Tafelaufschrift "Inflation"

Mit höheren Zinsen in die Rezession?

Weltweit steigen die Preise. Energie, Nahrungsmittel, Rohstoffe und vieles andere sind enorm teuer geworden. Das schlägt sich in den Kosten für die private Lebenshaltung so stark wie seit langem nicht mehr nieder. Gegenüber dem Vorjahr haben sich diese hierzulande um rund 8 Prozent erhöht.

Explosion der Preise für Energie

Ob im Supermarkt oder an der Tankstelle, ob im Restaurant oder beim Friseur – überall muss für Waren und Dienstleistungen mehr bezahlt werden. Die Kaufkraft des Euros ist drastisch gesunken. Selbst die Beschäftigten, für die in jüngster Zeit Lohn- und Gehaltserhöhungen ausgehandelt wurden, müssen Realverluste hinnehmen. Das gilt ebenso für die Sparer, die schon seit einigen Jahren keine oder nur geringe Zinsen für ihre Gelder erhalten. Die hohe Inflation frisst einen Teil ihres Finanzvermögens weg. Und das dicke Ende wird noch kommen: Denn die Abrechnung für die Heiz- und Stromkosten wird erst in einiger Zeit ins Haus flattern. Die Preise für Gas und Öl sowie für Elektrizität sind bereits explodiert. Nicht wenige Hauseigentümer und Mieter müssen sich darauf einstellen, dass ihre Energierechnung um 200, 300 oder noch mehr Prozent höher ausfallen wird wie im Vorjahr. Bei vielen sind bereits die Abschlagszahlungen dafür entsprechend angepasst worden.

Entlasten und Wachstum fördern

Landauf, landab wird vor diesem Hintergrund nach Entlastungen durch den Staat gerufen. Dabei wird zumeist vergessen, dass die öffentliche Hand nur das geben kann, was zuvor über die Steuern eingenommen wird. Deshalb müssen alle Bürgerinnen und Bürger vor allem daran interessiert sein, dass die Wirtschaft weiterhin wächst, die Beschäftigung hoch bleibt, damit auf die Erträge und Einkommen Steuern erhoben werden können und in die staatlichen Kassen fließen. Ohnehin ist die Steuer- und Abgabenquote in Deutschland sehr hoch. So rutschen bereits viele Millionen Facharbeiter, Angestellte und andere in die Progression des Steuertarifs, müssen also für Teile ihrer Löhne und Gehälter Spitzensteuersätze zahlen, was nicht bei allen die Bereitschaft zu hohen und höheren Leistungen befeuert. Dass der Bundesfinanzminister Christian Lindner darauf drängt, diese Gruppe zu entlasten und das Wachstum unserer Volkswirtschaft zu fördern, ist der richtige Kurs. Das gilt auch dafür, dass er den Bundeshaushalt konsolidieren und damit die Schuldenbremse einhalten will. Denn noch mehr Ausgaben auf Pump mit einer kräftigen Ausweitung der Nettokreditaufnahme würde die ohnehin schon zu hohe Inflation noch weiter befeuern.

EZB in der Zwickmühle

All überall wird im Kampf gegen die Geldentwertung die Europäische Zentralbank (EZB) um Hilfe gerufen. Einige Jahre lang hat sie mit ihrer Nullzinspolitik und indirekten Milliarden-Hilfen für viele EU-Mitglieder für sehr günstige Finanzierungskonditionen gesorgt. Private Haushalte, Unternehmen und die öffentlichen Hände haben davon profitiert: Die Privaten etwa bei den Hypotheken für ihren Hausbau, die Unternehmen mit billigen Investitionskrediten und der Staat mit Milliarden Euro, die er für seine Neuverschuldung nicht aufbringen musste. Erste vorsichtige Schritte hat die EZB inzwischen bei ihrer Geldpolitik unternommen und die Zinsen wieder über die Nulllinie angehoben. Weitere Zinserhöhungen werden bald folgen. Denn die Notenbank der USA hat bereits das Geld verteuert und für den 21. September einen weiteren Zinserhöhungsschritt angekündigt. Das hat dazu geführt, dass die US-Staatsanleihe bereits eine Rendite von rund 3,1 Prozent dem Anleger bringt, während sich die Bundesanleihe – ebenfalls mit einer Laufzeit von 10 Jahren – gerade mit nicht einmal 1,5 Prozent rentiert. Angesichts dieser Differenz mag sich niemand darüber wundern, dass viel internationales Kapital – auch aus dem Euro- in Richtung USA fließt, obwohl die Inflationsrate dort bei etwa 8,5 Prozent liegt.

Importierte Inflation

An den internationalen Devisenmärkten hat sich der US-Dollar in jüngster Zeit deutlich verteuert. Vor längerer Zeit wurde für 1 Euro bis zu 1,50 Dollar bezahlt. Aktuell liegt das Austauschverhältnis bei rund 1:1, wobei der Euro sogar schon unter diese Parität gefallen ist. Da viele Rohstoffe und insbesondere Energie in Dollar gehandelt werden, müssen wir für die notwendigen Importe entsprechend mehr bezahlen. Auch das treibt die Inflation weiter an. Für deutsche Touristen ist die Reise in die USA inzwischen wesentlich teurer als noch vor Jahren. Härter betroffen sind von den höheren US-Zinsen vor allem viele ohnehin hochverschuldete Entwicklungsländer, die auch Nahrungsmittel und Energie auf den Weltmärkten kaufen müssen.

Putins Preistreiberei

Die EZB befindet sich in einer Zwickmühle. Mit kräftigen Zinserhöhungen wird sie kaum die hohen Preise, die für Öl und insbesondere für Gas zu zahlen sind, ausbremsen. Das gilt auch für andere Rohstoffe, die wir ebenso wie andere EU-Staaten aus fernen Regionen der Welt importieren müssen. Der Kriegsherr aus dem Kreml lässt sich von den EZB-Herrschern gewiss nicht beeindrucken, sondern eher noch weniger Energie liefern, um die Preise nach oben zu treiben und die bisherigen Abnehmerländer in Probleme zu stürzen. Auch China wird seine seltenen Erden, Lithium, Kobalt und andere Materialien, die zur Produktion der Batterien für Elektroautos erforderlich sind, nicht senken, sondern eher noch verteuern.

So wird die EZB die importierte Inflation kaum oder gar nicht mit höheren Zinsen stoppen können. Vielmehr werden allzu kräftige Tritte auf die geldpolitische Bremse unsere Volkswirtschaft ebenso wie die anderer europäischer Staaten in die Stagnation oder gar in die Rezession steuern. Die ökonomischen Gefahren und die sich daraus ergebenden sozialen Konsequenzen sind groß. Denn ein wirtschaftlicher Absturz könnte eine höhere Arbeitslosigkeit bescheren. Die Steuereinnahmen würden dann auf jeden Fall sinken. Damit würde der finanzielle Spielraum für spürbare Entlastungen von Rentnern, Studenten, Mini-Verdienern und vielen anderen sehr, sehr eng. Gerade für die Bezieher niedriger Einkommen müssen jetzt so schnell wie möglich staatliche Hilfen gezahlt werden, damit niemand mit Angst und Verzweiflung auf den bevorstehenden Winter blicken muss.

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leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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