Möwen

Mitte unter Druck

Also sprach Thomas Mann, der große Sohn Lübecks, zur 700-Jahr-Feier seiner Heimatstadt am 5. Juni 1926: Denn ist nicht deutsches Wesen die Mitte, das Mittlere und Vermittelnde und der Deutsche der mittlere Mensch im großen Stile?“ Die Mitte aber, so fuhr der spätere Literatur-Nobelpreisträger fort, sei Ausdruck von Humanität und Bildung, sie lasse sich „nicht hinreißen“, sondern behaupte sich „nach rechts und links gegen alle Extremismen“. Wenige Jahre danach wurde Thomas Mann von den Nationalsozialisten auf furchtbare Weise widerlegt: Mitten in Deutschland
machten sich Fanatismus und Radikalisierung breit, die von ihm so gerühmte „Weltbesonnenheit“ des Bürgertums blieb auf der Strecke.

Maß und Mitte als Lebensprinzip – das predigen Philosophen und Theologen seit Jahrhunderten. Tatsächlich verdanken die Deutschen ihren Wiederaufstieg nach dem totalen Zusammenbruch einer Rückbesinnung auf eben diese Werte. Das Wirtschaftswunder der Bundesrepublik, der von Ludwig Erhard propagierte „Wohlstand für alle“ durch Maßhalten und Sparsamkeit, der Aufstieg der Mittelschichten und ihre rasche Expansion zeugten davon, dass die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft die breite Masse der Bevölkerung am ökonomischen Aufschwung teilhaben ließ. Das Aufstiegsversprechen der Sozialen Marktwirtschaft sorgte für eine feste Verbindung zwischen Demokratie, Wirtschaftsordnung und staatlicher Daseinsfürsorge. Die Mitte meldete sich zurück.

Neuerdings aber wachsen Zweifel, ob dieses Comeback von Dauer ist. Immer öfter heißt es, „die Mitte erodiert, zerbröselt, bröckelt, schmilzt“. Die Mittelschicht in Deutschland, so der Befund von Sozialwissenschaftlern, gerät zunehmend unter Druck, sie wird materiell wie politisch bedrängt. Die finanzielle Substanz mittlerer Einkommensgruppen wird durch den Lebensunterhalt aufgezehrt, nennenswerter Zugewinn ist nicht in Sicht. Zugleich wuchern auch im Zentrum der Gesellschaft radikale Ansichten, keineswegs nur an den Rändern. Jürgen Habermas erkennt unter Impfgegnern und Querdenkern „Anzeichen für das wachsende Potenzial eines ganz neuen, in libertären Formen auftretenden Extremismus der Mitte“. Beide Prozesse haben nicht erst im Schatten der Pandemie
begonnen, sondern mehr oder weniger schleichend schon vor vielen Jahren. Die Angst vor sozialem Abstieg und die Warnung vor gesellschaftlicher Polarisierung sind durch Corona allenfalls verstärkt, nicht aber ausgelöst worden.

Nun gibt es neben seriösen Forschern, die vor einer nachhaltigen Schwächung der Mitte oder gar einer Spaltung der Gesellschaft warnen, auch beschwichtigende Stimmen, die nichts davon wissen wollen, dass sich „die Mitte verabschiedet“. Gerade erst, so wird argumentiert, habe sich doch im Bund eine Koalition formiert, die parteipolitisch genau jene soziokulturellen Milieus abbilde, die sich selbst im Zentrum der Gesellschaft verorten, wenngleich mit einem deutlich progressiveren
Akzent als eine denkbare Variante unter Beteiligung der Union. Und gegenüber plakativen Zuschreibungen („Die Abstiegsgesellschaft“) wird eingewandt, dass die gegenwärtig von Globalisierung und Digitalisierung angetriebene Transformation zwar traditionelle Beschäftigungsverhältnisse zerstöre, aber gleichzeitig neue Chancen und Verdienstmöglichkeiten
eröffne. „Eine solche Bereinigung“, erklärt der Zukunftsforscher Matthias Horx, “gehört zur Marktwirtschaft, sie macht Platz für neue Konzepte.“

Alles halb so schlimm mit dem Abschmelzen der Mittelschicht? Die Zahlen immerhin sind nicht dazu angetan, die Entwicklung der jüngsten Vergangenheit auf die leichte Schulter zu nehmen. Eine aktuelle Studie der OECD zusammen mit der Bertelsmann-Stiftung ergab, dass die Mittelschicht in der Bundesrepublik zwischen 1995 und 2018 von 70 auf 64 Prozent geschrumpft ist: “Der Zugang zur Mittelschicht hat sich deutlich verschlechtert, das Risiko, aus der Mittelschicht abzusteigen, hat zugenommen.“ Valentina Consiglio, Arbeitsmarktexpertin der Stiftung, sagt: “Wer in Deutschland einmal aus der Mittelschicht herausfällt, hat es heute deutlich schwerer, wieder aufzusteigen.“ Zur Mittelschicht zählen Einkommensbezieher, die über 70 bis 150 Prozent des Durchschnittseinkommens („Median“) verfügen, das derzeit 3540 Euro im Westen, 2890 Euro im Osten des Landes beträgt.

Überraschend kommt diese Tendenz nicht. Schon vor zehn Jahren fragte der Soziologe Steffen Mau: “Wohin driftet die Mittelschicht?“ Seine Antwort: Der massenhafte Abstieg aus der Mitte begann bereits zur Jahrtausendwende, besonders im Schatten der weltweiten Finanzkrise 2008. Schon damals, fand Mau heraus, fielen rund 4,5 Millionen Menschen aus der unteren Mittelschicht heraus, das Armutsrisiko dieser Kohorte hat sich verdreifacht. Zeitgleich nahm die Unterschicht von 18 auf 22 Prozent zu. Heute sind nahezu 20 Prozent der Vollzeitbeschäftigten „Geringverdiener“ mit einem Bruttomonatslohn von höchstens 2284 Euro. Die wachsende Ungleichheit wurde auch auf der vermeintlichen Wohlstandsinsel Deutschland zum beherrschenden Thema. Der Sozialforscher Oliver Nachtwey konstatiert, dass der vorhandene Reichtum, anders als früher, „nicht mehr von oben nach unten durchsickert“, sondern sich bei einer kleinen Vermögenselite konzentriert.

Zum Abwärtssog in der Mitte trugen maßgeblich die Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Agenda 2010 bei, in deren Folge der Niedriglohnsektor und die prekäre Beschäftigung anwuchsen. Nachtwey:“1991 waren 79 Prozent der Arbeitnehmer in einem Normalarbeitsverhältnis beschäftigt,
2014 nur noch 68,3 Prozent. 20,9 Prozent waren atypisch angestellt, in befristeten oder geringfügigen Arbeitsverhältnissen, in Teilzeit oder als Leiharbeiter.“ In dieser Zeit sank der Nettoreallohn von 100 auf 95 Prozent, auch ein Effekt rückläufiger Tarifbindung der Betriebe und der Verlagerung von industriellen auf Dienstleistungsjobs. Während sozialer Aufstieg einst ein „Familienprojekt“ war, gilt heute, dass weder die ältere noch
die jüngere Generation mehrheitlich davon überzeugt ist, dass es den Nachkommen besser gehen wird als ihren Vorfahren. Und noch ist nicht absehbar, wie groß die Bildungslücken sind, die Corona in den Biografien der Kinder und Schüler reißt – mit unmittelbaren Folgen für deren
Zukunftschancen. Zu Zeiten der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, in den 1960er Jahren, wurde der „Fahrstuhleffekt“ legendär, der nahezu automatische Aufstieg breiter Schichten der westdeutschen Bevölkerung in bessere Soziallagen. Diese Durchlässigkeit und Mobilität scheinen mittlerweile einem anderen Modell gewichen zu sein, der „Rolltreppe nach unten“.

Aus der Generation der „Babyboomer“ (Jahrgänge 1955 bis 1964) schafften es 71 Prozent in die Mittelschicht, heute gerade noch 60 Prozent der 25- bis 40-Jährigen. Nur in Schweden, Finnland und Luxemburg schrumpft die Mittelschicht noch stärker als in der Bundesrepublik, in den USA macht sogar das Wort vom „Verschwinden der Mittelschicht“ die Runde. Die Soziologin Elizabeth Currid-Halkett sagt voraus, dass die Verdrängung der Mittelschichten in Europa und Amerika fortschreitet, weil die aufstrebenden Klassen im asiatisch-pazifischen Raum den globalen
Konkurrenzkampf um Jobs, Einkommen und Immobilien immer stärker dominieren werden. Was aber passiert, wenn in einer „Gesellschaft der Singularitäten“ (Andreas Reckwitz) die Mittelklasse zerfasert, wenn die kulturelle Diversität von Konsumverhalten, Lebensstilen und
Beziehungsmodellen das soziale Gefüge erschüttert und den bislang geltenden Kanon gemeinsamer Werte wie anerkannter Verpflichtungen in Frage stellt? Wie viel Zentrifugalkraft hält eine Gesellschaft aus, wie viel Zersplitterung der Öffentlichkeiten? In der Vergangenheit waren die
Mittelschichten die Träger von Reformen und Wandel, selbst wenn die Anstöße dafür aus anderen Milieus kamen. An der Mitte nahmen die staatlichen Institutionen und Verteilungsprogramme Maß, sie bildete das Fundament einer starken Unternehmensstruktur und einer stabilen Demokratie. So konstitutiv der Mittelstand für die deutsche Volkswirtschaft ist, so unentbehrlich ist die Mittelschicht als Rückgrat einer pluralistischen Gesellschaft.

Eine geschwächte Mitte aber überlässt das Terrain den Rändern, an denen Eigensinn und Gruppeninteressen herrschen. In einer starken Mitte liegt der Schlüssel zu einem sozialen Gleichgewicht. Nur wenn die Mitte robust und einig ist, kann sie für die nötige Balance zwischen den Polen sorgen, für den gesellschaftlichen Ausgleich widerstreitender Zielvorstellungen. Gerade in einer Demokratie, die von Konsens und Kompromiss, von ziviler Streitkultur und fairer Teilhabe lebt, braucht es eine breite Mitte, um auch harte Entscheidungen, die tief in das Leben einer Gesellschaft eingreifen, durchsetzen zu können – etwa den Ausstieg aus der Kernenergie, die
allgemeine Impfpflicht oder radikale Klimaschutzmaßnahmen. Eine Gesellschaft, die ihre Mitte verliert, gerät aus den Fugen.

Vor dieser Zerreißprobe steht Deutschland am Beginn des dritten Pandemie-Jahres. Die Ampel-Parteien hatten im Wahlkampf noch vollmundig die Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen
versprochen. Im Koalitionsvertrag finden sich eher breit gestreute Maßnahmen: die Einführung einer Kindergrundsicherung, Steuergutschriften für Alleinerziehende, die Abschaffung der EEGUmlage.

Das Institut der deutschen Wirtschaft urteilt: “Von der Entlastung der Mittelschicht ist nichts übriggeblieben.“ Angesichts steigender Lebenshaltungskosten (Mieten, Energie, Mobilität) dürfte der Druck auf die Mitte deshalb weiter zunehmen. Sie profitiert, anders als die Unterschicht,
weniger von staatlichen Transferleistungen und macht, anders als Spitzenverdiener, kaum Gebrauch von Steuersparmodellen. Keine guten Aussichten für eine Gesellschaft, die mehr denn je auf Zusammenhalt und Solidarität angewiesen ist.

Dieser Beitrag wurde erstveröffentlicht in der Südwestpresse vom 25.1.2022

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geboren 1951 in Krefeld, Studienabschluss Germanistik/Sozialwissenschaften an der Uni Köln, bis 1999 Korrespondent der SÜDWEST PRESSE in Bonn, bis 2017 in Berlin. Seitdem freier Autor für die SWP u.a. in Berlin.


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