Konzentrationslager Dachau

Man fühlt sich erinnert an die eigene Jugend – Willi Winklers Buch „Das braune Netz“ macht betroffen

Man fühlt sich erinnert an die eigene Kindheit und Jugend, wenn man das Buch von Willi Winkler „Das braune Netz“ liest mit der Unterzeile „Wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde“. Aufschlussreich ist gleich zu Anfang die Zeile: „Glücklich ist, wer vergisst…“ Und dann geht das so weiter mit dem ersten Kapitel: „Die Mörder sind unter uns.“ Man fühlt sich zurückgeworfen in die 50er Jahre vor allem, wenn man dieses lesenswerte Buch liest. Die Rote Armee hatte zwar mit großen Verlusten an Menschen-bis zu 27 Millionen Tote gab es unter den Völkern der Sowjetunion- den größten Anteil am Sieg über die Nazi-Diktatur in Deutschland und Europa, nicht von ungefähr passierte die Landung der Allliierten in der Normandie erst im Sommer 1944, weil die Rote Armee die Nazis Richtung Westen jagte und sie schwächte und leztendlich besiegte. Davon wollte danach aber kaum einer was wissen. Die Sieger, das waren die aus dem Westen, die Amerikaner, Briten, Franzosen, die Russen waren schnell der neue Feind, der in Berlin stand und dem man unterstellte, er wolle ganz Europa einnehmen. Das Böse, das war der Kommunismus.

Ein merkwürdiges Gefühl beschleicht den, der in diesem Buch liest und der darüber sinniert, wie es denn damals war in den Gesprächen in Deutschland. Dass man nach dem Krieg so wenig darüber erzählte, über einen Krieg, der immerhin zwischen 60 und 70 Millionen Menschen weltweit das Leben kostete, ein Krieg, der angezettelt war von Nazi-Deutschland, aber das war schnell vergessen, oder verdrängt, zumindest war es kein Thema. Kein Wort über die Verbrechen der Nazis, deren Gräuel viele vorgaben, nicht zu kennen. Hitler, Goebbels, Himmler, sie waren tot. Ende der braunen Schreckensherrschaft. Sechs bis sieben Millionen Juden vergast, irgendwie ermordet, erschlagen, wer gegen die Nazis opponiert hatte, war oft genug in einem KZ, das von Dachau war das erste, errichtet vor den Toren Münchens. Die Bewohner der Stadt wussten das, haben die Gefangenen auf ihrem Transport in diese lebenden Folterkammern nicht selten noch beschimpft oder angespuckt. Und wer draußen war, hörte hin und wieder: Wenn Du so weiter redest, kommst Du nach Dachau, Redewendungen wie diese waren bekannt.

„Der deutsche Soldat und kein ermordeter Jude galt in der ersten Nachkriegszeit als Opfer“. Schreibt Winkler . Man gedachte der Kriegsgefangenen per Briefmarke und feierte den ersten Kanzler Adenauer, dem es gelungen war, 1955 die letzten 10000 Gefangenen aus Rußland zu holen.

Fritz Bauer und Auschwitz-Prozess

Der Nazi, ihn gab es offiziell nicht mehr, Millionen NSDAP-Mitglieder einfach bekehrt, ganz schnell Demokraten geworden, hatten das braune Hemd gegen etwas Weißes eingetauscht. Viele wurden entnazifiziert, viele durften einfach da weitermachen, wo sie gegen Ende des Krieges stehen geblieben waren. Beamten-Laufbahnen. Merkwürdig, in der Schule war das kein Thema, das Altertum, das Mittelalter, die Neuzeit hörte meistens auch in der Oberstufe bei der Weimarer Republik auf. Auschwitz, diese Hölle auf Erden, kein Thema. Erst Fritz Bauer setzte Auschwitz auf die Tagesordnung- gegen massive Widerstände kam es zu den Frankfurter Prozessen Mitte der 60er Jahre, fast 20 Jahre nach dem Ende des bisher schlimmsten aller Kriege. Mein Geschichtslehrer, er stammte aus Rumänien, behauptete, es gäbe nichts Schlimmeres als den Kommunismus, der schlimmer sei als die Nazis waren.

Die KPD wurde in Deutschland verboten, die DKP folgte und fristete ein Aschenputtel-Dasein mit wenigen Ausnahmen: in Bottrop und in Hattingen saßen DKP-Leute im Rat der Stadt und wurde misstrauisch beäugt, weil sie ja im Grunde so was wie Moskauer Spione waren, Vorposten der Kommunisten mit dem Ziel, ganz Deutschland zu erobern. Keine Übertreibung, so waren die Geschichten, die erzählt wurden. Die eigentliche Gefahr für den Westen war immer Rot, Moskau, der Welt-Kommunismus. Dass die Welt durch die Nazis in einen Weltkrieg gezerrt wurde, das war irgendwie vergessen.

Glücklich ist, wer vergisst.. Ende 1946 schrieb ein 70jähriger Rentner an einen Geistlichen Rat, einen Schulfreund, der in Bonn in St. Elisabeth als Pfarrer wirkte. Der Schreiber war empört, das deutsche Volk, so seine Anklage, habe sich „fast widerstandslos, ja zum Teil mit Begeisterung…gleichschalten lassen. Darin liegt seine Schuld. Im übrigen hat man aber auch gewusst-wenn man auch die Vorgänge nicht in ihrem Ausmaß gekannt hat-dass die persönliche Freiheit, alle Rechtsgrundsätze mit Füßen getreten wurden, dass in den Konzentrationslagern große Grausamkeiten verübt wurden, dass die Gestapo, unsere SS und zum Teil auch unsere Truppen in Polen und Rußland mit beispielloser Grausamkeit gegen die Zivilbevölkerung vorgingen. Die Judenpogrome 1933 und 1938 geschahen in aller Öffentlichkeit.“ Der Schreiber dieser Zeilen war Konrad Adenauer, später der erste Kanzler, der die Verfolgung durch die Nazis unter dem Schutz der katholischen Kirche knapp überstanden hatte. Er war in Maria Laach versteckt. Für Adenauer gab es keine Zweifel an den Verbrechen der Nazis und daran, dass das deutsche Volk mitschuldig geworden war. Und doch plädierte derselbte Adenauer für „Tabula rasa“, für das große Vergessen. „Man kann doch ein Auswärtiges Amt nicht aufbauen, wenn man nicht wenigstens zunächst an den leitenden Stellen Leute hat, die von der Geschichte von früher her etwas verstehen.“ Da ein Mangel an Leuten herrschte, wie Winkler schreibt, der nicht mitgemacht hatte, musste man auf die zurückgreifen, die etwas davon verstanden- eben auch viele Nazis.

Da ist dann als erster zu nennen Hans Globke, der Adenauers Kanzleramt leitete, der den Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen geschrieben hatte. Und der auch festgelegt hatte, wer Jude war. Und davon hing auch ab, wer verfolgt, wer ins KZ gesperrt wurde. „Mit Ausnahme von Gustav Heinemann waren alle Bundespräsidenten von Theodor Heuss bis Roman Herzog vom Nationalsozialismus kontaminiert.. Sie kamen aus der Mitte des Mitläufervolkes“. So Winkler. Eduard Dreher, im Zweiten Weltkrieg beteiligt an mindestens drei Todesurteilen für Bagatelldelikte, habe es gebracht zum maßgeblichen Strafrechtskommentator, er habe sogar persönlich Hand anlegen können, erklärt der Autor, „als 1968 im Rahmen der Großen Strafrechtsreform auch die Beihilfe zum Mord, also auch sein rechtswidriges Wirken amnestiert wurde.“ Also wurde kein einziger Richter verurteilt dafür, dass er zuvor noch alles andere als Recht gesprochen hatte. Wie war noch der Satz, den wir aus der Causa Filbinger/Hochhuth kennen: Was gestern Recht war, konnte doch nicht plötzlich Unrecht sein.

Winkler nennt die Namen und setzt dahinter in Klammern die Zugehörigkeit des Genannten zur NSDAP mit Datum, oder zur SS oder zur SA. Das findet man dann auch bei Kurt Georg Kiesinger(NSDAP-Mitglied seit 1933), dem CDU-Kanzler der großen Koalition. Es findet sich der Hinweis auf den „Verfassungsfeind“ Theodor Maunz, der das Grundgesetz kommentiert hatte, auf Albert Speer, der zum „Star der Vergangenheitsbewältigung avancierte“, der angeblich Hitlers Nero-Befehl der verbrannten Erde heldenhaft missachtet haben wollte. Speer, also der gute Nazi, dem die Republik den Aufstieg verdankte. Wir wissen längst, dass das alles gelogen war, dass Speer zu den engsten Freunden Hitlers zählte und der natürlich beteiligt war am Bau der Konzentrationslager.

Nazis saßen überall in der frühen Bundesrepublik, schreibt Winkler, sie saßen im Bundestag, in den Länderparlamenten, in den Behörden und Ministerien, in der Polizei, in der Justiz, sie saßen in der Regierung und zu Gericht, „in manchen Fällen sogar über ihre ehemaligen Opfer“, beschreibt Winkler die Situation. Sein Fazit: „Die frühe Bundesrepublik war ein einziger Skandal.“ Eine Partei der ehemaligen NSDAP-Mitglieder hätte bis in die 60er Jahre die größte Fraktion im Bundestag stellen können

Conze war dabei wie Schelsky

Winkler hat auch die Universitäten und deren Hochschullehrer und ihre Geschichte unter die Lupe genommen. Und natürlich fanden sich auch da Nazis. Martin Heidegger ist darunter, aber auch der Historiker Werner Conze(Mitglied der NSDAP seit 1939, Nr. 5089796) und seit 1933 Mitglied der SA. Ihm und seinen Kollegen wurde später die geistige Vorbereitung der NS-Bevölkerungspolitik in Osteuropa vorgehalten, auch ist Conze nicht frei von antisemitischen Texten.Winkler hat recherchiert, dass der angesehene Professor Conze bereits vor dem 2. Weltkrieg sytemnah und systemstützend gewirkt, also geschrieben und zum Beispiel ein „erbgesundes Bauerntum als Blutquell des deutschen Volkes“ empfohlen habe. Auch habe er die „Entjudung der Städte und Marktflecken im besetzten Polen“ verlangt. Von Heidegger, dem Rektor der Uni Freiburg, wissen wir, dass er bei der Bücher-Verbrennung mitgewirkt hatte. Der Soziologe Helmut Schelsky war dabei (SA seit 1932, NSDAP-Mitglied seit 1937), der Erfinder der „skeptischen Generation“, auch Günther Grass, der Links-Intellektuelle und spätere Literatur-Nobelpreisträger.

Winkler vergisst das „Sturmgeschütz der Demokratie“, das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ nicht, das viel zu lange von alten Männern des NS-Regimes mitgestaltet wurde, einer der Vize-Chefredakteure war ein gewisser Georg Wolff, ehemaliger SS-Hauptsturmführer, NSDAP-Mitglied und SA-Mitglied

Eine Bundesrepublik, die ihren Erfolg den Nazis zumindest mitverdankt? Das klingt zynisch. Wie die Bemerkung, zur Staatsräson der Bundesrepublik habe der Anti-Kommunismus gehört(Der Freitag). Das Buch schließt mit der Wahl von Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten, der kein Nazi war, und mit der Wahl von Willy Brandt zum Bundeskanzler, den seine Gegner einen „Vaterlandsverräter“ genannt hatten. Willy Brandt war ein Verfolgter der Nazis. Beide, Heinemann und Brandt, gewählt mit den Stimmen der FDP, die in den Anfangsjahren der Republik eine Art Auffangbecken für alte Nazis war. Walter Scheel war nicht nur Jagdflieger und Oberleutnant der Wehrmacht, sondern NSDAP-Mitglied. 12 Jahre Nazi-Herrschaft war alles andere als ein Vogelschiss.

p.s. Wer dies Buch liest, wundert sich eigentlich nicht, dass aus einer vom Bundesinnenministerium 1981 veröffentlichten Studie hervorging, dass rund 15 Prozent der Deutschen anfällig sei für rechtsextreme Parolen. Den Vergleich mit heute erspar ich mir. Es sagt genug aus, dass eine Partei wie die AfD, die Nationalisten in ihren Reihen hat, auch Rassisten, die partiell fremdenfeindlich ist, völkisch, gerade bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg mit weit über 20 Prozent der Stimmen zweitstärkste Kraft geworden ist. Die rechtspopulistische AfD sitzt in allen deutschen Parlament wie auch im Europa-Parlament.

Willi Winkler: Das braune Netz. Wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde. Rowohlt-Verlag Berlin, 2019. 414 Seiten.22 Euro.

 

Bildquelle: Pixabay, Bild von Jordan Holiday, Pixabay License

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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