Art. 5 Grundgesetz

Mit Leidenschaft für journalistische Freiheit und Unabhängigkeit – Zum Tod von Gerd Schulte-Hillen. Ein Nachruf von Lutz Glandt

In meinem Arbeitszimmer hängt seit 1984 ein kleiner Rahmen mit einem Text. Es ist der Artikel 5 unseres Grundgesetzes : „(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort,Schrift und Bild frei zu äußern…“. Erhalten habe ich diesen Text und den Rahmen von Gerd Schulte-Hillen. Er war damals schon einige Jahre Vorstandsvorsitzender des Verlags Gruner + Jahr, seinerzeit der innovativste und liberalste Verlag der Bundesrepublik Deutschland. Alle jungen Nachwuchsleute erhielten dieses kleine Geschenk von ihm im Rahmen ihrer „Verlagsausbildung“ , wie er die Seminare für potentielle Führungskräfte nannte. Ungewöhnlich für einen doch durch und durch kaufmännisch und technisch orientierten Manager könnte man denken, war Schulte-Hillen doch studierter Maschinenbauer und hatte keine journalistische Ausbildung. Nein, ihm war die Freiheit und Unabhängigkeit der Redaktionen wichtig und ein Wert an sich. Er prägte viele angehende Verlagsmanager durch seine unglaubliche Energie und seinen unternehmerischen Mut. Nahezu alle, die durch diese Schule gegangen sind haben Karriere gemacht – ob als Verlagsmanager oder als Chefredakteur*in, der heutige Springer Chef und BDZV Präsident Mathias Döpfner ist der prominenteste aus diesem Kreis.

Schulte-Hillens unternehmerischer Elan zielte auf Expansion im In- und Ausland – Zeitungen, Zeitschriften, Radioaktivitäten und – zusammen mit Bertelsmann die UFA und spätere RTL Gründung. Und natürlich der Ausbau des Druckgeschäfts, Neubau am Baumwall. Ja, es waren andere Zeiten – aber die 20 Jahre unter Schulte-Hillen waren die erfolgreichsten des Hauses Gruner + Jahr. Sein Credo lautete : “ Nur wirtschaftlich erfolgreiche Verlage können Redaktionen Freiheit und Unabhängigkeit gewährleisten“. Er hat sich weder von Anzeigenkunden unter Druck setzen lassen, noch gewährte er Politikern Schonung. Als Verleger gehört er in die Reihe der großen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit, die in Deutschland eine freie Presse aufbauten und förderten.

Im Jahr 2000 galt im Haus die Regel, dass mit dem Erreichen des 60. Lebensjahres Topmanager in den Ruhestand gehen und in den Aufsichtsrat wechseln – so auch Gerd Schulte-Hillen. Vielleicht hätten weitere Jahre mit GSH an der Spitze dem Haus gut getan.

Heute wird in Mediendiensten spekuliert, ob Gruner + Jahr bei RTL/ Bertelsmann integriert wird. 20 Jahre und drei Vorstandsvorsitzende später ist unklar, wohin die Reise führt – Schulte-Hillen wird es nicht mehr erfahren. Er ist am 4. August im Alter von 80 Jahren gestorben.

Bildquelle: Klaaschwotzer, CC0, via Wikimedia Commons

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