Mikado

Wer sich zuerst bewegt- verliert. Röttgens Schuss könnte zu einem Eigentor werden

„Spielverderber“ überschreibt die „Süddeutsche Zeitung“ ihren Text über Norbert Röttgen, den CDU-Politiker, der für alle überraschend als erster Kandidat seine Bewerbung für das Amt des CDU-Vorsitzenden offiziell angemeldet hat. Das mit dem Ersten stellt er auch in der Bundespressekonferenz in Berlin klar, als man ihn danach fragt, warum er als vierter CDU-Mann seinen Hut in den Ring werfe. „Ich bin nicht der Vierte, sondern der Erste. Ich bin der Erste und Einzige, der seine Kandidatur erklärt hat.“ Das stimmt zwar, aber es ist dennoch typisch Röttgen, alleine vorzupreschen, so gut wie niemanden in seine Pläne einzuweihen. Dass daran gedacht war, die Lösung der CDU-Spitzenfrage im Team anzupeilen, scheint ihn wenig zu beeindrucken. Er gehörte ja dem Team zunächst nicht an, nun hat er sich selber ins Team geredet. Wer das Aufmacher-Bild der SZ dazu sieht, wie er der vorgefahrenen Limousine entsteigt, den Knopf des Jacketts schließt, überlegen lächelt, das ist Röttgen, wie man ihn in der Politik kennengelernt hat. Er hat nicht nur Freunde in der Partei, die Zahl seiner Kritiker, seiner Gegner dürfte die der Anhänger weit übersteigen. Wie lautet das Sprichwort: Wer sich zuerst bewegt, verliert?

„Arrogant“ sei er, so die Antwort aus berufenem Mund eines erfahrenen Unions-Mannes, der Röttgen kennengelernt hat über all die Jahre, seinen Aufstieg von der Jungen Union in den Bundestag, vom Parlamentarischen Geschäftsführer der Unionsfraktion zum Bundesumweltminister. in beiden Ämtern gefördert von Angela Merkel. Nach dem Machtverlust der CDU in NRW gewinnt er den Mitgliederentscheid gegen Armin Laschet und führt die NRW-CDU in den Landtagswahlkampf gegen Hannelore Kraft.Und verliert deutlich.  Kaum jemand kann sich vorstellen, dass dieser Mann, der früher mal „Muttis Klügster“ war, gemeint Merkels Wunschkandidat für höhere Aufgaben, dass ausgerechnet Norbert Röttgen die CDU aus dieser jetzigen Krisenlage führen könne. Röttgen interessiere sich doch nur für sich und seine Belange, die große Welt eben, deshalb sei er ja auch Vorsitzender im Auswärtigen Ausschuß. Ein gut aussehender Talkshow-König, der den Menschen die Welt erkläre.

Bei seiner Präsentation in Berlin vor der Hauptstadtpresse gibt er, wie man das von ihm kennt, den Überlegenen, den Mann, der nicht einfach aus schnödem personellen Ehrgeiz CDU-Chef werden will, sondern weil er die CDU erneuern will, mehr noch, Deutschland will der Mann nach vorn bringen. Ein Kernsatz von ihm: „Ohne ökologische Kompetenz keine Zukunftskompetenz“.  Wie er das darstellt, richtet sich seine Erzählung natürlich gegen seine Mitkonkurrenten um die Nachfolge von Annegret Kramp-Karrenbauer und am Ende gegen Angela Merkel. CDU-Vorsitz und Anspruch aufs Kanzleramt gehören selbstredend zusammen. Dass er sich dafür geeignet hält, darf man voraussetzen. Bescheidenheit war noch nie seine Stärke.

Der Mann, der damals tief gefallen ist, nachdem die Wahl in NRW schiefging, scheint wieder auferstanden zu sein. Niederlagen können einen härten, qualifizieren für nächste Wettkämpfe. Röttgen räumt Fehler von damals ein, er habe daraus gelernt, vergisst allerdings nicht, der Kanzlerin auf nette Art ein paar Versäumnisse hinzureiben.  Wer sich erinnert, wie er damals von Merkel abserviert worden war als Umweltminister, was er nicht für möglich gehalten hatte,  fragt automatisch nach den Gründen. Es mag sein, dass Merkel ihm vorgehalten hat, dass er nur als Wahlsieger nach Düsseldorf gehen wollte, aber im Falle einer Niederlage selbstverständlich in Berlin bleiben wollte, also seine politische Karriere mit einer Rückfahrkarte fortsetzen wollte. Mag sein. Ein anderer Grund könnte darin gelegen haben, dass der junge Röttgen im Kreise der Pizza Connection, umgeben von jungen Christdemokraten wie Armin Laschet zum  Beispiel, und jungen Grünen wie Cem Özdemir, gelegentlich über künftige schwarz-grüne Regierungen und den dazu gehörenden Kanzler sinniert haben soll, Gedanken, die nicht als Laudatio auf die Amtsinhaberin Merkel gemünzt waren, sondern die auch den Traum des Mannes enthielten, eines nicht zu fernen Tages selbst die Zügel im Kanzleramt in Berlin in die Hand zu nehmen. Dass Merkel von diesen Gedankenspielen erfahren haben wird, darauf kann, wer will, Gift nehmen. Und eines sollte man nicht unterschätzen: Politiker mögen tolerant sein, umgänglich und was sonst noch alles, aber sie vergessen nicht, was andere einst Unschönes über sie gesagt haben. Das nennt man dann nachtragend.

Wer Norbert Röttgen erlebt hat in Hintergrundgesprächen, war gelegentlich fasziniert von seinen Gedanken über die Welt von morgen und übermorgen. CDU 2050 würde ich das heute nennen, ohne konkret werden zu können. Er schwelgte gern in außenpolitischen Höhen, die ihm wohl den Blick fürs Irdische nahmen, die Bodennähe. Sein Russland-Bild ist mir so fern, er scheint alles vergessen zu haben, was damals zur Wendezeit alles mündlich versprochen worden war, was westliche Politiker Gorbatschow zugesagt haben, weil er die Mauer ohne einen Schuß fallen,die deutsche Einheit ermöglichte,  den Eisernen Vorhang auf den Müllhaufen der Geschichte entfernen ließ, dass er einen Raum wünschte im europäischen Haus, mehr Verständnis für Russland, das zu kämpfen hatte mit den Folgen der Wende und dem Ende der Sowjetzeit. Nichts davon ist wahr geworden, der Westen hat sich als Sieger gefeiert und es den Osten spüren lassen. Die Krim-Einverleibung durch Moskau kaum nicht von ungefähr, die EU und die Nato hatten dazu ihren Beitrag geleistet. Aber das wird heute schnell vergessen, wenn wir über die Sanktionen gegen Russland reden und sie für falsch halten. Russland müsste an den Tisch zurück. Wer will, kann das nachlesen bei Hans-Dietrich Genscher, dem Außenminister jener Zeit, der seinen Nachfolgern zurief, sie mögen auf Putin zugehen und ihm die Hand reichen. 

Der Überraschungskandidat Röttgen, ein Egozentriker, kein Mannschaftsspieler, will nun einen Mitglieder-Entscheid über den künftigen CDU-Vorsitzenden. Bin gespannt, was Merz, Laschet und Spahn davon halten. Ob der Außenseiter das Rennen macht? Ob sich Armin Laschet, der Chef der NRW-CDU und MInisterpräsident des bevölkerungsreichsten Landes, ausgerechnet von Röttgen die Butter vom Brot nehmen lässt, wage ich zu bezweifeln. Eines dürfte er erreicht haben: die Sache mit dem CDU-Vorsitz nimmt Fahrt auf, Laschet wird sich erklären müssen, ob er CDU-Chef werden will. Ungeklärt ist, wie CSU-Chef Markus Söder, der bayerische Ministerpräsident dazu steht? Söder hat ein gewichtiges Wort mitzureden, den Kanzlerkandidaten der Union wählt die CSU schleißlich mit. Und was sagen eigentlich die anderen Landesverbände dazu, dass vier NRW-Kandidaten den CDU-Vorsitz unter sich ausmachen wollen? Gibt es keine Bewerber aus Niedersachsen, Hessen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz? Und wo sind die Frauen in der CDU? Ist deren Zeit mit Merkel und AKK erstmal wieder vorbei? Ich kann es mir nicht vorstellen.

Mit Röttgens Kandidatur ist jedenfalls nichts geklärt. Dazu passt das Bild des Chaos, das die Thüringer CDU seit Tagen bietet. Darüber kann sich nicht freuen, wem die Stabilität der Bundesrepublik am Herzen liegt. 

Bildquelle: Pixabay, Bild von Eukalyptus, Pixabay License

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Wer sich zuerst bewegt- verliert. Röttgens Schuss könnte zu einem Eigentor werden' hat einen Kommentar

  1. Avatar

    20. Februar 2020 @ 14:35 Robert Hartmann

    Röttgen tritt nicht nur für sich an, das ist ein Irrtum.

    Wer die Nordstream-Pipeline mit den gleichen Woprten und der gleichen Vehemenz bekämpft wie der US-Botschafter Grenell, hat der eigenen Agenda ein andere unterlegt, die nicht gerade im besten deutschen Interesse ist.

    Röttgen war am Boden, da hat er investiert – persönlich nachvollziehbar, aber kein Grund, ihn tendenziell zum Bundeskanzler zu machen.

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