Berliner Mauer
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Spannend. Dramatisch: Als die Mauer fiel

Die Welt hielt den Atem an, als am 9. November 1989 die Mauer fiel. Aber fiel die Mauer wirklich erst am 9. November, in den Abendstunden nach Günter Schabowskis ominöser Pressekonferenz? Als er voreilig, fast stotternd Reiseerleichterungen für DDR-Bürger bekanntgab.Fiel sie nicht schon im Oktober, als Zigtausende Leipziger mit Kerzen in den Händen die Staatsmacht der DDR ins Wanken brachten? Oder als die Ungarn Flüchtlinge aus der DDR einfach ins Land ließen und diese später über Österreich in die Bundesrepublik weiterzogen? Oder als die Flüchtlinge in der Prager Botschaft ausharrten, ehe sie mit Zügen durch die DDR in die Freiheit des Westens reisen durften? Es ist viel darüber geschrieben worden, fast alles, möchte man meinen. Der Wiener Korrepondent Ewald König, den ich schon in Bonner Zeiten kennengelernt habe und der heute in Berlin lebt und arbeitet, war der einzige Korrespondent, der in Bonn und Ostberlin akkredidiert war. Er hat, wie er es nennt, von seinem „Logenplatz der Zeitgeschichte“ die Zeit der Wende, davor und danach beobachtet und darüber geschrieben. Und das Ganze in drei Bücher gepackt: „Deutsch-deutsche Notizen eines Wiener Korrespondenten“. Die Titel sprechen für sich: „Menschen, Mauer, Mythen“. Oder: „Kohls Einheit unter Drei“. Oder: „Merkels Welt zur Wendezeit“.

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“. So hat Walter Ulbricht geantwortet auf die Frage der Kollegin der Frankfurter Rundschau, Annamaria Doherr, als sie von dem mächtigen SED-Chef wissen wollte, wie er den Flüchtlingsstrom von Ost- nach Westberlin unterbinden wolle. Das war am 15. Juni 1961. Ewald König zitiert genau den Ulbricht, wie er die Frage der FR-Korrespondentin aufnimmt und umdreht: „Ich verstehe Ihre Frage so, dass es in Westdeutschland Menschen gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der DDR dazu mobilisieren, eine Mauer zu errichten. Mir ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht.“ Und dann folgt der Satz, dem dann am 13. August desselben Jahres die Arbeiten mitten durch Berlin folgen. Stacheldraht, spanische Reiter, aufgerissene Straßen,Pflastersteinbarrikaden, später hieß das Monstrum „antifaschistischer Schutzwall“, eine riesige Mauer aus vier Meter hohen Betonplatten, Todesstreifen, beleuchteten Kontrollstreifen, Wachtürmen. Dies alles sollte Menschen davon abhalten, in den Westen zu fliehen, damit die DDR nicht ausblutet, viele Hunderttausende waren ja schon weg, abgehauen über die offene und ja auch unbewachte Grenze in Berlin. Aber mit der Mauer kam auch der Schießbefehl, ohne Vorwarnung wurde erschossen, wer es dennoch wagte, zu fliehen. Der 18jährige Peter Fechter war der erste Tote, angeschossen im August 1962, das letzte Todesopfer war Chris Gueffroy im Februar 1989.

Nachzulesen bei Ewald König in „Menschen, Mauer, Mythen“. Aufgeschrieben, flott und spannend erzählt, manchmal wie ein Krimi, ein Buch, das, nimmt man es erstmal in die Hand, man nicht mehr weglegen möchte. König ist Chronist, politischer Journalist, Reporter, Erzähler. Die Geschichte ist weit weg, ich weiß, 30 Jahre ist das her, aber König bringt uns das Geschehen von damals, das ja dramatisch war, ziemlich nah. Man wird richtig angefasst.

Nochmal zum Schießbefehl. Weil ich an dieser Stelle noch ergänzen möchte, um die Dramatik zu unterstreichen, was der frühere ARD-Korrespondent in Ostberlin, Lothar Löwe, einst über den Schießbefehl berichtete. Löwe hatte zunächst die Selbstverbrennung des Pfarrers Brüsewitz in Zeitz aus Protest gegen die Schul- und Jugendpolitik in der DDR bekannt gemacht, doch die Kommunisten-Führung scheute da noch die Ausweisung des Fernsehmannes, aber Löwe war ein unbequemer Korrespondent, er kritisierte die Ausbürgerung Biermanns sowie den Hausarrest Havemanns, um dann am 21. Dezember 1976 zu kommentieren: „Hier in der DDR weiß jedes Kind, dass die Grenztruppen den strikten Befehl haben, auf Menschen wie auf Hasen zu schießen.“ Lothar Löwe musste binnen 48 Stunden die DDR verlassen, ihm wurde die Akkreditierung entzogen. Ich schreibe das Beispiel mit Löwe bewusst in diesen Kontext, weil jeder so seine eigenen Erfahrungen mit DDR-Behörden, mit Vopos usw. hatte. Lothar Löwe ist längst tot, ich habe ihn noch Anfang der 2000er Jahre kennengelernt, kritisch, unbeugsam.

Ausbluten der DDR über Ungarn

Die Mauer kennen , oder soll ich sagen, kannten wir doch alle. Wer nicht vor ihr stand, hat das hässliche Bauwerk im Fernsehen gesehen oder Bilder in den Zeitungen von der Mauer mit Weltpolitikern davor. Er wird sich erinnern an Ronald Reagan, den US-Präsidenten, der seinen sowjetischen Gegenspieler Michail Gorbatschow, vor der Mauer stehend, aufforderte: „Mister Gorbatschow, tear down this wall.“ Reißen Sie diese Mauer ein. König erinnert an die Entscheidung der Ungarn im Sommer 1989, die verrotteten Überwachungsanlagen an der Grenze zu Österreich auch aus Geldgründen nicht mehr renovieren zu lassen. Jede Nacht Fehlalarme, ausgelöst durch Feldhasen und Vögel, das nervte die Grenztruppen, zumal diese Grenze ohnehin nicht Ungarn daran hindern sollte, abzuhauen, sondern Flüchtlinge aus der DDR . 2000 Fluchtversuche gab es damals pro Jahr an der 270 Kilometer langen Grenze, schreibt König. Der Anfang vom Ende des Eisernen Vorhangs, das Ausbluten der DDR via Ungarn.

Was mir nicht mehr bekannt war, ist der Abdruck von Walter Ulbrichts Artikel 1961, vor dem Bau der Mauer, in dem er den DDR-Bewohnern ein „Leben, in dem kein Wunsch unerfüllt bleibt“, versprach. Im Westen haben wir uns darüber schlapp gelacht, im Osten der Republik mag der eine oder andere an diese Lügen-Liste geglaubt haben. Ulbrichts Leitartikel, den das Neue Forum später in den Wendejahren veröffentlichte, beginnt mit folgenden Verheißungen: „Unser Tisch soll mit dem Besten gedeckt werden, was die Natur zu bieten hat: hochwertige Fleisch- und Milchprodukte. Edelgemüse und beste Obstsorten, früheste Erdbeeren und Tomaten zu einer Zeit, da sie auf Feldern noch nicht reifen. Weintrauben im Winter…Als Sozialisten sind wir uns darüber klar, dass im sozialistischen Lager bis 1965 ein Überfluss an Lebensmitteln erreicht werden soll. Was da auf den Handel zukommt“, schwärmt der SED-Chef weiter und verspricht Kleider und Schuhe, wunderwolle Stoffe, Küchen- und Waschmaschinen, Autos, Kunstgewerbe und Schmuck, Fotoapparate.. Einkaufszentren, Versandhäuser, Wohnungen in jeder Größe, Form und Menge“. Und dann eine der ganz großen Lügen: „Die ganze oder fast die ganze Welt wird uns offenstehen.. Mehrmonatige Weltreisen …Die sozialistische Gesellschaft wird in einigen Jahrzehnten nicht nur wohlhabend, sondern reich sein und ein Leben garantieren, in dem kein Wunsch unerfüllt bleibt.“ Ich mach hier Schluß, weil die Visionen des Herrn Ulbricht nicht aufhören Und der Zeitgenosse, der damals die DDR besuchte oder dort gelebt hat, weiß von der Mangelwirtschaft des anderen Deutschland und der Gefängnis-Situation, in der sich viele fühlten, weil sie nicht verreisen durften, es sein denn zu den sozialistischen Freunden. Ich verkürze den alten Witz: Keine Bananen gibt es nebenan

Ich will noch einen weiteren Ausschnitt aus Königs Buch über Menschen, Mauern und Mythen zitieren, weil es eigentlich unbegreiflich ist für jemanden aus dem Westen, aber so war es halt und die Zeitungen in Ostberlin waren langweilig. Am Tag nach der Maueröffnung, also am 10. November 1989 hatte dieser Mauerfall in DDR-Zeitungen nicht stattgefunden. Der Aufmacher im „Neuen Deutschland“ lautete:“ Von der 10. Tagung des Zentralkomitees: 4. Parteikonferenz der SED für den 15. bis 17. Dezember 1989 einberufen.“ Fast wortlich, schreibt König, der Aufmacher in der „Leipziger Volkszeitung,“ der “ Sächsischen Zeitung“ und anderen Blättern der DDR. Die „Berliner Zeitung“ bringt in der Wochenendausgabe nach dem Mauerfall den Aufmacher: „150000 Berliner: Ja zum Aktionsprogramm der SED“.

Was wäre, wenn, fragt sich der Wiener Korrespondent mit Sitz in Bonn und Berlin, wenn die Massendemos im Oktober 1989 infolge Sauwetters nie diese Kraft, diese Dynamik entwickelt hätten? Wären dann nicht 70000 in Leipzig auf die Straße gegangen, sondern nur 10000 und diese 10000 hätten die Vopos und die Stasi-Leute unter Kontrolle gehabt? Diese Zahl hatte das Regime erwartet. Ähnliches könnten wir spekulieren über die Massen-Kundgebung in Ostberlin am 4.November 1989. 1 Million Menschen waren da. Der warme Wendewinter habe dazu beigetragen, findet König, „den Kalten Krieg zu Ende zu bringen und die Wiedervereinigung zu begünstigen.“

Merkel schob Kohl ins Museum

Natürlich gehört Helmut Kohl hier genannt, der Kanzler der Einheit, der am Tag der Maueröffnung zu einem Arbeitsbesuch in Warschau weilte und erst telefonisch über seinen getreuen Ackermann informiert werden musste, was sich gerade in Berlin abspielte. Der Kanzler wollte es nicht glauben, erst als Ackermann ihm versicherte, das Fernsehen übertrage live, glaubte Kohl die Geschichte. Kohl hin oder her, die stille Revolution war ein Werk de Menschen im Osten, die den Mut aufbrachten, gegen die SED-Diktatur aufzustehen und zu rufen: Wir sind das Volk. Später wurde daraus „ein Volk“. Kohl war auch international gut vernetzt, würde man heute sagen, seine persönlich guten Drähte zu Gorbatschow, Bush und Mitterand halfen am Ende, dass die Vereinigung zustandekam. Dass der Kanzler mit den vielen Dienstjahren zum Schluß als Pensionär in eine Spendenaffäre geriet, war ziemlich unappetitlich und führte zu Brüchen mit seinen einst Getreuen, weil Kohl die Namen der Spender für sich behielt- gegen das Gesetz, das er selber mit gefertigt und beschlossen hatte.

Und es war eine wie Merkel, die als Kohls Mädchen gestartet war und die vieles vom Altkanzler gelernt hatte, wie Kohl-Intimus Eduard Ackermann gern erzählte. Dass ausgerechnet die Frau aus der Uckermark, der wir alle den Aufstieg nach oben nicht zugetraut hatten, es schaffte, Gerhard Schröder abzulösen und später Helmut Kohl via FAZ ins Museum abzuschieben. Donnerwetter. Damit hätte niemand gerechnet.Angela Merkel wurde halt unterschätzt, weil geschieden, evangelisch, ohne Kinder, aus dem Osten, und wie sie auftrat ohne Frisur und in Klamotten… Ich habe damals eine Wette gegen eine Kollegin verloren, die früh behauptete: Aus der wird noch was. Fast wie Ewald König, der Wiener in Berlin. Merkels Unaufgeregtheit, ihre nicht vorhandene Eitelkeit, Nüchternheit, ihre Art, Politik zu machen, indem sie vom Ende her versuche zu denken. Physikerin halt. Und inzwischen müssen alle damit rechnen, dass sie bis zum Ende der Legislaturperiode durchhält. Und es könnte sogar sein, dass nicht wenige ihren Abgang bedauern.

Zeitgeschichte kann ein guter Lesestoff sein. Diese Bücher sind es.

Ewald König: Menschen.Mauer.Mythen. Werkels Welt zur Wendezeit. Kohls Einheit unter Drei. Mitteldeutscher Verlag Halle(Saale.) 2014. Direktvertrieb via Bücher@korrrespondenten.com. Oder: Tel. 04930-4000 4630. Fax: 04930-40008894.

Bildquelle: Wikipedia, RIA Novosti archive, image #428452 / Boris Babanov / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0,

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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