Wandgemälde Belfast zum Hungerstreik 1981

In Belfast sind die ewig alten Konflikte immer noch aktuell.

Mary McDrummond ist im Sommer 1968 16 Jahre alt. Sie lebt mit ihrer Familie im Westen von Belfast nicht weit von der Falls Road entfernt in einem dieser schmalen, niedrigen, einstöckigen grauen Siedlungshäuser mit kleinen Fenstern und einem engen, schmucklosen Vorgarten zur Straße hin. Es ist der Sommer, in dem der Nordirlandkonflikt für die britische wie die europäische Öffentlichkeit sichtbar ausbricht. Im Jahr der Aufstände in Europa. 50 Jahre ist das her.

Von Coalisland nach Dungannon gibt es den ersten Protestmarsch von katholischen Bürgerrechtsaktivisten. Ein paar Wochen später schießt die britisch geführte nordirische Polizei RUC in (London-) Derry eine Demonstration zusammen, verletzt 77 der Demonstranten zum Teil schwer. Nord Irland steht am Rand eines Bürgerkriegs, den beide Konfliktparteien bis heute etwas verniedlichend Troubles nennen. Mary McDrummond sagt: „Das war ein Krieg, ein richtiger Bürgerkrieg.“ Das Sinn – Fein – Büro liegt in der Falls Road gar nicht weit von der Springfield Road, die auf die Peace Line zuläuft, die den katholischen vom protestantischen Teil trennt. Bis heute. Mary McDrummond, unterdessen 65 Jahre alt, arbeitet für die Sinn Fein, die als politischer Arm aus der IRA hervorgegangen ist.
Es ist der Sommer 1969, als britische Truppen in Belfast stationiert werden, auch im konfliktreichen Westen der Stadt. „Sie wurden freundlich begrüßt,“ erinnert sich die kleine, temperamentvolle, freundliche Frau. Die Peace Line wird errichtet, soll die verfeindeten britischfreundlichen Protestanten von den katholischen irischen Republikanern trennen.  „Es waren gefährliche, böse Zeiten,“ fängt die 65jährige an, zu erzählen: „Vor allem nach den Zusammenstößen in Derry mit den 77 Verletzten.“ Erinnerungen werden wieder wach an damals, an ihre vier Jahre im Gefängnis, an die vielen Toten und Verletzten bis schließlich zu einer Art erstem Friedensabkommen vor 20 Jahren, dem Karfreitagsabkommen.
Was wird nach dem Brexit aus der Grenze?
Es ist ein Sonnabendnachmittag im August 1998. Im Zentrum der Kleinstadt Omagh explodieren 200 kg in einem Auto versteckter Sprengstoff. 31 Tote, hunderte Verletzte, Verstümmelte, Szenen des Grauen. Es ist der schlimmste und der übelste Anschlag im nordirischen Bürgerkrieg. Die Täter gehören der Real Irish Republican Army (RIRA), einer Dissidenten-Gruppe, an. Die Einwohner sind entdetzt, verletzt, demoralisiert. Omagh liegt nicht weit von der Grenze zu Irland entfernt. Die war vor 20 Jahren noch schwer befestigt, militärisch gesichert. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Grenzkontrollen gibt es keine mehr. Was wird nach dem Brexit aus dieser gar nicht sichtbaren Grenze? 500 km ist sie lang und wird nach dem Austritt Großbritanniens zur Außengrenze der EU.
Den meisten Menschen in Omagh, in Derry geht es bezüglich des Brexits in etwa neun Monaten wie denen in der Hauptstadt. Gleichgültig zucken sie mit den Schultern, weil ihnen nie irgendjemand der Brexit-Befürworter im fernen London erläutert hat, wie es dann weitergehen soll. Niemand habe wirklich eine Ahnung, was danach mit der Grenze passieren soll. „ich glaube nicht,“ meint Mary McDrummond, „daß es besser wird. Aber irgendwie sei der immer noch brüchige Frieden im Norden der Insel nicht stabil genug, sollte es zu einer Wiedereinführung der Grenzkontrollen kommen, denn die Dissidenten von der RIRA gäbe es auch heute noch, auch wenn es nur sehr wenige seien, meint die 65jährige. Die wollten nach wie vor ein von den Briten befreites vereinigtes Irland.
Es ist Mittwoch Anfang Juni in den Entries von Belfast. Die Entries, das ist das versteckte, in den frühen Jahren des 17. Jahrhunderts entstandene, alte Stadtzentrum: Enge Straßen, Gassen, schiefe, überhängende Hauswände, kleine Höfe dazwischen und mittendrin die aus dem Jahr 1620 stammende Western Tavern, der älteste Pub der Stadt. Die Falls Road und die Peace Line genannte Grenze sind nicht nur geografisch weit entfernt. „Wir wissen nicht, wie wir das all` die vielen Jahre ohne Gottes Hilfe überlebt hätten, vor allen Dingen nicht in diesem Land,“ steht über der Eingangstür des alten Wirtshauses. Da ist etwas dran angesichts dieses Gesellschaftskonflikts, der am nordwestlichen Rand Europas seit Jahrhunderten währt.
Vor der Tür stehen ältere Männer, rauchen, trinken Bier in diesen für Belfast ungewöhnlich sonnigen Mittagsstunden. Touristen veirren sich selten hierher. Ein jüngeres Pärchen sitzt auf einer der harten Bänke an einem schmalen Tisch, trinkt Cidre. Es kommt aus der irischen Stadt Cork, studiert Geschichte in Belfast: „Kein einfaches Thema,“ lächelt die 24 Jahre alte Jenna. „Unsere Geschichte ist wirklich schwierig, “ ergänzt sie, „auch in Irland,“ und schaut auf das vor ihr liegende Buch „Collected Poems“ des Nationaldichters und Literaturnobelpreisträgers (1923) William Butler Yeats: „Sein Leben, seine Gedichte und seine Stücke schildern einmalig unsere ewig alten Konflikte, die bis heute aktuell sind.“
Bildquelle:Von Jimmy Harris – Flickr, CC BY 2.0,  via Wikipedia
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Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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