Piratenschiff

Richard Barham Middleton: Das Geisterschiff – und andere Geschichten

Richard Middleton war ein armer Poet, ein Außenseiter in der britischen Gesellschaft am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er bewunderte den Dichter Ernest Dowson, der ein wirklich versoffenes Genie war. Mit den Großen der edwardianischen Dekade, Joseph Conrad, Arnold Bennett, H. G. Wells und George Bernhard Shaw, hatte Middleton nichts zu tun. Er war arm, kam aus Middlesex nach Kent, ging von dort aus nach London, arbeitete tagsüber als Angestellter, trieb sich des Nachts herum.

Richard Barham Middleton
Richard Barham Middleton

Zeitgenossen beschrieben ihn – wie Arthur Ransome – als Bohemien. Seine Studien hatte er abgebrochen, er hatte sie sich nicht leisten können. Nach einigen Jahren kündigte er sein Angestelltendasein auf, lebte als freier Schriftsteller und er lebte schlecht. Er schrieb Erzählungen, kluge, kurze Essay, Gedichte, treffliche Rezensionen, schlug sich durch. Und er schrieb nicht schlecht, überwiegend ziemlich unbeachtet. Was bis zu seinem frühen Tod so blieb.

„Das kleine Dorf Fairfield liegt nahe der Portsmouth Road etwa auf halbem Weg zwischen London und dem Meer. Fremde, die sich zufällig dorthin verirren, nennen es einen hübschen aus der Zeit gefallenen Ort, wir, die wir dort zuhause sind, finden nichts sonderlich Hübsches daran, aber wir würden nur ungern woanders leben. Ich würde sagen, unser Bewusstsein hat die Gestalt vom Wirtshaus, der Kirche und dem Dorfanger angenommen. Auf jeden Fall fühlen wir uns außerhalb von Fairfield nie ganz wohl“ Mit diesen Worten beginnt Middletons Geisterschiff (Steidl, ISBN 987-3-95829-782-1, 112 Seiten, Euro 18.00), über das Arthur Machen, ein alt gewordener Zeitgenosse des Autors schrieb: „Nicht für eine ganze Schubkarre voll gut geschriebener Romane würde ich diese hinreißende Geschichte hergeben. „Der Waliser war wurde in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wie in den ersten 40 Jahren des 20. Jahrhunderts zu einem bekannten Literaten und Publizisten schrieb sich allerdings mit einem verfrühten Nachruf auf Lord Alfred Douglas, der nun der Geliebte von Oscar Wilde war, gesellschaftlich und damit auch existentiell um Kopf und Kragen.

Es geht also um das kleine Dörfchen Fairfield. Das erlebt nach einem Wintersturm 1897 etwas sehr, wirklich sehr, sehr Verwunderliches. Zur örtlichen Gastwirtschaft gehört ein Rübenacker und eben auf diesem Acker ankert ein Piratenschiff. Das ist phantastisch. Phantastisch ist aber auch, dass deren Besatzung nicht bösartige, brutale Piraten sind, sondern höchst gutartige Menschen. Es gibt nur ein Problem, das ist der leckere Rum, den sie großzügig ausschenken. Ohne hier zu viel zu verraten…der ausgiebige Rumgenuß führt die alten und die jungen Gespenster des Ortes in Versuchung. Sie hatten immer friedlich zusammengelebt, doch nun aber? Es wird Zeit für den Dorfpfarrer einzugreifen. Bei Middleton klingt das so: „Ich schätze, der Sturm hatte unsere Geister über ganz England geweht. Tage später kehrten sie auf strauchelnden Pferden und mit wundgelaufenen Füßen zurück, und sie waren froh, wieder in Fairfield zu sein, dass einige von ihnen heulend wie kleine Kinder durch die Straßen liefen. Der Squire sagte, der Urgroßvater seines Urgroßvaters hätte seit der Schlacht von Naseby nicht mehr so erschossen ausgesehen, und er ist ein gebildeter Mann.“ Die Geschichte ist einfach großartig und neben ihr gibts noch 12 mehr von ihnen, die zeigen, was für ein vorzüglicher Autor Middleton ist. Er schreibt über Landstreicher und Polizisten, Sargverkäufer und Kinder. Vielen von ihnen geht es so, wie ihrem Autor, sie sind allein, einsam, arm, betrunken und werden erst, ebenso wie ihr Autor erst nach dessen Tod 1911 bekannt. Middleton schreibt: „In Fairfield wird so viel gesoffen, da braucht man gar kein Butterbrot. Rum zum Frühstück, Rum zum Mittag, Rum zum Tee und Abendbrot.“ Richard Barham Middleton aus Middlesex wird immer depressiver, beginnt unter neuralgischen Schmerzen zu leiden, verlässt London 1911, zieht nach Brüssel, beginnt die „Autobiografie eines jungen Mannes“ zu schreiben, bringt sich am 1. Dezember jenes Jahres mit Chloroform um. Für seinen Freund und Herausgeber Henry Savage hinterlässt er diese Zeilen: „… ich breche zu einem neuen Abenteuer auf, und dank Dir habe ich ein paar schöne Erinnerungen in meinem Rucksack. Was die bitteren anbetrifft wiegen sie vielleicht nicht mehr so schwer wie zuvor. Gott wird ein zerknirschtes und gedemütigtes Herz nicht verschmähen.“ Im Jahr seinem Selbstmord gibt Savage die hier nun vorliegenden Geschichten seines Freundes Middleton heraus und Middleton erfuhr die Anerkennung, die er zu seinen Lebzeiten nicht erhielt.

Bildquelle: Pixabay, Bild von GLady, Pixabay License
Bild von Richard Barham Middleton: Wikipedia, anon – , gemeinfrei

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Jörg Hafkemeyer

Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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