Willy Brandt - 7. Dezember 1970 in Warschau

Verleumdungen als Teil politischer Kampagnen gegen den Emigranten Willy Brandt

„Brandt alias Herbert Frahm“, so lautete ein Flugblatt, das uns in der Nähe des Schiffshebewerks in Henrichenburg und Millionen anderer Hauhalte in den 60er Jahren ins Haus geworfen worden war. Ich erinnere mich ziemlich genau daran. Eine üble Anspielung der Adenauer-CDU auf den unehelich zur Welt gekommenen Willy Brandt, der zunächst Herbert Frahm hieß. Und Konrad Adenauer haute bei seiner Rede in Regensburg am 14. August 1961 in die gleiche Kerbe, als er von „Herrn Brandt alias Frahm“ sprach. Zuvor hatte Franz-Josef Strauß in Vilshofen gegen den aufkommenden Sozialdemokraten gedonnert: „Eines aber wird man Herrn Brandt doch fragen dürfen:Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht?“ Er war vor den Nazis nach Norwegen geflohen, um seine Haut zu retten. Seine Gegner unterstellten ihm, er habe gegen Deutschland gekämpft. CDU-Politiker sprachen damals bewusst von der deutschen Schicksalsgemeinschaft, der sie angehört hätten, aber nicht die Emigranten.

Die Konservativen, um nicht zu sagen Reaktionäre stimmten diesen Parolen zu. Und damals in den 60er Jahren waren sie in der Mehrheit. Mich hat das Flugblatt neugierig gemacht, ich war politisch ziemlich ahnungslos. Aber als ich den Sinn der Attacke auf den SPD-Kanzlerkandidaten begriff, hat mich das empört. Ausgerechnet die CDU, die doch so christlich sein wollte, deren Anhänger des Sonntags in die Kirchen strömten, ausgerechnet Konrad Adenauer. In der großen Biographie von Peter Merseburger „Willy Brandt“ lese ich ein Zitat von Zeit-Verleger Gerd Bucerius, der selber in der CDU war und dem diese Angriffe Adenauers auf Brandt zuwider waren und der deshalb seinem Parteifreund schrieb: „Ihr Angriff auf die politische Vergangenheit von Brandt fand besonders Anklang bei jenen, die noch im Nationalsozialismus wurzeln“. So war das bis in die 60er Jahre. Der Russe war der Böse, das mit den Nazis, mit der eigenen braunen Vergangenheit hatte man verdrängt.

Olle Kamellen

Heute wird über Fouls im Wahlkampf geklagt. Und auch ich finde nicht gut, dass SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil in einem Video vor der CDU warnen lässt, dass der Chef der Staatskanzlei in Düsseldorf, Liminski, „erzkatholisch“ sei und gegen Sex vor der Ehe. Was hat das mit Wahlkampf zu tun, Herr Klingbeil? Greifen Sie meinetwegen Armin Laschet wegen seiner Politik in NRW an, werfen sie ihm vor, er sei nicht Fisch nicht Fleisch, der Meister des Einerseits-Andererseits, der Armin-hin-und-her. Aber erzkatholisch als Grund, die CDU nicht zu wählen? Die SPD macht doch keinen Wahlkampf gegen die katholische Kirche. Liminskis Aussagen stammen aus dem Jahre 2007 oder so. Olle Kamellen. Die SPD, Herr Klingbeil, hat in der Regierung Merkel eine Menge geleistet. Wenn Sie diese Leistungen herausstellen würden, die Hubertus Heil zu verantworten hat oder Ihr Kanzlerkandidat Olaf Scholz, zugleich Bundesfinanzminister, damit könnten Sie punkten. Sie könnten ferner Herrn Söder vorwerfen, schlechtes Personal nach Berlin geschickt zu haben, zum Beispiel den sogenannten Bundesverkehrsminister Scheuer, der sich im Amt als eine Zumutung erwiesen hat. Sie könnten den Bundesinnenminister Horst Seehofer angreifen. Warum greifen Sie zum untauglichsten Mittel? 

Den Konservativen sei gesagt, Sie sollten sich mal nicht so aufplustern über die SPD. Friedrich Merz, der ja unbedingt einem Kabinett Laschet- wenn es denn so kommen sollte- angehören will, hat den Grünen vorgeworfen, Sie wollten möglichst viele Einwanderer „unabhängig von ihrer Integrationsfähigkeit nach Deutschland einladen“.  Merz weiß genau, dass das ein Foul ist, unwahr. Es zielt auf die niederen Instinkte mancher Wählerinnen und Wähler. Aber gemach, Ihr Konservativen. Ihr haut selber immer mal wieder auf die Pauke und beschwert euch über die Lärmbelästigung der anderen. Nie wollt ihr es gewesen sein. Die „Süddeutsche Zeitung“ zitiert in ihrem Kommentar „Stürmchen der Entrüstung“ den früheren Bundesinnenminister Gerhard Rudolf Baum(FDP), der daran erinnert habe, dass die CSU im Wahlkampf 1980- Franz-Josef Strauß kontra Helmut Schmidt- Baum vorgeworfen habe, fürs Oktoberfest-Attentat verantwortlich zu sein. Bei dem Attentat auf das größte Volksfest der Welt am 26. September 1980 -ausgelöst durch eine handgefertigte Bombe- waren 13 Personen getötet und 221 verletzt worden, 68 davon schwer. Rechtsextreme waren die Täter.

Anonyme Briefe

Ja, die CSU verstand sich immer schon auf Tritte vors Schienbein des politischen Gegners, auf zutiefst unfaire Attacken. Ich muss erneut an die Kampagnen gegen Willy Brandt erinnern, rücksichtlos wurde der SPD-Hoffnungsträger attackiert, um ihn als Vaterlandsverräter hinzustellen. „Alles, was seit dem 13. August in Berlin geschehen ist, ist eine beabsichtigte Hilfe Chruschtschows im Wahlkampf für die SPD und ihren Kandidaten Willy Brandt alias Frahm.“ 

So las sich ein Wahlplakat mit dem Konterfei von Adenauer und der Aufforderung an die Wähler: „Darum Deine Stimme. CDU“. Brandts damalige Frau Rut, klagte in ihrem feinen Buch „Freundesland“ über Intrigen gegen ihren Mann: „Es war eine neue bittere Erfahrung, dass Ränkespiel und Verleumdung Teil politischer Kampagnen waren.“ Man ließ ihr anonyme Briefe zukommen, schildert Merseburger in seinem Buch, Drohungen gegen die Kinder, ein Passauer Verlag schickte ihr „Auszüge aus intimen Briefen und Erinnerungen „, die angeblich eine „Bekannte von Willy zum Druck angeboten hatte.“ Der Verleger war ein gewisser Dr. Hans Kapfinger, Chef der Passauer Neuen Presse, Schöpfer eines Magazins, das gegen Brandt polemisierte. Kapfinger war ein Spezl von Strauß.

Die Glaubwürdigkeit von Willy Brandt sollte untergraben werden, deshalb die Polemiken gegen den Emigranten, als wäre das Leben als Emigrant so schön gewesen. Der Gründer der WAZ, Erich Brost, ein Sozialdemokrat, war vor den Nazis aus Danzig geflohen und über mehrere Stationen in London gelandet, wo er für den deutschen Dienst der BBC arbeitete. Brost hat nicht viel über die Zeit gesprochen, aber ich weiß, dass er mal zu mir zum Thema Emigration gesagt hatte: „So schön war das nicht, Emigrant in London zu sein und die Angst und Sorgen der Menschen zu erleben, wenn deutsche Bomben irgendwo einschlugen.“ Da wurde mancher Emigrant schief angesehen.

Übrigens wiederholten sich die Kampagnen gegen Brandt auch in späteren Wahlkämpfen. Auch Ludwig Erhard, gegen Adenauers ausdrücklichen Willen dessen Nachfolger geworden, ließ den Gegner mit den alten rechten Parolen attackieren. Brandts Vergangenheit rückte immer wieder in den Mittelpunk, auch dass er einen anderen Namen angenommen hatte, wurde ihm zum Vorwurf gemacht, ihm unterstellt, er liebäugele mit dem Kommunismus, er habe gar kein Abitur. Die Attacken blieben nicht ohne Wirkung bei Brandt, er trug sich mit dem Gedanken, die Brocken hinzuwerfen. Nachzulesen im Buch von Hans-Joachim Noack über Brandt. Und sogar als Kanzler versuchten ihn die Konvervativen wie Strauß um seinen Ruf zu bringen. Für die Ostverträge mit der Sowjetunion und der DDR, für diese neue Ostpolitik der Aussöhnung wurde Bundeskanzler Willy Brandt zwar mit dem Friedensnobelpreis geehrt, aber einer wie Strauß griff Brandt als „Kanzler des Ausverkaufs“ an. Sicher hatte der CSU-Mann die Rechten im Land, die Vertriebenen und nicht wenige Soldaten mit seiner Hetze auf seiner Seite.

Der Kniefall von Warschau

Und als der Bundeskanzler am 7. Dezember 1970 in Warschau am Denkmal für das Warschauer Ghetto auf die Knie fiel als Geste, die als Bitte um Vergebung für die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg verstanden wurde, hielten laut einer Umfrage des „Spiegel“  48 Prozent der Befragten dies für „übertrieben“, 41 Prozent meinten, der Kniefall sei angemessen gewesen. Aus Protest gegen die Ostpolitik verließen mehrere FDP-Abgeordnete die Partei, Brandts Mehrheit geriet in Gefahr. In einem Misstrauensvotum versuchte der Unions-Politiker Rainer Barzel Brandt zu stürzen. Barzel scheiterte, es kam zu Neuwahlen, die Willy Brandt und die SPD mit 45,8 vh erstmals als größte Fraktion gewannen. 

Im Vergleich zu damals ist der jetzige Wahlkampf ein laues Lüftchen. Der SZ-Kommentar-Titel „Stürmchen der Entrüstung“ passt. Und dennoch sollten sie die Fouls lassen. Es gibt Wichtigeres zu tun, die Opfer der Flut in NRW und Rheinland-Pfalz brauchen dringend Hilfe, wahrscheinlich Milliarden Euro, weil sie vieles, manche sogar alles verloren haben,  die Corona-Pandemie ist längst nicht erledigt. Millionen Deutsche weigern sich, sich impfen zu lassen. Verantwortungslos ist das, weil sie andere mit ihrer unsolidarischen Haltung gefährden. Geimpfte verlangen mehr Gerechtigkeit, Impfverweigerer sollten die Kosten der Tests selber tragen. Der Klimawandel verlangt eine Richtungsänderung der Politik, damit unser schöne Planet gerettet werden kann. Das sind Themen, die uns unter den Nägeln brennen. Ob jemand erzkatholisch ist, ist mir, ich bin katholisch, so was von egal.

Bildquelle: Youtube Screenshot

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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