Der erste SUV ca. 1942

SUV – Eine kleine Geschichte des Stadtpanzers

Heute ist der 21.11.21. Wir begehen – wie seit 1995 von der UN-Vollversammlung initiiert – am 3. Novembersonntag den Weltgedenktag für die Straßenverkehrsopfer. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge sterben jährlich weltweit rund 1,24 Millionen Menschen im Straßenverkehr, mehr als 50 Millionen werden bei Verkehrsunfällen verletzt. Das sind mehr als 10mal so viele wie aktuell durch Kriege.

In Deutschland ist die Zahl der Verkehrstoten bereits seit Jahren rückläufig, aber dennoch sind die Tatsachen ernüchternd. Über 3.000 Menschen verloren z.B. 2019 in Deutschland ihr Leben. Mehr als die Hälfte waren Fußgänger, Radfahrer oder Biker. Fast 70.000 Menschen wurden schwer verletzt, ca. 320.000 leicht verletzt. Insgesamt entstanden 2019 durch Verkehrsunfälle über 33,9 Milliarden Euro Schaden. Das liegt deutlich über den aktuellen amtlichen (allerdings deutlich verharmlosenden) Schätzungen für Klima- und Umweltschäden. 

Dabei fällt auf, dass insbesondere zunehmend SUVs hier eine besondere Rolle spielen: Sie verursachen mehr Unfälle als normale PKWs, mehr Unfälle mit Personenschaden und vor allem schlimmere Unfallfolgen. D.h. mehr Tote und Schwerverletzte im Straßenverkehr.

SUVs gefährden Menschen und auch das Klima. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) stiegen die CO2-Emissionen der weltweiten SUV-Flotte seit 2010 um 0,55 Gigatonnen auf rund 0,7 Gigatonnen. Damit leisteten die Pseudogeländewagen den zweitgrößten Beitrag zum Anstieg der weltweiten CO2-Emissionen seit 2010, nur der Ausstoß des Energiesektors stieg in diesem Zeitraum noch stärker an.

SUV bedeutet: Mehr Umweltverschmutzung, mehr Flächenverbrauch und Staus, weniger Parkplätze und vor allem mehr unsoziales Verhalten.

SUV sind die mobilisierte Form des Brutalismus: Im Design, im Umweltverbrauch, in der Motorisierung und im Sozialverhalten!

SUVs werden gebaut und gekauft aus einem ganz zentralen Motiv: Sie sollen Angst und Schrecken verbreiten. Das funktioniert. Im Straßenverkehr werden SUVs weniger angehupt, z.B. wenn die Fahrer an Ampeln mal anderen Dingen nachgehen. Und auf der Autobahn wird SUVs schneller Platz gemacht, wenn sich diese „Panzer“ auf Rädern im Rückspiegel nähern.

Tempolimit 130 ist natürlich für diese Terrorinstrumente der Mobilität eine Existenzbedrohung. Aber die Hoffnung der Besitzer*innen dieser Monstren ruhen aktuell auf Christian Lindner und seinem persönlichen Wahlverein. Mit Recht. Die Grünen sind schon vor den Koalitionsverhandlungen beim Tempolimit vor dem Porschefahrer Lindner in die Knie gegangen.  Autowahn wird es also dank der FDP auch nach der Ära Kohl (Merkel zähl ich jetzt einfach mal dazu) weiterhin geben.

SUVs tauchen auf unseren Straßen vor allem seit den 90ern auf. In das öffentliche Bewusstsein sind sie aber erst in den letzten 10 Jahren gedrungen. Aktuell ist fast jeder 4. zugelassene PKW ein SUV. Jeder 10. Bundesbürger fährt mittlerweile eines dieser asphaltaufreissenden und übermotorisierten Monstren, die für den normalen Straßenverkehr und vor allem in der Stadt völlig überdimensioniert sind und zudem eine unfassbar hohe Klimaschädlichkeit aufweisen.

„SUV“ wir oft übersetzt als „Sport Utility Vehicle“. Das ist populär, aber falsch. Die Geschichte des SUVs weist viel weiter in die Geschichte zurück, als wir glauben. Entstanden sind diese Monster gegen Ende des 2. Weltkriegs unter der Führung von Albert Speer, dem Rüstungsorganisator des Nationalsozialismus, Reichsminister für Bewaffnung und Munition und zugleich auch Infrastrukturminister! Gegen die sich abzeichnende Niederlage von Hitler-Deutschland ersann  unter seiner Führung Ferdinand Porsche(!), der in Deutschland bisher vor allem für die Erfindung des VW Käfers und Christian Lindners Lieblingskind, den Porsche, gefeiert wird, einen Panzerwagen als Sturm- und Vergeltungswaffe (SUV). Diese Namensgebung ist heute vergessen.  Der Name des ersten SUVs:  Panzerkampfwagen VIII Maus.

Die „Maus“ war ein überschwerer Panzer für die Wehrmacht, welcher nach den Ideen seiner Entwickler auf dem Schlachtfeld allen Gegnern überlegen sein sollte. Er wog je nach Ausführung über 180 Tonnen, bis zu 3,80 m hoch. Die 6 Insassen wurden von einem Zwölfzylinder-V-Motor mit 1080 (später 1200) PS angetrieben, der von Daimler-Benz gebaut wurde.  Sein Verbrauch: Auf der Straße 1400 l/100 km, im Gelände 3800 l/100 km.

Die Ideologie kommt uns bekannt vor. Ist es doch genau das, was der Idee des modernen SUV zugrunde liegt. Die absolute Überlegenheit auf der deutschen Straße. Auch das Bauprinzip wurde nur wenig verändert. In allen Bereichen entsprechen die Werten der aktuellen SUVS denen des Panzerwagen Maus. Z.B. den des ebenfalls von der Daimler AG gebaute Mercedes -AMG G 63 6×6, der sog. Mega G. Den kann sich heute, anders als beim UR-SUV, jeder leisten, der ca. 450.000 Euro für die Basisvariante auf den Tisch legt. Einiges wurde optimiert, so wiegt dieser SUV nur noch 3.850 Kilo, hat 544 PS und erbraucht selbst im Gelände weniger als 100l/100 km. Aber es gibt ihn auch in einer „Normalversion“ für ca. 250.000 EURO. Werbeslogan: „Wo immer der Mercedes-AMG G 63 auftaucht, herrscht nichts als Ehrfurcht. Seine Leidenschaft, Perfektion und Kraft machen jede Fahrt zu einem Triumph.“ Als hätte Leni Riefenstahl hier getextet! Wie viele andere Autohersteller mit Nazivergangenheit zählen bei Daimler die SUVs zu den profitabelsten und meistverkauften „Produkten“.  Auch BMW, Audi, Porsche und VW konkurrieren um die autobesessenen SUVidioten. Diese angesichts von Klimawandel und Energiewende nicht zu verantwortenden Monstren wiegen mehrere Tonnen, haben bis zu 1000 PS, verstopfen die Straßen, stellen knappen Parkraum zu, bauen sich bedrohlich vor Schulen, Kindergärten und Einkaufszentren auf. Die sind einfach überall, ruinieren unsere Städte. Und brettern dann auch unter einer Ampelregierung weiterhin mit bis zu 300 km/h über die Autobahn. Es herrscht eben Krieg auf deutschen Straßen. Für den Endsieg auf der deutschen Autobahn bedarf es eben eines G63, X7, Q8, eines E-Trons, eines Cheyennes, Macans oder Touareg. Wie wirbt Volkswagen ganz offen: „Die Zukunft ist der stärkste Antrieb“.  Mehr als der Klimawandel zählt eben der Endsieg im PS-Kampf.

Der heutige „Infrastrukturminister“ Andreas Scheuer sorgt mit eiserner Hand – ganz deutsche Tradition – dafür, dass das auch so bleibt. Straßenbau und für SUVs optimal ausgebauter Autobahnen sind sein Credo. Über 10 Milliarden EURO fließen jedes Jahr in die Infrastruktur für den Autowahn (für die digitale Infrastruktur übrigens nur ca. 1 Milliarde EURO!). Gelder, die für den ÖPNV bei weitem nicht zur Verfügung stehen. Auch unter Andi Scheuer galt der Slogan „Freude durch Kraft“. Klimaschutz war  in seiner Ägide als Thema nicht existent. Er war wie seine Vorgänger Garant dafür, dass der Autoverkehr in der letzten Dekade radikaler und totaler wurde als wir es uns vorstellen konnten. Der übermotorisierte SUV ist Ausdruck eines totalitären Denkens. Heute offenbar so populär wie schon lange nicht mehr! Man sagt den – und wir reden hier eben nicht nur über SUVs – PS-Protzern (die rein männliche Form ist hier absolut geboten) oft nach, sie kompensierten dadurch einen Mangel an „Männlichkeit“.  Das mag sicher begründet sein, aber bei den PS-Protzern und vielen (ausdrücklich hier erwähnt: Nicht allen!) hochgerüsteten SUV-Fahrer ist ein Mangel eklatanter: Der Mangel an Gehirn. Darüber sollten wir am Welttag der Verkehrsopfer auch mal kurz nachdenken.

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Uwe Pöhls
Über  

Der Sozialwissenschaftler und Geschäftsführer einer Medienagentur ist langjähriger Experte im Wasserbereich und führt regelmäßig Verbrauchertests mit Trinkwässern durch. Als Herausgeber des Blogs der Republik schreibt Pöhls regelmäßig auch zu anderen Themen.


'SUV – Eine kleine Geschichte des Stadtpanzers' hat einen Kommentar

  1. Avatar

    21. November 2021 @ 20:32 Kai Ruhsert

    Chapeau!
    Ganz meine Meinung – die ich hier noch mit weiteren Fakten zur Unmündigkeit von immer mehr Konsumenten unterfüttert sehe:
    Wider die Seuche der SUV – https://blog.psiram.com/2018/09/wider-die-seuche-der-suv-teil-1/

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