Symbolbild Friedhof und Mißbrauch

Katholisch-kölsches Trauerspiel

Das Fest der Heiligen Drei Könige hat in Köln nicht nur für Katholiken eine ganz besondere Bedeutung. Der goldene Schrein mit ihren Gebeinen steht seit 1164 im Hohen Dom, ihm verdankt die Stadt seit dem Mittelalter ihre Größe und ihren Ruhm. Das „hillige Kölle“ zog und zieht seither Pilger aus aller Welt an.

Verständlich, dass der Gottesdienst am Dreikönigstag in der weltberühmten gotischen Kathedrale seit Menschengedenken ein kölsch-katholisches Hochfest ist. Und seit langem Tradition, dass der WDR-Hörfunk das vom höchsten Würdenträger der Diözese, dem Erzbischof, zelebrierte Hochamt live überträgt.

Das war auch 2021 am 6. Januar so. Doch um das Hochfest rankte sich ein katholisches Trauerspiel.  Im Mittelpunkt: Kardinal Rainer Maria Woelki, der seit Monaten im Verdacht steht, weniger zur Aufklärung der Missbrauchsfälle in seiner Diözese als zu deren Vertuschung beizutragen. Der Druck auf den Erzbischof, dem im Falle eines befreundeten und inzwischen verstorbenen Priesters Wissen  über dessen Missbrauchsdelikte vorgeworfen wird, ist so groß geworden, dass nicht nur Laienorganisationen seinen Rücktritt fordern, sondern auch aus dem Klerus der Diözese – wenn auch öffentlich noch vereinzelt – Stimmen in diese Richtung zielen. „Spitz auf Knopf“ stehe es um die Zukunft Woelkis, ließ sich der in Köln äußerst populäre Pfarrer Franz Meurer, als „Arbeiterpriester“ nahezu verehrt und seit Kindesbeinen ein Weggefährte des Kardinals, laut „Kölner Stadtanzeiger“ ein.

In dieser aufgewühlten Stimmung entschloss sich der WDR zu einem wohl in der jüngeren Kirchengeschichte einmaligen Schritt: Er verhandelte mit der Bistumsführung, ob der Erzbischof bei der traditionellen Übertragung nicht die Zelebration dem Dompropst Guido Assmann überlassen oder wenigstens auf eine Predigt verzichten könnte. Die Dramatik dieser Bitte wird in einem Vergleich deutlich: Das ist in etwa so, als würden die Fernsehsender die Bundeskanzlerin bitten, die Neujahrsansprache doch bitte ihrem Kanzleramtschef Helge Braun zu überlassen.

Woelki willigte natürlich nicht ein. Der WDR zog auch wegen  eines Paragraphen im WDR-Gesetz, nach dem Verkündigungssendungen in den Händen der Kirche liegen, den Kürzeren. Dafür allerdings bettete er die Berichterstattung vor und nach dem katholischen Hochfest mit langen Informationen und Gesprächen über die verheerende Performance des Kardinals und seines Generalvikariats ein.

Schlimmer hätte die Diskrepanz zwischen Weihrauch im Dom, einem Geschenk der Könige an das Christuskind und der Realität des Leids, das Priester geschundenen Kindern angetan haben, nicht deutlich werden können.

Dass die Diözesanleitung den Ernst der Lage nicht erkannt hat, dass sie glaubt mit juristischen Finessen die Wahrheit hinter dem Berg halten zu können, machte sie am Tag zuvor einer guten Handvoll Journalisten noch einmal deutlich. Sie hatte eingeladen, um Hintergrundinformationen zu einem von Woelki in Auftrag gegebenem und dann gestopptem Gutachten wegen angeblicher juristischer Fehler über Missbrauchsfälle in der Diözese zu geben. Doch vor dem Gespräch wurde von den Journalisten verlangt, eine „Verschwiegenheitserklärung“ zu unterschreiben, die sie zum „vollständigen Stillschweigen“ über alle Inhalte des von Woelki verworfenen Gutachtens verdonnern sollte – so hatte es die beratende Anwaltskanzlei gewollt.  Die belehrte die Journalisten, die sich weigerten, die Erklärung zu unterschreiben: „Das Begehren sei keineswegs unüblich, in den CumEx-Verfahren z.B. gang und gäbe. Man beachte den Vergleich“. So schreibt Joachim Frank, Theologe und  Chefkorrespondent des „Kölner Stadtanzeiger“ als Teilnehmer des Gesprächs auf Facebook.

In der Tat, ein sensibler Vergleich, wenn der Kardinal von seinen Beratern in diese feine Gesellschaft von Wirtschaftsabzockern gebracht wird. Es scheint, als reite sich der Mann, der sich vor zwei Jahren zum brutalst möglichen Aufklärer der Missbrauchsfälle aufschwingen wollte, immer weiter ins Verderben. Nicht die Missbrauchsfälle, sondern die Berichterstattung darüber – und damit der entstandene Kummer – bedrücken ihn, so empfanden viele seine Entschuldigung, die er den Gläubigen in seiner Heiligabend-Predigt verkündete.

Die wenden sich in Scharen ab. So groß ist der Andrang von Kirchenaustrittswilligen in Köln, dass das Amtsgericht bis Ende März keine Termine mehr frei hat. Und es könnte die nächste Austrittswelle folgen, weil dann ein neu in Auftrag gegebenes Gutachten über die Verstrickungen der Kölner Bistumsleitungen beim Vertuschen und Verschweigen von sexueller Gewalt vorliegen soll.

Im Neuen Testament folgt auf die Anbetung der Drei Könige für Maria, Josef und Jesus die Flucht nach Ägypten. Wer im Kölner Trauerspiel fliehen wird, fliehen muss, ist trotz aller Verschwiegenheitserklärungen offen. „Spitz auf Knopf“, wie der Arbeiterpriester Meurer gesagt hat.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Angela Yuriko Smith, Pixabay License

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Norbert Bicher

Als Parlamentskorrespondent der „Westfälischen Rundschau“ arbeitete Bicher als Journalist, bevor er 1998 Pressesprecher der SPD-Bundestagsfraktion wurde. Er war Sprecher des SPD-Fraktionsvorsitzenden wie auch des Bundesverteidigungsministers Dr. Peter Struck.


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