Napoleon

Wiedergelesen: Lev Tolstoi: Krieg und Frieden – Anlässlich des 200. Todestages von Napoleon Bonaparte –

Dieses epochale Werk, das der Autor selbst nicht als Roman verstanden wissen wollte (und das gleichwohl in der Rezeption als „Roman der Weltliteratur“ gehandelt wird), spiegelt die gesellschaftlich-zivilen und militärischen Verhältnisse des russischen Zarenreichs in Zeiten der Napoleonischen Kriege zu Anfang des 19. Jahrhunderts wider. Gezeigt wird anhand von zentralen Akteuren, wie die Angehörigen von traditionsreichen Adelsfamilien die sozialen, politischen  und militärischen Führungspositionen, die herrschenden Ränge einnehmen und das gesellschaftliche Leben in den Metropolen St. Petersburg und Moskau sowie auf dem Lande bestimmen. Im Feld des Zivilen und Privaten werden von diesen Kreisen Bälle, Soirées und andere Feste entrichtet, auf denen Beziehungen gepflegt und geknüpft werden, worunter auch die Verpflichtung fällt, als Heiratsmarkt zu fungieren; hier wird nach Vermögen und Ansehen gemessen und gewogen und ausgehandelt, wer mit wem sich zu verbinden hat, um den eigenen Reichtum und das Ansehen zu mehren. Diese Themen sind Schwerpunkt des 1. Bandes.

Im militärischen Feld, auf dem in Friedenszeiten eher der Müßiggang gepflegt wird (Und in eben diesem obligatorischen und untadeligen Müßiggang besteht nach wie vor die Hauptattraktivität des Militärdienstes, heißt es an einer Stelle), wird in Zeiten des Krieges gnadenlos um Machtstellungen und die Befehlsgewalt auf dem Schlachtfeld konkurriert, wobei einer dem anderen misstraut und ihm seine Befähigung abspricht.

Das Meisterstück, das Tolstoi mit seinem Werk (im 2. Band) vollbringt, liegt darin, dass er die konkreten Handlungsebenen kriegerischer Auseinandersetzungen zu verbinden versteht mit einer über diese hinausreichenden Ebene militärtheoretischer und strategischer Einschätzungen; eines seiner Anliegen ist es, den offiziellen Erzählungen von Heldentum, Opfermut, Vaterlandsliebe etc. eine Realität entgegenzusetzen, in der die Interessen der einzelnen Akteure obwalten und den Mythos des Heroismus konterkarieren. Tolstoi hat aufgrund eigener Erfahrung – er war vor seiner Schriftstellerexistenz selbst im Militärdienst tätig  – und  umfangreicher historischer, Militär- und Kriegsstudien sowie geschichtsphilosophischer Expertisen umfassende Kenntnisse auf diesen Gebieten erworben, die er in sein schriftstellerisches Schreiben integriert.

In diesem Zusammenhang geht es immer wieder um die Figur Napoleon Bonapartes und die Rolle, die er als selbsternannter Kaiser von Frankreich politisch und militärisch spielt; vielleicht ist die Entzauberung des Mythos Napoleon, zumindest seine Relativierung zwischen Zufälligkeit und Genialität das Hauptanliegen dieses Werkes. Die Zitate, die hier aus der Fülle des Materials (das Werk umfasst insgesamt über 2000 Seiten) ausgewählt wurden, konzentrieren sich auf die spezielle Thematik des Napoleon-Bildes von Tolstoi und mögen gleichzeitig einen Eindruck von der schriftstellerischen Größe dieses Autors vermitteln.

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Napoleon, dem es doch gerade jetzt, 1812, mehr denn je so vorkam, als hinge es allein an ihm, ‚verser‘ oder ‚nicht verser le sang de ces peuples‘ (das Blut seiner Völker zu vergießen) (wie ihm Alexander in seinem letzten Brief geschrieben hatte), war nie mehr denn jetzt jenen unvermeidlichen Gesetzen unterworfen, die ihn zwangen (während er, wie er glaubte, nach eigenem Gutdünken handelte), für die gemeinsame Sache, die Geschichte, das zu tun, was zu geschehen hatte.

Menschen des Westens bewegten sich also gen Osten, um einander totzuschlagen. Und nach dem Gesetz des Zusammentreffens von Ursachen passten sich diesem Geschehen ganz von selbst Tausende winziger Ursachen für diese Bewegung und den Krieg an und trafen mit ihm zusammen die Vorwürfe wegen der Nichtbeachtung des Kontinentalsystems, der Herzog von Oldenburg, der Vormarsch der Truppen von Preußen, der lediglich unternommen wurde (wie Napoleon meinte), um einen bewaffneten Frieden zu erreichen, die Kriegsleidenschaft und Kriegsgewohnheit des französischen Kaisers, die mit der Disposition seines Volkes übereinstimmte, die Begeisterung für die grandiosen Vorbereitungen, die Aufwendungen für diese Vorbereitungen und die Notwendigkeit, Gewinne zu machen, mit denen diese Kosten wieder gedeckt werden konnten, die berauschenden Ehrungen in Dresden, die diplomatischen Unterhandlungen, die nach Ansicht der Zeitgenossen mit dem aufrichtigen Wunsch geführt wurden, Frieden zu schließen, und doch nur die Eitelkeit der einen wie der anderen Seite verletzten, sowie Millionen und Abermillionen anderer Ursachen, die sich dem Geschehen, das geschehen musste, anpassten, mit ihm zusammentrafen.

Nicht etwas allein ist Ursache. All das ist nur das Zusammentreffen dieser Bedingungen, unter denen sich das organische, elementare Geschehen des Lebens vollzieht. … Genauso recht und unrecht hat auch derjenige, der behauptet, Napoleon sei nach Moskau gezogen, weil er es gerne wollte, und untergegangen, weil Alexander seinen Untergang wollte: genauso recht und unrecht hat derjenige, der behauptet, dass ein untergrabener Berg … nur einstürzte, weil der letzte Arbeiter ein letztes  Mal den Keil unter ihn getrieben hatte. 

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Auch ohne seinen Befehl geschah bereits, was er wollte, und er gab nur deshalb seine Anweisungen, weil er dachte, dass sie Befehle von ihm erwarteten. Und wieder versetzte er sich in seine frühere künstliche Welt der Schimären von irgendeiner Größe und wieder (wie das Pferd auf der sich drehenden Tretmühle geht und sich einbildet, es mache etwas für sich), fügte er sich in jene grausame, traurige und schwere, unmenschliche Rolle, die ihm vorherbestimmt war.

Und nicht nur in dieser Stunde und an diesem Tag waren Geist und Gewissen dieses Mannes getrübt, der mehr als alle anderen an dieser Schlacht Beteiligten die ganze Last dessen trug, was da geschah: sondern niemals, bis ans Ende seines Lebens, konnte er das Gute, die Schönheit, die Wahrheit verstehen oder die Bedeutung seiner Taten, die dem Guten und der Wahrheit viel zu sehr entgegengesetzt waren, allem Menschlichen viel zu fern, als dass er ihre Bedeutung hätte verstehen können. Er konnte sich nicht lossagen von seinen Handlungen, die von der halben Welt in den Himmel gehoben wurden, und deshalb musste er sich von dem Guten und der Wahrheit und dem Menschlichen lossagen.

Er bildete sich ein, der Krieg mit Russland habe durch seinen Willen stattgefunden, und das Grauen dessen, was da geschehen war, beeindruckte seine Seele nicht. Dreist nahm er die ganze Verantwortung für das Geschehen auf sich, und sein getrübter Verstand sah die Rechtfertigung darin, dass unter den Hunderttausenden Gefallenen weniger Franzosen waren als Hessen und Bayern.

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Wenn wir in den Beschreibungen der Historiker, vor allem der französischen, finden, dass bei ihnen Kriege und Schlachten nach einem vorher festgelegten Plan ausgeführt werden, dann ist die einzige Schlussfolgerung, die wir daraus ziehen können, dass diese Beschreibungen nicht stimmen.

Die Schlacht bei Tarutino hat offensichtlich das Ziel … nicht erreicht: die Truppen geordnet und der Disposition entsprechend ins Gefecht zu führen und ebensowenig das Ziel, das Graf Orlow haben mochte: Murat gefangenzunehmen, oder das Ziel, augenblicklich das gesamte Corps zu vernichten, das Benningsen und andere Persönlichkeiten gehabt haben mochten, oder das Ziel des Offiziers, der den Wunsch hatte, ins Gefecht zu geraten und sich auszuzeichnen, oder des Kosaken, der mehr Beute machen wollte, als er machte, usw. Doch wenn das Ziel das war, was tatsächlich geschehen ist und was für alle Russen gemeinsam damals der Wunsch war (die Vertreibung der Franzosen aus Russland und die Vernichtung ihrer Armee), dann wird vollkommen klar, dass die Schlacht bei Tarutino gerade wegen ihrer Ungereimtheiten genau das war, was in jeder Kampagne notwendig war. Es wäre schwierig und unmöglich, sich irgendeinen zweckmäßigeren Ausgang dieser Schlacht auszudenken, als den, den sie gehabt hat. Mit der allergeringsten Anspannung, beim größten Durcheinander und dem allergeringsten Verlust wurden die größten Ergebnisse der gesamten Kampagne erreicht, wurde der Übergang vom Rückzug zum Angriff vollzogen, wurde die Schwäche der Franzosen aufgedeckt und wurde ihnen jener Stoß versetzt, auf den das Napoleonische Heer nur wartete, um die Flucht zu beginnen.

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Wie in der zuletzt zitierten Passage sichtbar, rechnet Tolstoi auch mit der Historiker-Zunft ab, die seines Erachtens die Schimäre von Größe und Genie Napoleons in die Welt setzten. Große Männer machen die Geschichte, hieß es lange Zeit. In den Fragen eines lesenden Arbeiters bei Bertolt Brecht heißt es: Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei  sich?

Selbst den Fehleinschätzungen Napoleons verlieh man die Weihe strategischer Großtaten; so manifestierte sich der Mythos von der Zielführung einzelner Entscheidungen im Gefecht aufgrund planmäßigen, wohl kalkulierten Handelns. Dem Glauben an die Wirkmächtigkeit strategischen Handelns zur Durchsetzung des Willens Einzelner hält Tolstoi seine Überzeugung von der Gesetzmäßigkeit des Zusammentreffens zahlreicher Ursachen, der Zufälligkeit des Zusammenwirkens von Bedingungen aufgrund bestimmter Konstellationen und die Entzauberung des Heroismus um die Person Napoleon Bonapartes entgegen. Sein literarisches Werk blieb nicht ohne Wirkung auf die Geschichtsschreibung, ob in ziviler oder militärischer Ausrichtung, ob in der zeitgenössischen oder aktuellen, gerade angesichts des besonderen Gedenktages in diesem Jahr.

Bildquelle: Pixabay, Bild von RENE RAUSCHENBERGER, Pixabay License

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Petra Frerichs

Dr. Petra Frerichs, Studium der Literatur- und Sozialwissenschaften, schreibt über Literatur (und Kunst), am liebsten gegen das Vergessen von guten alten Sachen.


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