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Schalkes Ehren-Präsident Gerd Rehberg: Ich habe einen dicken Hals. Abstieg macht ihn traurig und wütend zugleich

„Ich habe einen dicken Hals,“ beschreibt Gerd Rehberg(85), Ehren-Präsident von Schalke 04, im Gespräch mit dem Blog-der-Republik seine augenblickliche Stimmung. „Der Abstieg aus der Bundesliga hat sich ja seit langem abgezeichnet, aber er macht mich immer noch traurig und wütend zugleich.“ Ja, wie konnte das passieren, dieser 4. Abstieg nach all den guten Jahren, in denen man sich mit Europas führenden Fußball-Klubs messen konnte. Einmal gewann man den UEFA-Cup, einmal schied man erst im Halbfinale der Champions-League gegen Manchester United aus, ein paar Mal verspielten die Knappen nur knapp die Meisterschaft und wurden nur Meister der Herzen. Gerd Rehberg, als Kind an der Hand der Mutter vor der Roten Armee 1945 von Ostpreußen in den Westen geflohen, später im Ruhrgebiet gelandet,  ist ein ehemaliger Bergmann, der es bis zum Steiger gebracht hatte, der weiß, was Maloche heißt, Ärmel hochkrempeln, kämpfen, schwitzen, vieles, was man an der aktuellen Mannschaft fast pausenlos vermisst hat. Diese alten Schalke-Tugenden müssen wieder zum Leben erweckt werden. „Zum Glück haben wir die Knappen-Schmiede“, die erfolgreiche Nachwuchsabteilung des Vereins mit vielen sehr talentierten Spielern, die jetzt gefordert sind, damit der Klub wieder aufsteigt. „Zurück zu den Wurzeln“, sagt Rehberg, der auch Bürgermeister war in Gelsenkirchen, immer noch Mitglied der SPD ist,  der Mann, der nie den Boden unter den Füßen verloren hat, immer ein Kumpel blieb, verlässlich, der das Pils dem Champagner vorzieht- bis heute.

Der FC Schalke 04 ist mit fast 160000 Mitgliedern immer noch der viertgrößte Sportverein der Welt. Rehberg gerät fast ins Schwärmen:  „Unsere Mitglieder sind uns treu gebliieben, wie das so schön heißt in guten wie in schlechten Zeiten.“ Das ist ein Pfund, auf das die Schalker setzen können in der Zukunft. „Wir hatten befürchtet, dass viele Mitglieder vor lauter Enttäuschung über die schlechten Leistungen auf dem Platz den Verein verlassen würden. Das ist Gott sei Dank nicht passiert. “ Ja, wer diese Schalker Truppe gesehen hat in den letzten zwölf Monaten, der musste oft verzweifeln über das, was die da unten auf dem Rasen boten. Zwei Siege nur innerhalb eines Jahres, kaum Tore, wenig Kampf, mehr Krampf, das schweißlose Spiel. Der Fan hatte das Gefühl, als schauten die Spieler von Schalke oft tatenlos zu, wenn der Gegner mit ihnen Fußball spielte. Peinlich. Und das mitten im Revier, wo sie einst den Malocher-Fußball erfunden haben: Rennen und kämpfen bis zur letzten Minute. Aber damals haben sie ja fast alle noch für Schalke gespielt, weil sie es als Ehre empfanden, für die Blau-Weißen aufzulaufen. Heute steht da eine Söldner-Truppe auf dem Platz, der es gleichgültig erscheint, ob man und wie man verliert. Hauptsache, die Kohle stimmt. Das Geld.

Keine Zeit für Sentimentalitäten

Die Kohle hat hier auf Schalke eine historische Bedeutung, holte man sie doch früher aus 1000 Metern Tiefe nach oben, das schwarze Gold, das den Aufstieg des Ruhrgebiets und der ganzen Republik einst möglich gemacht hat, diese Kohle wird nicht mehr abgebaut, der letzte Pütt in Bottrop wurde vor Jahr und Tag dicht gemacht. Aber die goldenen Kohle-Jahre wurden-vor Corona- immer noch auf Schalke besungen, vor jedem Spiel schmetterten sie das Steiger-Lied und ihre S-04-Hymne: Glückauf, der Steiger kommt. Und: Blau und Weiß, wie lieb ich dich. Für die Söldner-Kicker sind das fremde Töne, sie haben damit nichts zu tun. Sie kommen, um zu kassieren, die Millionäre am Ball. Keine Zeit für Sentimentalitäten. Und wenn es woanders mehr Geld gibt, ziehen sie weiter, ohne einen Blick zurück zu werfen.

Man spürt, wenn man mit Gerd Rehberg redet, wie ihn das Thema bewegt. Er war ja selbst einige Jahre Präsident auf Schalke, hat einiges erlebt in der „Glückauf-Kampfbahn“, dann im „Parkstadion“, und seit ein paar Jahren in der Arena „Auf Schalke“. Er könnte erzählen, wenn er wollte. Aber er belässt es beim „dicken Hals“ , den er hat oder kriegt, wenn er auf die Jahre mit dem Sportdirektor Heidel angesprochen wird, der aus Mainz kam und von dem man wahre Wunderdinge erwartet hatte. Weil er das kleine Mainz in die große Bundesliga geführt hatte, mit wenigen Mitteln, mit vergleichsweise kleinem Geld. Der aber in Schalke scheiterte. Warum so viele Spieler ablösefrei den Verein verließen, warum sie nicht stärker an den Klub gebunden worden waren?

Fragen, die Rehberg nicht beantwortet. Er will niemandem vor die Schienbeine treten, weil es unfair wäre, und er will nicht den Eindruck erwecken, als wäre er der große Schlaumeier, der nachher alles besser weiß. Aber auf die Spieler darf man hinweisen, die in Gelsenkirchen das Kicken erlernt haben, die gegen oder ohne Ablöse weiterzogen und die heute in London, Paris, Köln und in München ihr Geld verdienen: Manuel Neuer, Leroy Sané, Thilo Kehrer, Sead Kolasinac, Mezut Özil, Julian Draxler, Joel Matip, Max Meyer, um nur diese wenigen zu nennen. Alles Jungs, die der Knappen-Schmiede entsprangen.  Auch auf den langjährigen Aufsichtsratschef Tönnies, Milliardär aus Rheda-Wiedenbrück, ist man auf Schalke nicht gut zu sprechen. Hat der nicht bemerkt, wie über die Jahre ein Schuldenberg von weit über 200 Millionen Euro aufgetürmt wurde? Tönnies ist nicht mehr tätig für den Klub, der sich um Sponsoren kümmern muss, darum, dass der Verein finanziell  handlungsfähig bleibt und nicht vor die Hunde geht.

Abstiege anderer Klubs

Andere, einst berühmte Klubs, haben den Aufstieg seit Jahren nicht mehr geschafft: München 1860, Rotweiß Essen, MSV Duisburg, der 1. FC Kaiserslautern steht am Rande zur 4. Liga, nicht vergessen einer der immer großen Klubs wie der HSV, der nach dem Abstieg aus der 1. Bundesliga auch in diesem Jahr wieder versucht, ins Oberhaus zu gelangen. Ein schwieriger Weg. Gerd Rehberg warnt alle Verantwortlichen, die Sache nicht zu leicht zu nehmen. „Wir müssen kämpfen, kämpfen.“ Für Schalke, aber das mit der Ehre, für Blau-Weiß aufzulaufen, kann man sich wohl von der Backe putzen, wie das die Kicker im Revier sagen würden. „Wir müssen auf unsere Jugend setzen, die jungen Spieler können es packen. Mit Norbert Elgert.“ Der hat früher in Schalke gespielt und der hat die vielen Talente entdeckt und geformt.

Aber Schalke wäre nicht Schalke, wenn nicht einer wie Gerd Rehberg eine schöne Geschichte über seinen Verein zu erzählen wüsste. Gabriel Bach, stellvertretender Ankläger im Eichmann-Prozess, ein israelischer Jurist, wurde vor ein paar Jahren mit dem Preis der Jüdischen Gesellschaft gegen das Vergessen und für Toleranz ausgezeichnet. Bach ist ganz nebenbei Schalke-Fan. Der Präsident des Landgerichts Aachen hielt die Laudatio und wies u.a. darauf hin, dass er als Überraschungsgast Gerd Rehberg eingeladen habe, den Ehren-Präsidenten von Schalke 04. Bach bedankte sich und erzählte seine bewegende Geschichte, wie seine Eltern mit dem kleinen Sohn(Jahrgang 1927) von Amsterdam quasi in letzter Minute nach Palästina fliehen konnten, kurz vor der Invasion Hollands durch die Nazis. Und Bach sprach auch über seinen Verein Schalke 04, über manche Freude mit dem Klub und manche Trauer. Gerd Rehberg übergab Bach zwei Collagen des Klubs in den Farben Blau und Weiß, ein Trikot mit dem Namen von Bach und am Schluss heftete er ihm eine silberne Ehrennadel des Vereins ans Jackett, Rehbergs Nadel für 25jährige Mitgliedschaft bei S04. Rehberg wörtlich dazu: „Der Gabriel Bach war so gerührt, der hat geweint vor Freude.“

Fazit für Gerd Rehberg, gerade in der Stunde der Trauer: „Wir kommen wieder, wenn alle unsere Freunde mit anpacken. Wir steigen wieder auf.“ Wie heißt das noch im Schalke-Lied: Tausend Freunde, die zusammenstehn… Wenn es nur so einfach ginge.

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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