Pharma-Forschung

SUCHE NACH DEM IMPFSTOFF GEGEN COVID-19 – Herausforderung der forschenden Pharmaindustrie

Die Corona-Krise hat die Welt im Griff. Die Zahlen der Infektionsfälle und der Toten in nahezu allen Erdteilen sind nach wie vor alarmierend. Die Rückkehr in eine gewiss veränderte Normalität wird erst möglich sein, wenn ein wirksamer Impfstoff gegen die Covid-19 Pandemie zur Verfügung stehen wird.

Nahezu fieberhaft ist deshalb inzwischen eine Vielzahl von nationalen und internationalen Unternehmen dabei, einen Impfstoff zu erforschen und zu entwickeln sowie zu testen. Es geht um Schnelligkeit und Sicherheit auch bei diesem Pharmaprodukt. Und wenn seine wirkungsvolle Verträglichkeit endgültig feststehen wird, soll es in ausreichender Menge für alle zur Verfügung stehen, die sich impfen lassen wollen. Da ist eine Herkulesaufgabe für die forschende Pharmaindustrie, zumal die intensiven Arbeiten der Forscher, die hohen Investitionen sowie die vielfältigen Tests schließlich nicht unbedingt von einem Erfolg gekrönt werden, sondern auch Fehlschläge bescheren können.

Internationaler Wettlauf um Covid-19-Impfstoff

Die Mehrzahl der Experten rechnet damit, dass es frühestens Mitte des nächsten Jahres einen Impfstoff gegen Covid-19 geben wird. Weltweit ist bereits von 160 Produkten die Rede, doch bislang wurde noch für keines belegt, dass es vor der Pandemie Schutz bietet. Einige Firmen konnten in jüngster Zeit klinische Daten bekannt geben, die durchaus ermutigend sind. Dazu zählen vor allem die Biotechfirma Moderna und Cansino Biologics, die Biontech aus Mainz mit ihrem Partner Pfizer und die Oxford Universität mit dem Partner AstraZeneca sowie Curevac aus Tübingen und IDT Biologika aus Dessau. Bereits im Juni haben die chinesischen Unternehmen Sinopharm und Sinovac erste klinische Tests, also Erprobungen abgeschlossen, und führen derzeit weitere notwendige größere Versuche mit ihrem Covid-Vaczin in Brasilien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten durch.

Diese Verfahren sind außerordentlich aufwändig. Die bisherigen Ergebnisse haben ohnehin nur eine begrenzte Aussagekraft, da die Zahl der versuchsweise geimpften Menschen sehr gering war. Für Personen in höherem Alter oder mit Vorerkrankungen gibt es bisher noch überhaupt keine Erkenntnisse. Zudem konnte auch noch nicht festgestellt werden, wie lange der getestete Impfstoff immunisiert, wie lange also die Schutzwirkung anhält.

Deutsche Firmen ganz vorne

Regierungen aus vielen Ländern, die EU-Kommission, internationale Partner und auch die Bundesregierung haben inzwischen insgesamt fast 16 Mrd. € für die Erforschung und Entwicklung von Coronavirus-Impfstoffen bereitgestellt. An der Tübinger Firma Curevac hat sich zum Beispiel der deutsche Staat über die Kreditanstalt für Wiederaufbau mit rund 300 Mio. € beteiligt; das Emirat Qatar ist mit etwa 110 Mio. € dabei, der britische Pharmakonzern Glaxo-Smith-Kline mit 150 Mio. €. Zu den bisherigen Curevac-Anteilseignern zählten der SAP-Gründer, Dietmar Hopp, über seine Investmentgesellschaft Dievini, die Stiftung von Bill und Melinda Gates sowie die privat-öffentliche Allianz Cepi, die sich für die Bekämpfung von Epidemien engagiert. Die Biontech aus Mainz und der US-Konzern Pfizer haben bereits einen großen Liefervertrag mit der US-Regierung für das Covid-19-Vaczin abgeschlossen – für den Fall, dass am Ende ein wirksamer Impfstoff zur Verfügung stehen sollte. Für diesen Fall wurde die Lieferung von 100 Millionen Impfstoffdosen an das amerikanische Gesundheitsministerium vereinbart – zum Gesamtpreis von 1,3 Mrd. Dollar. Die Zulassung des Impfstoffs soll durch die US-Arzneimittelbehörde FDA erfolgen. Zudem wird den USA die Option auf bis zu 500 Millionen weitere Biontech-Impfdosen eingeräumt. Auch Großbritannien hat bereits 30 Millionen Dosen bei Biontech/Pfizer geordert. Das Konsortium das Mitte Juli Daten aus einer deutschen Studie mit 60 Teilnehmern publizierte, der zufolge ihr Impfstoff gute Immunreaktionen bewies , wird jetzt mit einer größeren Sicherheits- und Wirksamkeitsstudie beginnen. Sollte auch diese erfolgreich sein, könnten Biontech und Pfizer schon im Oktober die offizielle Zulassung beantragen. Auch andere Wettbewerber der Pharmaindustrie sind dabei, ihre bisher entwickelten Vaczine in Großfeldversuchen zu testen. Das US-Unternehmen Moderna wird für diesen Versuch rund 30.000 freiwillige Erwachsene impfen und prüfen, ob der Impfstoff wirklich vor einer Infektion schützt.

Die deutsche Pharmaindustrie, die in früheren Zeiten als „Apotheke der Welt“ die führende Rolle spielte, könnte im Wettlauf um den Covid-19-Impfstoff wieder zur Spitze aufschließen. Biontech aus Mainz und Curevac aus Tübingen sowie IDT Biologika aus Dessau liegen in diesem Rennen auf den vorderen Plätzen.

Pharmabranche – eine hightech-Industrie mit Zukunft

Das aktuelle Ringen um den Covid-19-Impfstoff macht deutlich, welche Bedeutung die Pharmabranche hat: Sie ist eine der wichtigsten hightech-Industrien unserer Volkswirtschaft, erbringt eine hohe Wertschöpfung, bietet ein großes Spektrum für sichere und hochqualifizierte Beschäftigung sowie hervorragende Exportchancen. Ohne eine eigene starke Pharmaindustrie kann es kein gutes Gesundheitssystem geben. Deshalb ist es so wichtig, dass die forschende Pharmabranche vor allem hierzulande produziert. Auch die medizinischen Wirkstoffe werden fast ausschließlich in Deutschland und Europa und in den USA hergestellt; nur ein geringer Teil wird aus China und Indien bezogen. Sichere internationale Lieferketten sind für die Pharmafirmen von größter Bedeutung.

Rahmenbedingungen verbessern!

Die Corona-Krise sollte auf jeden Fall alle Verantwortlichen in Politik, im Gesundheitswesen, in Krankenkassen und Institutionen dafür sensibilisieren, die Chancen und Möglichkeiten der forschenden Pharma-Unternehmen nachhaltig zu verbessern. In den vergangenen Jahren hat Deutschland gegenüber den USA und Staaten in Asien an Boden verloren: Vor allem in der Bio- und Gentechnologie gab es nur relativ wenig Neugründungen. In den neuartigen Zell- und Gen-Therapien fanden kaum neue Investitionen statt. Entschlossenes Handeln ist gefordert, denn die forschende Pharmaindustrie ist mehr denn je eine hightech-Branche, die unsere Zukunft wirtschaftlich und medizinisch sichern kann, die nicht zuletzt auch als moderne Industrie auf den Weltmärkten als internationaler Partner gefragt ist und unsere Exportkraft steigern kann. Die Investitionen in die Erforschung innovativer Pharmazeutika – von Impfstoffen gegen Viren bis hin zu Medikamenten gegen Krebs – sind deshalb dringend erforderlich, um in Zukunft den Wohlstand, das Wachstum und die Beschäftigung unserer Nation zu sichern.

Der Präsident des Verbands forschender Arzneimittelhersteller, Han Steutel, fordert deshalb zu Recht optimale Rahmenbedingungen und weist u.a. auf folgende Hürden hin: „Die Verfahren für die Entwicklung neuer Medikamente sind in Deutschland zu langwierig. Die Genehmigung von klinischen Studien dauert zu lange, die Zulassungsbehörden haben nicht genug qualifiziertes Personal.“ Insbesondere sollten auch innovative Start up-Firmen im Pharmabereich stärker gefördert werden; dazu sind ein besserer Zugang zu Wagniskapital und großzügigere Abschreibungsregeln für Investoren erforderlich.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Michal Jarmoluk, Pixabay License

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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