Matrosenaufstand 1918
Matrosenaufstand 1918l: Gruppenbild von revolutionären Matrosen auf SMS "Zähringen", Kiel, 5. November 1918. Foto: Archiv Ernst Schmidt / Fotoarchiv Ruhr Museum“.

Kieler Matrosenaufstand im November 1918: Ein Flächenbrand der Revolution – für Frieden und Demokratie

Das Ereignis, das sich an den letzten Oktober- und ersten Novembertagen zum 100. Mal jährt, ist nur eines von vielen aus dem Epochenjahr 1918. Andere sind spektakulärer, zumindest vordergründig: Die Abdankung und Flucht des letzten Kaisers nach Holland; die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann von der SPD; die Bildung der ersten demokratischen Regierung unter dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert; die Beendigung des Ersten Weltkriegs durch den Waffenstillstand im Wald von Compiègne; die Einführung des Frauenwahlrechts; die Gründung der KPD.

Im Vergleich damit führte der Kieler Matrosenaufstand in der öffentlichen Wahrnehmung lange Zeit ein Schattendasein als „vergessene Revolution“. Das hat viel damit zu tun, dass diejenigen aus der Militärdiktatur der 3. Obersten Heeresleitung (OHL) und der Seekriegsleitung des deutschen Kaiserreichs, gegen deren hochverräterische und mörderische Politik sich die Befehlsverweigerung der Matrosen richtete, jahrzehntelang die historische Deutungshoheit innehatten: allen voran General Erich Ludendorff, der die mutige, den Krieg beendende, die Demokratie erst möglich machende Revolution der Matrosen als „Dolchstoß“ diffamierte und umfälschte – als Dolchstoß in den Rücken des angeblich „im Felde unbesiegten“ Heeres.

Die Richtung der historischen Einordnung hat sich grundlegend gewandelt. Die Mehrheitsmeinung scheint inzwischen so zu sein, wie es der Historiker Wolfgang Niess formuliert: Der Aufstand der Kieler Matrosen sei der „wahre Weg“ zur Demokratisierung Deutschlands. So steht es auch im Titel des lesenswerten, vor einigen Monaten im Wachholtz-Verlag erschienenen Buchs des Historikers Martin Rackwitz „Kiel 1918. Revolution – Aufbruch zu Demokratie und Republik“. Darin räumt der Autor, neben manchem anderen, mit der Bezeichnung „Meuterei“ für den Matrosenaufstand auf – auch dies war eine jahrzehntelange Kriminalisierung seitens der Erfinder der „Dolchstoßlegende“.

Am 29. September 1918 erklärte die OHL um Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff den Krieg für verloren – eine neue Reichsregierung müsse sofort in Waffenstillstandsverhandlungen eintreten. So hätten sich die Generäle aus der Verantwortung gestohlen und alles Weitere den von ihnen bis dahin stets als unfähig verhöhnten Politikern überlassen, schreibt Rackwitz. Mehr noch: Bis zu diesem Tag hatte die von Ludendorff dominierte Militärdiktatur Politik und Öffentlichkeit über den wahren Zustand an der Front bewusst getäuscht. Die am 3. Oktober berufene neue Regierung unter Reichskanzler Prinz Max von Baden, in der erstmals auch Reichstagsabgeordnete von SPD, Zentrum und Linksliberalen vertreten waren, stand vor dem Scherbenhaufen einer gescheiterten Kriegspolitik. Geradezu abstrus war, dass nun die demokratischen Parteien die Verantwortung für die Kapitulation übernehmen mussten.

Zu den Waffenstillstandsbedingungen der Entente gehörte unabdingbar, dass das Deutsche Reich seine Kriegsflotte an die Briten ausliefern müsse – eine Forderung, die bei nationalistischen Militärs auf erbitterten Widerstand stieß. Einem solchen „schmachvollen Frieden“ wollte die Seekriegsleitung unter Admiral Reinhard Scheer durch eine „Entscheidungsschlacht“ gegen die Royal Navy zuvorkommen. Nach dem Angriffsplan von Konteradmiral Adolf von Trotha sollte die deutsche Flotte die Briten zwischen Themsemündung und flandrischer Küste stellen – ein Wahnsinnsunternehmen, bei dem aus Gründen vermeintlicher „Ehre“ unmittelbar vor Kriegsende noch Zehntausende deutscher und britischer Seesoldaten getötet worden wären.

Der Hochverrat der Admiräle

Es war jener fatale Befehl zum Auslaufen der Hochseeflotte, der den Kieler Matrosenaufstand auslöste. Schon Anfang Oktober hatte Admiral Scheer die Flotte auf Schillig Reede vor Wilhelmshaven, dem neben Kiel zweiten deutschen Kriegshafen, zusammenziehen lassen. Dazu gehörte auch das in Kiel stationierte III. Geschwader. Die Seekriegsleitung handelte dabei ohne Wissen der Reichsregierung. Mit ihrem „militärisch sinnlosen und politisch widersinnigen Flottenvorstoß“ fiel sie der Regierung „bewusst in den Rücken“ (Rackwitz). Die selbstmörderische Aktion richtete sich gezielt gegen die Waffenstillstandsverhandlungen. Schon 1979 schrieb der Historiker und Journalist Sebastian Haffner, das Verhalten der Admiralität im Herbst 1918 sei „Gehorsamsaufkündigung größten Stils, Insubordination, Offiziersmeuterei“ gewesen. Später war es exakt dieser Vorwurf der „Meuterei“, verbunden mit der Unterstellung des „Dolchstoßes“, den die rechtsgerichteten alten Eliten gegen die Kieler Matrosen und ganz allgemein gegen die Weimarer Republik in Stellung brachten.

Die Meuterei der Admiräle, der streng geheime Operationsbefehl Nr. 19 einer Entscheidungsschlacht gegen England sickerte durch. Der Befehl sollte Offizieren und Mannschaften erst dann bekanntgemacht werden, wenn am 30. Oktober die Flotte bereits auf hoher See war und es kein Zurück mehr gab. Als der Befehl zum Auslaufen der Flotte kam, verweigerten die meisten Mannschaften in Wilhelmshaven den Gehorsam, unter ihnen die Matrosen des III. Geschwaders aus Kiel. Sie sahen darin eine Gefährdung der langersehnten Friedensverhandlungen, sie wollten nicht in einer sinnlosen Schlacht verheizt werden. Zu unvorstellbar groß  war jetzt schon der Blutzoll der vier Kriegsjahre des Weltkrieges, der später als „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden sollte. Allein unter den Truppen der Mittelmächte (Deutschland, Österreich-Ungarn) und der Entente (Frankreich, Großbritannien, Russland, USA) waren zehn Millionen Todesopfer zu beklagen, davon zwei Millionen im deutschen Kaiserreich. Hinzu kamen noch einmal sieben Millionen zivile Tote in den am Krieg beteiligten Staaten.

Neben die Weigerung der Matrosen auf Schillig Reede, die Anker zu lichten, trat ein weiteres wirksames Instrument: Die Heizer löschten die Feuer unter den Kesseln, den riesigen Schiffsmotoren fehlte schlicht der Dampf zum Auslaufen. In der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 1918 musste die Seekriegsleitung ihre Pläne einer Seeschlacht gegen die Royal Navy aufgeben. Um Autorität wiederzugewinnen, entschloss sich die Admiralität, die Flotte wieder auf mehrere Standorte zu verteilen, und verlegte das III. Geschwader in seinen Heimathafen Kiel zurück. Am 1. November trafen die Schiffe, die die Route über den Nord-Ostsee-Kanal genommen hatten, mit 5000 Mann Besatzung an der Schleuse Kiel-Holtenau ein. Mehr als 40 Matrosen wurden umgehend als angebliche Rädelsführer verhaftet und in Kieler Arrestanstalten eingeliefert.

Mit der roten Fahne zum Gouverneur

Von nun an ging alles rasend schnell. Vom Putsch der Admiräle über die in Kürze reichsweite Revolte von Soldaten und den Generalstreik von Arbeitern bis hin zur Flucht des Kaisers und der Ausrufung der Republik vergingen nur wenige Tage. Rackwitz: „Der Zusammenbruch der scheinbar so gefestigten Gesellschaftsordnung des Kaiserreichs und seines gewaltigen Militärapparates dauerte kaum mehr als eine Woche.“

Wilhelm Souchon

Vernunft statt Blutvergießen: Kiels Militärgouverneur Wilhelm Souchon. (Foto: Archiv Föhrde-Club zu Kiel)

Exemplarisch dafür war die Entwicklung in der völlig durchmilitarisierten Stadt Kiel während der ersten Novembertage 1918. Zwar hatte Kiel einen Oberbürgermeister und eine Stadtverwaltung, die eigentliche Macht aber lag bei der „Marinestation der Ostsee“ und deren Leiter Admiral Wilhelm Souchon (1864 – 1946), der gleichzeitig Gouverneur von Kriegshafen und Stadt Kiel war, und beim Stadtkommandanten Kapitän zur See Wilhelm Heine.

Noch am 1. November sorgten Matrosen des III. Geschwaders, die zu Hunderten gleich nach der Ankunft in Kiel Urlaub bekommen hatten, für Demonstrationen und Versammlungen. Versuche der Admiräle, den Aufstand niederschlagen zu lassen, scheiterten, weil auch angeblich loyale Truppen zu den revoltierenden Matrosen überliefen oder sich neutral verhielten. Maßgeblich gestützt wurden die Matrosen durch die Gewerkschaften und Arbeiter auf den Werften, die zum Generalstreik aufriefen. In der hochgradig aufgeheizten Atmosphäre schien Blutvergießen unvermeidbar. Tatsächlich gab es am 3. November zehn Tote, als ein überforderter junger Offizier den Befehl gab, auf Demonstranten zu schießen. Weitere zehn Menschen starben zwei Tage später. Schließlich kam in der Nacht zum 5. November auch Stadtkommandant Wilhelm Heine in seiner Privatwohnung an der Feldstraße 122 ums Leben, als revolutionäre Matrosen, beim Versuch, ihn zu verhaften, durch die geschlossene Wohnungstür schossen.

Karl Artelt

Für eine Woche im Scheinwerferlicht: Revolutionär Karl Artelt von der USPD (im Bild links). (Foto: Familienbesitz, zur Verfügung gestellt von Klaus Kuhl)

Bei alledem bewies Gouverneur Wilhelm Souchon weitestgehend Vernunft im Umgang mit der neuen Lage. Das zeigt auch die Zusammenarbeit mit seinem Gegenspieler, dem einfachen Matrosen Karl Artelt (1890 – 1981). Das USPD-Mitglied hatte auf dem Höhepunkt des Kieler Aufstandes den ersten Soldatenrat gegründet und war in dieser Funktion am 5. November zu Verhandlungen in die Marinestation gebeten worden. Mit einer roten Fahne am Auto fuhr Artelt von der Torpedostation an der Wik zur Marinestation. Er erreichte in den Gesprächen, dass Truppen, die den Aufstand niederschlagen sollten, die Order zum Rückzug erhielten. Auch die letzten inhaftierten Matrosen wurden aus den Marinearrestanstalten entlassen. „Souchons Weigerung, nach den tödlichen Schüssen vom 3. November erneut militärische Gewalt anzuwenden, bewahrte Kiel vor einem weiteren Blutbad“, sagt Rackwitz.

Schon zuvor hatte Souchon die Reichsregierung in Berlin telegrafisch um Hilfe gebeten: „Bitte, wenn irgend möglich, hervorragenden sozialdemokratischen Abgeordneten hierherzuschicken.“ Der solle „im Sinne der Vermeidung von Revolution und Revolte“ zu den Aufständischen sprechen (siehe Danker, Uwe: Schleswig-Holstein 1800 bis heute). Die Reichsregierung schickte daraufhin am 4. November den Reichstagsabgeordneten und sozialdemokratischen Wehrexperten Gustav Noske (1868 – 1946) nach Kiel. In Verhandlungen mit Souchon und Noske stellten die Matrosen jetzt erstmals auch politische Forderungen: das Ende der Monarchie, freie Wahlen zu einer Republik, Pressefreiheit.

Zur selben Zeit versuchte die Seekriegsleitung erneut, „der politischen Führung des Reiches in den Rücken zu fallen“ (Rackwitz). Kiel sollte von Land und von See her abgeriegelt, loyale Truppen sollten in Marsch gesetzt werden. Zudem wurden im Großen Hauptquartier im belgischen Spa unter Einbeziehung von Kaiser Wilhelm II. Pläne ausgearbeitet, in der Marinestation der Ostsee den vom Gedanken der Deeskalation geleiteten Wilhelm Souchon abzulösen und durch einen als martialisch und rücksichtslos bekannten Admiral zu ersetzen. Beide Vorhaben zeigen, wie fern jeglicher Realität die alten Eliten selbst jetzt noch agierten.

Giustav Noske

Gustav Noske

Als „Tag des Sieges“ im Kieler Matrosenaufstand gilt der 5. November 1918, als auf den Schiffen die kaiserlichen Flaggen eingeholt und an ihre Stelle – ebenso wie auf dem Rathausturm – rote Fahnen gesetzt wurden. Die Macht in Stadt und Kriegshafen ging an den Arbeiterrat und den Soldatenrat über. In beiden Räten gab die gemäßigte Mehrheits-SPD (MSPD) den Ton an. Im Soldatenrat ließ sich Gustav Noske zum Vorsitzenden wählen, Karl Artelt, der die Revolution maßgeblich vorangetrieben hatte, zog sich enttäuscht zurück. Kurze Zeit später wurde der überaus durchsetzungsfähige SPD-Reichstagsabgeordnete Noske als Nachfolger von Admiral Souchon zudem zum Gouverneur ernannt.

Von Kiel nach Berlin: Die exportierte Revolution

Die aufständischen Matrosen setzten sich nicht in Kiel fest. Sie trugen die Revolution in für damalige Verhältnisse sehr kurzer Zeit in alle Ecken des Reichs. Angesichts kaum vorhandener Kommunikationsmittel und noch mitten im Krieg, angesichts noch nicht vollständig abgeschaffter Pressezensur, blieben zur Verbreitung der Revolution nur die Bahnlinien, um überall Arbeiter- und Soldatenräte zu gründen. Gesandte der Aufständischen in Kiel reisten mit der Eisenbahn zuerst in die Städte Norddeutschlands, sehr bald auch nach Berlin, ins Ruhrgebiet, nach Frankfurt, Stuttgart, München, nach Köln, Magdeburg, Leipzig. Oft wurden sie von der gut organisierten Arbeiterschaft erwartet. Vielerorts übernahmen Revolutionäre die Macht in Städten und Gemeinden, wurden inhaftierte Soldaten befreit. „In Kiel nahm die Revolution ihren Anfang“, heißt es in Ulrich Langes „Geschichte Schleswig-Holsteins“ – und dennoch verschob sich nach dem 7. November 1918 binnen zwei Tagen das Zentrum der Revolution nach Berlin.

In der Reichshauptstadt begann der für die Revolution entscheidende 9. November mit Generalstreik und Massendemonstrationen. Hunderttausende zogen durch das Regierungsviertel und verlangten sofortigen Waffenstillstand und das Ende der Hohenzollernherrschaft. Zur Beruhigung der aufgewühlten Massen verkündete Reichskanzler Prinz Max von Baden eigenmächtig die Abdankung des Kaisers und preußischen Königs einschließlich Thronverzicht des Kronprinzen. In einer Sonderausgabe titelte der sozialdemokratische „Vorwärts“ am 9. November 1918: „Der Kaiser hat abgedankt!“ Max von Baden selbst trat als Reichskanzler zurück und übertrug die Amtsgeschäfte auf den SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert (1871 – 1925). Am Nachmittag des 9. November rief der SPD-Politiker Philipp Scheidemann (1865 – 1939) von einem Balkon des Reichstags die „Deutsche Republik“ aus. Wenig später proklamierte der USPD-Führer Karl Liebknecht vom Stadtschloss der Hohenzollern aus die „Freie Sozialistische Republik“.

Der Umbruch von autoritären zu republikanischen Machstrukturen, der mit der Abdankung des deutschen Kaisers und preußischen Königs begonnen hatte, setzte sich rasch fort. Konfrontiert mit den neuen Arbeiter- und Soldatenräten vor der eigenen Tür, sahen sich auch regionale Fürsten zur Demission gezwungen und räumten ihre Residenzen. Die letzten Toten unter den Kieler Matrosen, die im November nach Berlin gekommen waren und sich mehrheitlich der USPD angeschlossen hatten, gab es zu Weihnachten 1918. Bei Kämpfen mit regierungstreuen Truppen der Regierung Ebert starben elf Matrosen. Beigesetzt wurden sie unter großer öffentlicher Teilnahme auf dem „Friedhof der Märzgefallenen“ in Berlin-Friedrichshain, wo gut 70 Jahre zuvor die Toten der Revolution von 1848 beerdigt worden waren.

Der Irrsinn von Scapa Flow – Nachlese Teil 1

Scappa Flow

Deutsche Flotte in Scappa Flow

Was die Seekriegsleitung unter Admiral Reinhard Scheer mit dem hochverräterischen Flottenbefehl von Ende Oktober 1918 erreichen wollte, nämlich die deutsche Kriegsflotte aus hurrapatriotischen Gründen in einem faktisch schon verlorenen Krieg zu opfern, vollendete der deutsche Admiral Ludwig von Reuter acht Monate später in der Bucht von Scapa Flow. In den britischen Kriegshafen auf den schottischen Orkney-Inseln waren 74 Schiffe der kaiserlichen Hochseeflotte gebracht worden, um sie entsprechend den Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages an Großbritannien zu übergeben. Am 21. Juni 1919, wenige Tage vor Unterzeichnung des Friedensvertrages, gab Reuter den Befehl zur Selbstversenkung der Flotte durch Öffnung der Seeventile der deutschen Schiffe. 52 Schiffe, darunter zehn Großlinienschiffe, sanken, bevor britische Soldaten eingreifen konnten, 22 wurden halbwegs manövrierfähig in seichtes Gewässer geschleppt. Bei Schießereien mit britischen Truppen verloren in Scapa Flow neun deutsche Seeleute ihr Leben, die letzten Toten des Ersten Weltkriegs. In Kreisen der deutschen Marine und der rechtsextrem-völkischen Parteien wurden die völkerrechtswidrige Selbstversenkung der Schiffe in der Bucht von Scapa Flow als „Ehrenrettung“ und Admiral von Reuter als Held gefeiert.

Ludendorffs Ungeist und kein Ende – Nachlese Teil 2

Erich Ludendorff

Erich Ludendorff

Der böse Geist der deutschen Geschichte im und nach dem Ersten Weltkrieg war General Erich Ludendorff (1865 – 1937). Als Stellvertreter des gefügigen Paul von Hindenburg errichtete er 1916 eine Militärdiktatur an Stelle von Kaiser und Reichsregierung. Er verantwortete die gescheiterte Frühjahrsoffensive 1918, stellte im September 1918 die Niederlage des deutschen Heeres fest und forderte von der neuen Reichsregierung Waffenstillstandsverhandlungen mit der Entente – um dann als einer der Protagonisten der Dolchstoßlegende zu behaupten, das „im Felde unbesiegte“ Heer sei von den Demokraten in der Heimat gemeuchelt worden. Ludendorff beteiligte sich aktiv am Kampf gegen die Weimarer Republik, war 1920 beim Kapp-Putsch und 1923 beim Hitler-Putsch dabei, gründete republikfeindliche völkische Vereinigungen, ohne dass ihm derartige hochverräterische Verbrechen je geschadet hätten. Ludendorffs und Hitlers Propaganda gelang es, die am vermeintlichen Dolchstoß beteiligten ehrbaren Demokraten als „Novemberverbrecher“ zu diffamieren. Als solcher wurde der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger (1875 – 1921), der namens der Reichsregierung das Waffenstillstandsabkommen von Compiègne unterzeichnet hatte, drei Jahre später von Rechtsterroristen ermordet. Ludendorffs Ungeist lebt dagegen weiter. Noch mehr als 80 Jahre nach seinem Tod beobachtet der Verfassungsschutz die von ihm gegründete völkisch-rechtsextremistisch-antisemitische Vereinigung „Bund für Deutsche Gotterkenntnis“. Auf dessen Privatfriedhöfen wie der „Ahnenstätte Hilligenloh e. V.“ bei Oldenburg werden immer noch alte und neue Nazis beerdigt. Zur Verbreitung ihrer Weltanschauung unterhalten die „Ludendorffer“ einen eigenen Verlag.

 

Bildquellen:

Titelfoto: Revolutionäre Kieler Matrosen an Deck des Linienschiffs SMS Zähringen. Archiv Ernst Schmidt / Fotoarchiv Ruhr Museum.

Foto Wilhelm Souchon:  Archiv Föhrde-Club zu Kiel.

Foto Karl Artelt: Familienbesitz, zur Verfügung gestellt von Klaus Kuhl.

Alle anderen Fotos: Wikipedia, gemeinfrei.

 

 

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Rainer Zunder

Rainer Zunder war als Politikredakteur für die Westfälische Rundschau in Dortmund tätig. Seit dem Eintritt in den Ruhestand engagiert er sich ehrenamtlich in der Evangelischen Kirche, im Dortmunder Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus und im Arbeitskreis Christen gegen Rechts.


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