Buchtitel

George Grosz: König ohne Land – Eine Rezension

Der Platz ist gar nicht groß und wird geteilt von der Kantstraße mitten in Charlottenburg nahe dem Bahnhof Zoo. Parallel zu dieser langen westberliner Verkehrsachse verläuft die S-Bahnstrecke nach Potsdam. Die Station heißt Savignyplatz. Ein Platz mit Geschichte. Nicht notwendigerweise der im Berliner Zentrum noch häufig anzutreffenden Preußischen, es ist in den vergangenen 100 Jahren eher eine Geschichte von eruptiver Freude, grenzenloser Begeisterung und Verzweiflung, von mühsamem Überleben und grenzenlosen Abstürzen, von Fluchten und Exil. Im großem alten Haus am Savignyplatz 5 hat sich Viktor von Bülow von Bayern erholt. In dieses Haus ist nach seiner Rückkehr aus dem US-amerikanischen Exil George Grosz eingezogen. Im Treppenhaus ist er in der Nacht vom 5. auf den 6. Juli 1959 gestürzt, fast erstickt und wenige Stunden später dann verstorben. Im Alter von 66 Jahren. Wer in diesem Sommertagen über den Savignyplatz spaziert, vorbei am „ZWIEBELFISCH“, dem alten Künstler- und Trinkerwirtshaus aus den 60ger Jahren, läuft ziemlich genau auf das Haus mit der Nummer 5 zu. Hier hat Grosz mit seiner Frau Eva gewohnt. Hier ist er gestorben. Hier erinnert eine kleine Plakette an den großen Künstler. Am Abend vor seinem Tod sind der Berliner Kunstkritiker Martin Buttig, Eva und George Grosz in Charlottenburg unterwegs, im Taxi.

 Alexander Kluy schreibt in seinem beeindruckenden Buch „GEORGE GROSZ KÖNIG OHNE LAND“ (DVA) : „Eva Grosz steigt am Savignyplatz aus und ermahnt ihren Mann noch, sich des Sektes zu enthalten, er beschwichtigt sie, sie verabschiedet sich von den anderen…. Grosz zieht mit Buttig und den anderen wenige Meter weiter zu Dieners Restaurant, in dem noch reger Betrieb herrscht.“ Der Spaziergang über diesen Savignyplatz führt auch heute zum Diener, im den auch in diesen Tagen spät noch reger Betrieb herrscht. Alexander Kluy: „Der Wirt Franz Diener begrüßt Grosz freundschaftlich. An einer Wand hängt eine alte Fotografie, die den Künstler und den bulligen Gastronomen in Boxerpose mit erhobenen Fäusten zeigt. Grosz bestellt Sekt, dazu böhmisches Bier.“ Das kann man heute noch dort trinken. Bouletten draußen essen. Oben trommelt die S-Bahn über die Geleise. Fast 60 Jahre nach Grosz` Tod hat sich daran nichts geändert. Der Schluß von Kluys Biografie gehört zweifellos zu den großen Stärken dieses Buches, das sehr nachvollziehbar gegliedert und sehr verständlich geschrieben ist.
Mehring bedichtet den Tod des Freundes
Walter Mehring, Autor, Dadaist, Freund und Schicksalsgefährte von Grosz in den 20er Jahren in Berlin und Paris, im Exil und im Deutschland nach den Nationalsozialisten, „bedichtet“, so Kluy, „melancholisch den Tod des Freundes:
Die Zeitungsfrau
Der Eismann
Die Maurer
3 Allegorien einer
Berliner George-Grosz-Morgendämmerung
umstanden den Sterbenden,
den sie in eine Wohnung zu schaffen versuchten-vergeblich…
Sie hätten von ihm sein können-
Sein Werk,
Keine Künstlerhand hätte es so vollenden dürfen…..
Mehring und Grosz waren wirkliche Brüder im Geiste, in ihrer Haltung, eindeutig, melancholisch, ohne große Hoffnung, aber nicht hoffnungslos, voller Humor und Verzweiflung. Grosz schreibt seinem Freund Mehring im amerikanischen Exil: „Der kleine Mehring hat watt uffn Kasten und ich bin so sehr erfreut, daß endlich da einmal jemand ist, der nicht nur wirklich wunderbar dichterisch schreiben kann. Du nanntest es ja noch so ein Stückchen Künstlermoral, die man ja ganz genau nicht erklären kann, die aber doch eben wie die Wahrheit in einigen von uns noch lebt, und die weder Marx noch Rosenberg noch Goebbels umfärben kann.“
Alexander Kluys Buch ist, wahrscheinlich eher ohne Absicht, eine Warnung, liest man das Leben von George Grosz und auch seines Freundes Walter Mehring nach. Eine Warnung vor dem Faschismus. Zum Geburtstag eines Mannes, der vor diesem Faschismus geflohen und in die von ihm hinterlassenen Berliner Trümmer zurückgekehrt ist, um an einen Platz zu ziehen, der in den vergangenen 100 Jahren ein Zentrum der vor der russischer Revolution Geflüchteten war. Walter Mehring: „Heute, hier im Nachtexil – schambloß von Sinnen ohne Ziel -Auf meiner Vor-den-Massen-Flucht – verkommen verpöbelt und verrucht – Aus der Extase ins Allein – Unzüsüchtig! Süchtig! Dieses Schwein! – So will ich bleiben leiden lieben – Erlöst erst wenn ich ausgeschrieben.“
Beide Männer waren Könige ohne Land. Insofern stimmt der Untertitel dieser wirklich wichtigenGrosz- Bigografie. Sie ist eine Geschichte in Deutschland und über Deutschland. Über Fluchten und Flüchtlinge. Über große Kunst, in ihrem Heimatland erst denunziert und dann vernichtet, fremd in ihren Gastländern. Diese Geschichte ist 70 / 80 Jahre her. Andere finden heute statt. Nicht anders.
Bildquelle: DVA
Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 4 667 Abonnenten.



Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


'George Grosz: König ohne Land – Eine Rezension' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht