Eisenbahnwaggon Compiegne

Vor 100 Jahren: Die Urkatastrophe endete im Wald von Compiegne

Der britische Außenminister Sir Edward Grey hatte eine Vorahnung über die Folgen des Krieges. Am 3. August 1914 urteilte er:“ Die Lampen gehen ins ganz Europa aus; wir werden sie in unserem Leben nie wieder leuchten sehen.“ Neben der Angst und den Sorgen gab es die Siegesgesänge und die Hoffnung, in wenigen Wochen Denkmal General Fochwerde Frankreich besiegt sein. Es gab den naiven Glauben, als wenn ein Krieg etwas Schönes bringen könnte. Und dann die Ernüchterung, als man sich in Verdun eingrub, als die Todesnachrichten im deutschen Reich eintrudelten, als die Lazarette sich füllten mit den Verwundeten und Verkrüppelten. Am 11. November 1918, endlich, unterzeichneten der französische Marschall Ferdinand Foch und der Staatssekretär Matthias Erzberger als Leiter der deutschen zivilen Delegation in einem Eisenbahn-Salonwagen im Wald von Compiegne in der Nähe von Paris das Waffenstillstandsdokument, das noch am selben Tag in Kraft trat. Der Grande Guerre, wie ihn die Franzosen später nennen, war zu Ende. Das deutsche Reich hatte den Krieg verloren.

Die Bilanz ist furchtbar, tödlich. Mindestens 65 Millionen Soldaten waren mobilisiert worden, fasst der Historiker Heinrich August Winkler die Bilanz des Krieges zusammen, 8,5 Millionen waren gefallen, über 21 Millionen waren verwundet, 7,8 Millionen waren in Kriegsgefangenschaft geraten oder vermisst, es gab über fünf Millionen Tote in der europäischen Zivilbevölkerung-Russland nicht mitgerechnet. Es war ein Krieg, der erstmals mit moderner Waffentechnik geführt worden war, mit Flammenwerfern und mit Gas, durch Torpedos in U-Booten, durch Bomben aus Flugzeugen wurden Menschen getötet. Das Maschinengewehr forderte die meisten Opfer.

Die Siegermächte verlangten in Compiegne die Räumung der besetzten Gebiete in Elsaß-Lothringen, Frankreich, Belgien und Luxemburg sowie des linken Rheinufers. Das deutsche Reich wurde verpflichtet, alle U-Boote, viele Flugzeuge, Schiffe sowie Waffen und Munition, Lokomotiven, Waggons und Kraftfahrzeuge abzuliefern und die Hochseeflotte abzurüsten. Am 11. November um sechs Uhr unterzeichnete die deutsche Delegation den Waffenstillstand, der zunächst auf 36 Tage befristet war.

Standplatz des Einsenbahnwaggons im Wald von CompiegneUnd wofür hatten sie gekämpft, welchen Sinn sollte das Schlachten gehabt haben? Welchen Idealen waren sie nachgerannt bis zum Tode? Verteidigung der Heimat? Aber wer hatte wen angegriffen, überfallen? Nationale Ehre, Prestige, Freiheit, oder nationale Befreiung und Hoffnung auf bessere Zeiten? Ian Kershaw hat diese Fragen gestellt, ohne sie letztendlich beantworten zu können. Es hatte zu viele Gründe, Fehler und Versäumnisse gegeben, nationalistische Verirrungen, die letztlich auf dem Schlachtfeld gelandet waren und für viele tödlich endeten. Kershaw zitiert, um die Sinnlosigkeit des Krieges zu unterstreichen, einen jungen Franzosen, der kurz vor seinem Tod 1916 an der Westfront geschrieben hatte: „Ich frage, will verstehen, den Zweck von diesem Blutbad. Als Antwort höre ich: Fürs Vaterland. Waffenstillstand Compiegne 1940Den Grund dafür kann ich nicht sehen. “

Auf Compiegne folgte 1919 Versailles mit dem Friedensvertrag, der Deutschland die alleinige Kriegsschuld zusprach, Alliierte besetzten die linksrheinischen Gebiete, Deutschland musste 14 Prozent seiner Fläche abtreten, hohe Reparationsforderungen waren die Folge. Und später kam auf deutscher Seite die sogenannte „Dolchstoßlegende“ dazu, die besagte, die deutsche Armee sei im Felde unbesiegt gewesen. Die Unterzeichner des Waffenstillstandsvertrages wurden als „Novemberverbrecher“ hingestellt, Erzberger 1921 ermordet.

Geschichte wiederholt sich nicht? Am 21. Juni 1940 ließ Hitler die französische Waffenstillstandsdelegation unter General Huntziger in eben jenem Eisenbahn-Waggon im Wald von Compiegne die Bedingungen der Nazis unterzeichnen, die man den Franzosen nach deren Niederlage zu Beginn des 2. Weltkrieg stellte. Heute ist der Ort ein Museum.

Quellen: Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Die Zeit der Weltkriege. Beck München. 2011. Ian Kershaw: Höllensturz. Europa 1914 bis 1949. dva. München, 2016.

Bildquellen: Titelbild, BdR, AP
Compiegne 1940:  Bundesarchiv, Bild 146-1982-089-18 / CC-BY-SA 3.0
Compiegne 2018: BdR, UP

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Vor 100 Jahren: Die Urkatastrophe endete im Wald von Compiegne' hat einen Kommentar

  1. 12. November 2018 @ 16:12 wolfgang fubel

    Da bin ich anderer Ansicht.
    Die Uhrkatastrophe hat dort Ihre Fortsetzung erfahren. Sie ist dort sozusagen Manifestiert worden,
    mit der Unterzeichnung eines „Vertrages“ der den Auslösefaktor für das beinhaltete was danach geschah!
    Die erste Katastrophe ist zwar beendet worden, aber die Nachfolgende Katastrophe ist dort schon Vorprogrammiert worden!!
    Das wird einigen Leuten nicht gefallen, die Heute noch die Alleinige Schuld der Ersten Katastrophe den Deutschen Reich
    anlasten!

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