Vaterunser

„Und führe uns nicht in Versuchung“

In der katholischen Kirche ist eine Debatte über das Vaterunser entbrannt. Ausgelöst hat sie der Papst mit einer kritischen Bemerkung zu der Bitte „und führe uns nicht in Versuchung“. Es sei nicht Gott, sondern der Teufel, der die Menschen in Versuchung führe, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche. Franziskus fügte hinzu, „lass mich nicht in Versuchung geraten“ wäre die treffendere Formulierung.

Die deutschen Bischöfe können seiner Kritik allerdings nicht folgen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sieht „keine Notwendigkeit“ für eine Änderung des Textes und hat Berichten von einer Pressekonferenz in München zufolge zudem „den Eindruck, dass die meisten Bischöfe das so sehen wie ich und keinen Handlungsbedarf sehen“.

Das Vaterunser ist das Gebet aller Christen weltweit. Sie führen die in viele Sprachen übersetzten Worte auf Jesus selbst zurück. In der Bergpredigt (Matthäusevangelium 6, 9-13) sagt Jesus:
Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten:
Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.

Der Papst habe mit Recht darauf hingewiesen, dass „führe uns nicht in Versuchung“ missverstanden werden könne, sagte Marx. Gemeint sei, „dass Gott uns in die Bewährung führt“. Übereinstimmend äußern mehrere deutsche Theologen und Geistliche die Überzeugung, dass die deutsche Übersetzung des Reformators Martin Luther dem griechischen Urtext des Neuen Testaments entspreche. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann wurde mit der Äußerung zitiert: „Wir sollten die deutsche Übersetzung so lassen.“ In Frankreich jedoch hat die katholische Kirche eine Textänderung bereits beschlossen. Dort soll die umstrittene Zeile künftig „und lass uns nicht in die Versuchung eintreten“ (et ne nous laisse pas entrer en tentation) lauten. Und in der Schweiz erwägen Protestanten eine Neuformulierung.

Der Theologe und Philosoph Eckhard Nordhofen setzt sich auf katholisch.de mit der Kontroverse auseinander und kommt zu dem Schluss, dass nicht die bemängelte Zeile, sondern eine andere Textstelle geändert gehöre. „Über diese Bitte sind schon viele gestolpert. Sie kann tatsächlich eine ernste Irritation auslösen“, räumt Nordhofen ein. „Was wäre das für ein Gott, der uns da in Versuchung führt? Kann das der liebende Vater sein?“

Zum besseren Verständnis der Bitte sei es nötig, auch die vorangehende vierte Bitte ihrem getreuen Wortlaut entsprechend zu verstehen. Dies liefere „den Schlüssel auch zum Verständnis der vorletzten, auf den ersten Blick so irritierenden Bitte“. Die vierte Bitte lautet „Unser tägliches Brot gib uns heute“. Sie werde üblicherweise so verstanden, „dass es darum geht, immer genug zu essen zu haben“. Tatsächlich aber sei ursprünglich „himmlisches Brot“ gemeint, argumentiert Nordhofen und schreibt: „So wird es höchste Zeit für eine die Korrektur und zwar eine, die sich nicht am authentischen Text vergreift und die vorletzte Bitte weichspült, sondern eine, welche die falsch oder doch missverständlich übersetzte Bitte um das tägliche Brot authentisch macht und stattdessen vom himmlischen Brot spricht.“

Die an sich „nicht unsympathische, aber doch abwegige Idee“ von Papst Franziskus habe sich „an einem Scheinproblem entzündet“. Die Diskussion könne aber auch Ihr Gutes haben, findet der Theologe. „Über das Vaterunser nachzudenken lohnt sich. Ausgerechnet der bekannteste Gebetstext der Welt hält Überraschungen bereit.“

In der zum Reformationsjubiläum 2017 revidierten Lutherbibel lautet das Vaterunser nun:
Unser Vater im Himmel / dein Name werde geheiligt. / Dein Reich komme. / Dein Wille geschehe, / wie im Himmel, so auf Erden. / Unser tägliches Brot gib uns heute. / Und vergib uns unsere Schuld, / wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. / Und führe uns nicht in Versuchung, / sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich / und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit Amen.

Bis 1971 hieß es noch „sondern erlöse uns von dem Übel“. Vor der sprachlichen Überarbeitung, auf die sich Katholiken, Protestanten und Orthodoxe einigten, hatte es eingangs „Vater unser, der du bist im Himmel“ geheißen. Schon vor dem Vorstoß des Papstes waren in Deutschland mindestens drei Bibel-Neufassungen mit textlichen Veränderungen erschienen. In der „Bibel in einfacher Sprache“ heißt die heute diskutierte Passage laut hna: „lass uns nicht in Gefahr kommen, dir untreu zu werden, sondern rette uns aus der Gewalt des Bösen“. Die „Bibel in gerechter Sprache“ schreibt „Führe uns nicht zum Verrat an dir, sondern löse uns aus dem Bösen“. In der an Jugendliche adressierte „Volxbibel“ heißt es: „Pass auf uns auf, damit wir nicht irgendwelchen fiesen Gedanken nachgeben und dir auch so untreu werden.“

Es ist allerdings zu erwarten, dass mit dem Gebet auf unabsehbare Zeit alles beim Alten bleibt: Die Einigung auf eine gemeinsame Fassung des Vaterunsers von Protestanten, Katholiken und Orthodoxen im deutschsprachigen Raum hat Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte gedauert. Das wird sich niemand mehr antun wollen.

Bildquelle: Wikipedia, public domain

Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 4 709 Abonnenten.



Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


'„Und führe uns nicht in Versuchung“' hat einen Kommentar

  1. 4. Januar 2018 @ 12:17 Öko-Theosoph

    Der Glaube an einen „Sohn Gottes“ ist ein überholter (veralteter) Guru-Glaube. Mystische Erfahrungen sind nicht auf „Gnade“ zurückzuführen, sondern auf Naturgesetze. Die Welt wurde nicht von Gott „erschaffen“, sondern existiert von Natur aus (und seit ewig). Es gibt einen Bereich in der Natur, der dem Menschen (genauer: dem Ich-Bewusstsein) ewig unzugänglich ist.
    Ein Mensch sollte seine Willenskraft und Liebe vergrößern. Es ist wichtig, gesundheitsbewusst zu leben und sich unegoistisch zu verhalten. Es ist sinnvoll, die körperliche Leistungsfähigkeit zu vergrößern, diverse Herausforderungen zu meistern, die Natur zu schützen usw. Und dann sollte man sich morgens unmittelbar nach dem Aufwachen auf einen Wunsch konzentrieren und sich (nochmal) in den Schlaf sinken lassen. Durch Traumsteuerung (oder im halbwachen Zustand nach dem Aufwachen) kann man zu mystischen Erfahrungen (und Heilen wie Jesus) gelangen. Der Mensch (genauer: das Ich-Bewusstsein) kann mystische Erfahrungen nicht bewirken, sondern nur vorbereiten. Bestimmte Meditations- und Yoga-Techniken, Hypnose, Präkognition usw. sind gefährlich. Traumsteuerung ist auch ohne luzides Träumen (das u. U. gefährlich ist) möglich. Man sollte sich nur dann einen luziden Traum wünschen, wenn man durch Traumdeutung herausgefunden hat, dass man dafür die nötige Reife hat. Oder man kann sich vor dem Einschlafen wünschen, dass sich nur Dinge ereignen, für die man die nötige Reife hat. Es ist gefährlich, während eines luziden Traumes zu versuchen, den eigenen schlafenden Körper wahrzunehmen. Luzide Träume dürfen nicht durch externe Reize (Drogen, akustische Signale usw.) herbeigeführt werden. Man kann sich fragen, ob eine echte (nicht nur eine eingebildete) Zeitdehnung in Träumen möglich ist. Zudem, wie sich Schlaf-Erlebnisse von Tiefschlaf-Erlebnissen (und Nahtod-Erlebnissen usw.) unterscheiden. Die Bedeutung eines symbolischen Traumgeschehens kann individuell verschieden sein und kann sich im Laufe der Zeit ändern.
    Es bedeutet eine Entheiligung der Natur, wenn Traumforscher die Hirnströme von Schlafenden messen. Die Wissenschaft darf nicht alles erforschen. Es ist z. B. gefährlich, wenn ein Mensch erforscht, ob er einen freien Willen hat. Es ist denkbar, dass ein Mensch gerade durch die Erforschung der Beschaffenheit des Willens seinen freien Willen verliert. Zudem besteht die Gefahr, dass ein Mensch verrückt wird, wenn er sich fragt (wie schon vorgekommen), ob das Leben nur eine Illusion ist. Das Leben ist real. Es kann in Teilbereichen auf wissenschaftlichen (und technischen) Fortschritt verzichtet werden. Es ist z. B. falsch, Hochgeschwindigkeitszüge zu bauen. Man sollte möglichst dort wohnen, wo man arbeitet. Dadurch werden viele Privatfahrzeuge (nicht Firmenfahrzeuge) überflüssig. Es ist sinnvoll, überflüssige Dinge (Luxusgüter, Gottesdienste, Werbung, hohe leistungslose Einkommen, Kreditwesen, Urlaubsindustrie, Rüstung usw.) abzuschaffen. Der MIPS muss gesenkt werden (Regionalisierung senkt Transportkosten, ein Öko-Auto fährt über 50 Jahre, ein 1-Liter-Zweisitzer-Auto spart Sprit usw.). Ein Mensch kann im kleinen und einstöckigen 3-D-Druck-Haus (Wandstärke ca. 10 cm) mit Nano-Wärmedämmung wohnen. Wenn die Menschen sich ökologisch verhalten, vergrößert sich die Wahrscheinlichkeit einer günstigen Erwärmung im Winter. Denn das Klima ist (so wie das Leben) in der Lage, sich positiv weiterzuentwickeln. In der Medizin sollte u. a. die Linsermethode gegen Krampfadern (auch dicke) eingesetzt werden. Es ist wichtig, den Konsum von tierischen Produkten (und Süßigkeiten und Eis) zu reduzieren oder einzustellen. Hat man eine bestimmte Reife, kann man sich vegan ernähren oder von Urkost ernähren (oder sogar fast nahrungslos leben). Die berufliche 40-Stunden-Woche kann durch die 4-Stunden-Woche ersetzt werden (bei Abschaffung des Renteneintrittsalters). Wenn die Menschen sich richtig verhalten, werden die Berufe (zukünftig) zunehmend und beschleunigt an Bedeutung verlieren.

    Antworten


Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht