidung durch die Treibhausgasemissionen bereits gefallen ist. Mithin gehört es zu deinen Pflichten, den Schein, dass wir noch vor der „Klimakrise“ leben, zu diskreditieren; und beim Namen zu nennen, was ist.

Wir werden von Geräten behandelt

Alle diese Postulate und Verbote lassen sich aber in einem einzigen Gebot kondensieren; in dem: „Habe und nutze nur solche Dinge, deren Maximen deine eigenen Maximen und damit die einer allgemeinen Gesetzgebung werden könnten.“

Dieses Postulat mag befremden; der Ausdruck „Maximen der Dinge“ klingt provozierend. Aber doch eben nur deshalb, weil das Faktum, das mit dem Ausdruck bezeichnet wird, selbst befremdlich und provokant ist. Was wir meinen, ist allein, dass wir, in der Gerätewelt lebend, nun von Geräten behandelt werden; und zwar immer auf diese oder jene gerätebestimmte Weise. Da wir aber andererseits Verwender dieser Geräte sind, da wir unsere Mitwelt mit Hilfe dieser Geräte behandeln, behandeln wir sie statt nach eigenen Prinzipien mit Hilfe der Behandlungsmodi der Apparate, also gewissermaßen nach deren Maximen. Was das Postulat verlangt, ist, dass wir uns diese, da sie ja, pragmatisch gesehen, unsere Maximen sind, so klar machen, als wären sie unsere; dass unser Gewissen statt in Prüfung unserer Innerlichkeit (die zum konsequenzenlosen Luxus geworden ist) nun in Prüfung der „geheimen Regungen“ und der „Prinzipien“ unserer Apparate bestehe. Ein im herkömmlichen Sinne seine Seele prüfender Klima- oder Energieminister (oder eine Ministerin) würde wahrscheinlich nichts sonderlich Böses finden an Infrastrukturen der Energiebereitstellung, insbesondere nicht an jenen, die vorgeblich treibhausgasneutral sind und durch moralische Stempel aufgewertet werden, die klingende Namen tragen wie „Taxonomie“ oder „Kompensation“. Erst wenn uns diese neue moralische Aktion: der „Blick in den Busen der Apparate“ geläufig geworden ist, werden wir mit mehr Recht darauf hoffen dürfen, dass wir, die wir die Entscheidung über unser Sein oder Nichtsein in der Hand halten, auch unser Sein in der Hand behalten werden.

Wir können nicht Nicht-können

Dein nächstes Prinzip laute: Glaube nicht, dass die Gefahr, wenn wir den ersten Schritt: den Ausstoß der Treibhausgase zu beenden, gemacht haben, vorüber sein werde, und dass wir dann dazu berechtigt sein werden, auf unseren Lorbeeren auszuruhen. Das Ende der Treibhausgasemissionen und das Ende der Zerstörung der Biosphäre (über die noch keinerlei effektive politische Einigung erzielt wurde) besagt nicht das Ende weiterer Treibhausgasproduktion. Selbst die Zerstörung derjenigen Infrastrukturen und Apparate, die für die Eventualität bereitliegen und wiederum zur Emission führen würden (Kohlekraftwerke für den Notfall etwa), beendet diese. Es gibt verschiedene mögliche Gründe für das Ende der Emissionen: Ein Staat kann sich z. B. deshalb dazu entschließen, die Emissionen zu beenden, weil sich seine aktuelle politische und ökonomische Lage dadurch verbessert, kurz, weil es sinnlos und unwirtschaftlich wäre, die fossilnukleare Zivilisation mit Emissionen heute zu gefährden. Diese Entscheidung kann jederzeit revidiert werden, wenn sich die Lage ändert.

Glaube ebenso wenig, dass wir ein Recht auf Sorglosigkeit hätten, wenn es uns gelungen wäre, unseren zweiten Schritt durchzuführen: Nämlich die weitere Produktion fossilnuklearer Apparate und Infrastrukturen zu stoppen; oder dass wir nach einem dritten Schritt: Nach der Zerstörung aller fossilenergetischen und nuklearen, zivilen wie militärischen Infrastrukturen und Apparate, die Hände in den Schoß legen dürften. Selbst in einer restlos „reinen“ Welt (also in einer, in der es keine solchen Infrastrukturen gäbe) würden wir sie doch noch immer haben, weil wir wissen würden, wie wir sie herstellen können. In einer auf solarem Wasserstoff oder Methan beruhenden Wirtschaft muss und wird es weiterhin Infrastrukturen und Apparate geben, die mit wenig Mühe zur Aufnahme fossiler Betriebsstoffe imstande wären – gerade das macht ja derzeit ihre Attraktivität aus, dass sie mit wenig Umbau aus fossilen Strukturen gebaut werden können. Zudem: In unserer Epoche mechanischer Reproduktion gibt es keine Nicht-Existenz irgendeines möglichen Produktes, weil das, was zählt, nicht die wirklichen physischen Objekte sind, sondern deren Typen, bzw. deren Pläne. Selbst nach Eliminierung aller physischer Objekte, die mit der fossilnuklearen Zivilisation zusammenhängen, könnte die Menschheit noch immer den Plänen zum Opfer fallen. „Dann müsste man eben“, könnte man schließen, „die Pläne zerstören.“ Aber auch das ist unmöglich, denn die Pläne sind unzerstörbar wie Platos Ideen; in gewissem Sinne sind sie geradezu deren diabolische Verwirklichung. Kurz: Selbst dann, wenn es uns gelänge, die verhängnisvollen Geräte und deren Pläne physisch zu zerstören und damit unsere Generation zu retten – mehr als eine Frist oder als einen Aufschub würde auch das kaum bedeuten. Die Produktion könnte jeden Tag wieder aufgenommen werden, die Möglichkeit der Klimakrisenverschärfung bleibt, und darum muss auch deine Angst bleiben. Von nun an wird die Menschheit für alle Ewigkeit unter dem dunklen Schatten des Monsters leben. Die apokalyptische Gefahr lässt sich nicht ein für alle Male, nicht durch einen Akt abschaffen, sondern nur durch täglich wiederholte Akte. Das bedeutet: Wir haben zu verstehen – und diese Einsicht zeigt uns vollends, wie verhängnisvoll unsere Situation ist –, dass unser Kampf gegen den physischen Bestand der Geräte und deren Konstruktion, deren Tests, deren Lagerung schlechthin unzulänglich bleibt. Denn das Ziel, das wir zu erreichen haben, kann nicht darin bestehen, die „Dinge“, die fossilnuklearen zivilen wie militärischen Infrastrukturen und Apparate nicht zu haben; sondern allein darin, sie niemals mehr anders als in solarer Befüllung zu verwenden, obwohl wir nichts dagegen tun können, dass wir sie haben, ja sogar brauchen; sie niemals mehr fossil zu verwenden, obwohl es niemals einen Tag geben wird, an dem wir sie nicht verwenden könnten.

Dies also ist deine Aufgabe: Der Menschheit beizubringen, dass keine physische Maßnahme, keine Zerstörung physischer Objekte jemals eine restlose Garantie darstellen wird, dass wir vielmehr fest dazu entschlossen sein müssen, den Schritt zurück in die fossilnukleare Zivilisation niemals zu machen, obwohl er immer möglich sein wird. – Wenn es uns: dir, dir, und mir, nicht gelingt, die Menschheit mit dieser Einsicht anzufüllen, dann sind die Transformationspfade, die die Mitnahme zentraler Errungenschaften der fossilnuklearen Zivilisation ermöglichen, unerreichbar.

Ursprungstext aus: Off limits für das Gewissen. Der Briefwechsel Günther Anders / Claude Eatherly, hrsg. und eingeleitet von Robert Jungk, Rowohlt Verlag 1961, S. 26 – 34

Nachwort

Diesen Text, den ich jahrelang in Vorlesungen zu Krieg und Umwelt verwendet habe, anzugreifen, Hand an ihn zu legen, ihn umzuschreiben, zu kürzen, Erläuterungen hinzuzufügen, manche Begriffe zu ändern, ist mir nicht leichtgefallen. Die Ehrfurcht vor dem Autor ist dabei nicht das größte Problem, wiewohl ich für Günther Anders große Ehrfurcht hege. Die eigentliche, die moralische Frage eines solchen Texts ist die der Aufweichung der Singularität einer Monstrosität, der Atombombe, durch ihren Vergleich mit der Klimakrise. Ich wage diesen Vergleich nach langem Zögern, weil die Klima- und Biodiversitätskrisen apokalyptisch sind, weil sie ein Monster darstellen, das sich unserer Handhabung, aber nicht unserer Verantwortung entzieht. Dazu habe ich an anderer Stelle auch publiziert (Verena Winiwarter, Umweltgeschichte verstummt in Plutopia. Von der (Un-)Möglichkeit, die nukleare Zivilisation zur Sprache zu bringen. In: Anna Mattfeldt, Carolin Schwegler und Berbeli Wanning (Hg.), Natur, Umwelt, Nachhaltigkeit – Perspektiven auf Sprache, Diskurse und Kultur. 2021, 35–62.), was ich hier anmerke, um die Ernsthaftigkeit meiner jahrelangen Beschäftigung zu markieren. Diesen Text umzuschreiben ist keine einzelne Handlung, sondern ein Teil langer Handlungsketten, zu der auch die Publikation eines kleinen Büchleins zählt, Verena Winiwarter, Der Weg zur klimagerechten Gesellschaft. Sieben Schritte in eine nachhaltige Zukunft (PICUS, Wien, 2022). Ich kann nur auf Verständnis für diese Entscheidung hoffen. Schlussendlich eine Erklärung zu einer zweiten Entscheidung, nicht etwa von Klima- und Biodiversitätskrisen zu schreiben, sondern die Klimakrise hervorzuheben. Die Biodiversitätskrise, das 6. Große Massenaussterben der Erdgeschichte, ist ebenso anthropogen wie die Treibhausgase. Spezies gehen unwiederbringlich verloren. Die Last tragen die Menschen des globalen Südens, die Verursacher sind im globalen Norden, Euphemismen für „arm“ und „reich“ zu finden, die Krisen sind gekoppelt, verstärken einander, sind im Grunde aber auf EINE Ursache zurückzuführen: auf die Verwendung fossiler und nuklearer Energie. Die technische Beseitigung der Treibhausgase allein wird die Biodiversitätskrise nicht vermindern, viele der angedachten „Lösungen“ sind vermutlich sogar schädlich. Aber eine Beseitigung der Treibhausgase ohne gesellschaftliche Transformation halte ich für unmöglich. Diese aber würde auch gegen die Biodiversitätskrise wirksam sein. Die „Gebote“ lassen sich ohnedies auf beides gleichermaßen beziehen.

*(ursprünglich: Günther Anders, Gebote des Atomzeitalters. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. 7. 1957)

Kontakt Verena Winiwarter: verena.winiwarter@oeaw.ac.at

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Verena Winiwarter (60) ausgebildet in Chemie, Geschichte und Publizistik, ist Umwelthistorikerin, Professorin an der Universität für Bodenkultur in Wien und Dichterin. Sie beschäftigt sich mit militärischen und zivilen Altlasten.


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