Thyssen-Krupp

Thyssen-Krupp. Wieder droht deutsche Industriegeschichte um ein weiteres fatales Kapitel bereichert zu werden.

Nach Borgward, Grundig oder AEG sieht es so aus, als ob ein weiteres deutsches Vorzeigeunternehmen seinem Ende entgegen steuert. Der Vorstandsvorsitzende Hiesinger und der Aufsichtsratsvorsitzende Lehner werfen innerhalb weniger Tage die Brocken hin, angeblich genervt von zwei ausländischen Investoren und der irrlichternden Vorsitzenden der mächtigen Kruppstiftung, Ursula Gather, der Rektorin der Dortmunder Universität. Sie war nach dem Tod des legendären Berthold Beitz, im Sommer 2013 zur Nachfolgerin erkoren worden und glänzt seitdem nach Insiderinformationen durch industriepolitische Ahnungslosigkeit. Die Stiftung, die mit gut 25 Prozent Anteilen über eine Sperrminorität verfügte, hat jetzt nur noch 21 Prozent und könnte leicht von den anderen Anteilseignern ausgehebelt werden, insbesondere dann, wenn diese mit einer Kapitalerhöhung den Stiftungsanteil noch weiter drücken würden. Der Einfluss der Stiftung ist brüchig geworden, weil gegen sie auf den Hauptversammlungen kein wichtiger Beschluss gefasst werden kann, da sich dort nie mehr als die Hälfte des Kapitals versammelt.  Als der ehemalige Wirtschaftsminister und einstige RAG-Vorstand, Werner Müller, Gather aus der Patsche helfen wollte und ihr mit einem Millionenangebot die Sperrminorität sichern wollte, lehnte sie ab. Aus dem Umfeld der RAG-Stiftung ist zu hören, das es von Gathers Seite nicht einmal zu einem konkreten Ausloten einer unternehmerischen bzw. industriepolitischen Perspektive gekommen sei.

Wenn Vorstand und Aufsichtsrat in einer  Situation einfach abhauen, wo die beiden Anleger, der schwedische Fond Cevian mit 18 Prozent und der US-Hedge-Fond Elliott mit 3 Prozent, angeblich den Konzern zerschlagen wollen, zeugt nicht von Rückrat und Durchhaltevermögen. Man könnte auch von Schönwettermanagern reden, die in schwierigen Zeiten einfach die Biege machen.

160 000 Arbeitsplätze sind betroffen oder besser gesagt in Gefahr. Das Stahlgeschäft, mittlerweile mit einem indischen Konkurrenten fusioniert, wird auf Dauer nicht mehr in den Bilanzen auftauchen.

Ohnehin sind Stahlkocher, wie Thyssen-Krupp in Duisburg oder Salzgitter in Niedersachsen, schon mittelfristig in großen Nöten angesichts der weltweiten Überkapazitäten und der Tatsache, das sich derartige Produzenten auf Dauer nicht in den Binnenländern sondern nur an den Küsten und in der Nähe der Erzlieferanten halten. Insofern waren die von den alten Kruppvorständen gebauten Stahlwerke in Brasilien und Alabama richtig, nur in der Ausführung  mit Milliarden Zusatzkosten Fehlinvestitionen. Heute werfen sie für die neuen indischen Inhaber jährlich dreistellige Millionengewinne ab.

Was bleibt dann noch für einen Industriekonzern übrig, wenn das gewinnbringende Aufzugsgeschäft mit dem finnischen Konkurrenten  Kone fusioniert wird, als nur eine reine Finanzholding, die ihre industriellen Anteile verwaltet?  Interesse an einem Zusammenschluss mit den Finnen hat es von Kruppseite schon früher  gegeben, nur sind entsprechende Gespräche jetzt, wie sie Gather  vorgeworfen werden, einmal nicht ihre Sache als Stiftungsvorsitzende und zum anderen ausschließlich Sache des operativ verantwortlichen Vorstandes.

Ob der Interimsvorstandsvorsitzende und hauptamtlich Verantwortliche für Finanzen, Guido Kerkhoff, den Karren sprichwörtlich aus dem Dreck ziehen kann, bezweifeln seine Kritiker. Er  ist nicht nur als Finanzvorstand mitverantwortlich für die desolate Lage des Konzern sondern habe auch die Werke in Brasilien und Alabama weit unter Preis verscherbelt.

Wer das Drama um den Essener Konzern zur Bühnenaufführung bringen will. Der findet reichlich Stoff aus Intrigen, Protz und Eifersucht schon um den zu Lebzeiten ins Überirdische kommentierte Berthold Beitz, seinen Kronprinzen Gerhard Cromme, dem einstige Weggefährten die Eiseskälte von kaltschnäuzigen Groschenheftfiguren attestieren, aber auch um Politiker, Parteien und Gewerkschaftern die es sich lange, sehr lange im Dunstkreis der Villa Hügel gut gehen ließen ohne  den Blick hinter die Kulissen zu wagen.

 

Bildquelle: Wikipedia, Thyssen-Krupp, Public Domain.

Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 4 667 Abonnenten.



Martin Schmuck

Als Journalist arbeitete Schmuck für die DPA und den WDR und leitete das ZDF-Landesstudio NRW in Düsseldorf bevor er Sprecher des Bundesfinanzministers unter Peer Steinbrück wurde. Heute ist der Autor Kommunikationsberater.


'Thyssen-Krupp. Wieder droht deutsche Industriegeschichte um ein weiteres fatales Kapitel bereichert zu werden.' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht