Zweifel

Wiedergelesen: Pascal Mercier: Perlmanns Schweigen

Über die Rahmenhandlung des Romans heißt es im Klappentext:
Ein Hotel an der ligurischen Küste im Spätherbst. Philipp Perlmann, ein angesehener Sprachwissenschaftler, erwartet eine Gruppe von berühmten Kollegen zu einem Forschungsaufenthalt. Umstellt von den hohen Erwartungen der anderen, wird Perlmann von der Einsicht überwältigt, daß ihm seine beruflichen Gewißheiten völlig abhanden gekommen sind. Diese Erfahrung macht die anderen für ihn zu bedrohlichen Gegnern. Verschanzt in einem entlegenen Zimmer des Hotels, flüchtet er sich in das Übersetzen eines russischen Textes, der von Selbstvergewisserung und der erzählerischen Aneignung handelt. Durch diese Flucht nach innen gerät Perlmann mit jedem Tag mehr in eine ausweglose Situation, die ihn schließlich in einen Strudel von Lügen und an den Rand eines Mordes treibt.

Der Roman (erschienen 1995) ist Peter Bieris Debüt, drei weitere, darunter der zum Kassenschlager gewordene Nachtzug nach Lissabon, werden folgen; alle sind unter dem Pseudonym Pascal Mercier veröffentlicht. Bieri hatte, bevor er diese Romane schrieb, eine wechselhafte Karriere als Wissenschaftler (Philosophie, Psychologie, Erkenntnistheorie) hinter sich, die er aus eigener Entscheidung vorzeitig beendete. Dieses biografische Detail ist wichtig für das Verständnis des Romans, der nicht nur als herausragender psychologischer Roman gilt, sondern auch den Wissenschaftsbetrieb durchleuchtet und die hier wirksamen Mechanismen hinterfragt. Diese nämlich haben Perlmann zum Psychopathen gemacht, eine Opferrolle, an der er selbst durch eigenes Zutun seinen Anteil hat: die Qualen, die er durchlebt, entstehen zum großen Teil durch Konstruktionen von vorweggenommenen sozialen Situationen, in denen die Angst vor den anderen, vor dem eigenen Versagen und die Unfähigkeit zur Abgrenzung die Oberhand gewinnen; Verfolgungswahn, Projektionen, gepaart mit einem erschütternden negativen Selbstbild, machen aus Perlmann einen schwachen, zerrütteten, verletzlichen Menschen, der niemandem traut, am wenigsten sich selbst. Die Abhängigkeit von der Gnade der anderen, ihm Anerkennung zu gewähren oder zu versagen, unterminiert sein Selbstbewusstsein und erzeugt das Gegenteil von Autonomie; die Macht, die andere über ihn haben, ist sowohl objektiv vorhanden – im Kampf um Anerkennung ist immer Macht im Spiel – als auch das Resultat von subjektiver Unterwerfung, Unterlegenheitsgefühlen und Projektion. Dass Perlmann Robert Walsers Jakob von Gunten als Reiselektüre bei sich führt, ist mehr als eine Fußnote, sondern Bedeutungsträger für eine Affinität im Selbstbild der Nichtswürdigkeit.

Das folgende Zitat verweist auf die Wechselwirkung von Innen und Außen, Fremd- und Selbstwahrnehmung; der russische Text, der hier vorkommt und von Perlmann ohne Wissen der anderen übersetzt wurde, ist der des zunächst an der Tagungsteilnahme gehinderten Vasilij Leskov; er sollte später zum corpus delicti werden:
Seine Angst vor der persönlichen Entblößung, davor, ohne jede Möglichkeit der Abgrenzung gegen die anderen dazustehen, mußte noch viel größer sein, als er bisher angenommen hatte, größer sogar als seine bewußten Empfindungen. Offenbar war sie so mächtig, daß die beiden anderen Möglichkeiten irgendwo in der Tiefe, ohne sein Zutun, abgeschieden worden waren und nichts anderes übrig blieb, als sich hinter Leskovs Text zu verstecken, der ihn gegen die anderen schützen sollte. Auf diese Weise war, ohne daß er es bemerkt hätte, der paradoxe Wille in ihm entstanden, seine Abgrenzung, die Verteidigung des Eigenen gegen das Fremde, durch ein Instrument zu erreichen, das gar nicht ihm selbst gehörte, nichts Eigenes war.

Wer sind die anderen? Es gelingt Mercier, mit nur sieben geladenen Gästen an der von der Firma Olivetti großzügig geförderten, sprachwissenschaftlichen Tagung eine Typisierung von Eigenschaften, Verhaltensweisen, Konkurrenzbeziehungen etc. aufzuzeigen, wie sie auch im normalen Wissenschaftsbetrieb an Universitäten und Instituten anzutreffen sind. Es sind vor allem die Interaktionen zwischen den Beteiligten, die Art und Weise, wie man miteinander umgeht, wie die jeweiligen Vorträge von den anderen aufgenommen, kommentiert und kritisiert werden, mithin die Kommunikationsstrategien, die hier ein Licht auf die Atmosphäre der Tagung werfen.

Einzig der besagte russische Sprachpsychologe Leskov, der erst absagen musste, später dann doch noch teilnehmen kann, fällt hier aus dem Rahmen: er ist existentiell ungesichert, schlägt sich an der Universität von St. Petersburg mit schlecht bezahlten Lehraufträgen durch; hat drei Jahre Gefängnis hinter sich; ist jedoch Wissenschaftler aus Emphase; bei ihm vereinigt sich Exaktheit mit tiefer Humanität, Intellektualität mit Warmherzigkeit und Empathie.

Am anderen Ende der Skala steht Brian Millar, der aus den USA angereist ist; er brilliert als Wissenschaftler und als auf J.S. Bach spezialisierter Pianist; ein Yankie-Typ, arrogant, selbstgerecht und in der Lage, andere einzuschüchtern – allen voran Perlmann; Millar ist sein Feind, also mehr als ein landläufiger Konkurrent oder Rivale; seine Texte sind in Perlmanns Wahrnehmung von niederschmetternder Brillanz, also gleichzeitig bewundernswert wie entmutigend in Bezug auf die eigenen Leistungen; Perlmann, selbst eine abgebrochene Pianistenausbildung hinter sich, neidet Millar auch seinen eigenen Stil der Bach-Interpretation, der die Melodie vollständig in Struktur auflöst.

Ungefährlich bis harmlos wirkt dagegen Laura Sand auf Perlmann, die als Expertin für impressionistische Fotografie auftritt und ihre Fotoarbeiten aus der Sahelzone darbietet; Millar wirft ihr vor, dass sie ihre Filme über Elend und Tod als poetische Kulisse missbrauche, die argen Themen sozusagen ästhetisiere, um Wirkung zu erzielen; eine Kritik, die sachlich fundiert sein mag, aber so vorgetragen wird, dass sie die Dokumentarfilmemacherin sprach- und wehrlos macht.

Es ist Achim Ruge, der ihr beisteht und Millars Einwände zurechtrückt; Ruge zeichnet sich durch den Widerspruch zwischen seinem stark vernachlässigten Äußeren (abgetragene Kleidung, defektes Brillengestell, unangenehme Verhaltensweisen wie lautes Schnäuzen, alles Polternde) und seiner Gutmütigkeit, konstruktiven Kritik sowie sprachlichen Brillanz im Englischen aus: Trotz der abenteuerlichen Aussprache war sein Englisch von verblüffender Leichtigkeit, und auch heute wieder überraschte er Perlmann mit seinem reichen Wortschatz, der beispielsweise Millars mündliche Ausdrucksweise geradezu ärmlich erscheinen ließ.

Dagegen verkörpert Adrian von Levetzov den großbürgerlichen Wissenschaftler mit geschliffenen Manieren und aristokratischer Distinktion.
Der Kontrast zu Giogio Silvestri könnte nicht größer sein; dieser forschende Mediziner hat alle Eigenschaften, die Perlmann abgehen und doch so gerne hätte: er ist lässig, hat die gelassene ironische Wachheit in seinen Augen; stellt das Ideal der Unbeflissenheit und inneren Freiheit dar; ist der widerspenstige, anarchistisch empfindende Individualist. Auch er ist ein Kontrahent von Millar; das zeigt sich bei der Präsentation seiner Forschungsergebnisse, die auf Gesprächstherapien beruhen; Millar kritisiert das methodische Vorgehen als zu weich und nicht messbar, womit er die Ergebnisse entwertet; daraufhin Silvestri:
„Ich glaube, Herr Professor Millar“, sagte er leise und in einer Aussprache, die jetzt einwandfrei war, „ich habe Sie genau verstanden. Sie wollen wiederholbare Experimente. Laborbedingungen mit ruhigen, stabilen Objekten. Kontrollierbare Variablen. Irre ich mich, oder möchten Sie auch diese Menschen [schizophrene Patienten Silvestris, PF] am liebsten auf dem Stuhl festschnallen?“ Er drückte die kaum angerauchte Zigarette aus, nahm seine Sachen und war mit wenigen Schritten draußen.
Millar hatte rote Flecken im Gesicht und wirkte einen Moment lang wie betäubt. „Well“, sagte er  dann mit künstlicher Munterkeit und erhob sich. Seine Gummisohlen quietschten laut auf dem Parkett, als er mit energischen Schritten hinausging.
Erst jetzt rührten sich die anderen.

Diese Szene zeigt, dass auch Millar verletzlich ist und es einzig Silvestri gelingt, ihn in die Schranken zu verweisen; der Hinweis auf den Stuhl sollte Assoziationen zur Praxis der Todesstrafe in den USA auslösen.

Schließlich Evelyn Mistral, die neben ihren großen intellektuellen und menschlichen Fähigkeiten durch ihr strahlendes Lachen und ihre jugendliche Unbefangenheit besticht; sie ist Halb-Spanierin und Halb-Italienerin,  unterhält sich mit Perlmann auf Spanisch; sie sucht – vergeblich – die kommunikative Nähe zu ihm, die jedoch von allen Beteiligten höchstens Silvestri gelingt.

Man könnte sagen: So geht es eben zu auf wissenschaftlichen Tagungen – jeder ist des anderen Konkurrent, kämpft um Aufmerksamkeit und Anerkennung, da werden Spitzen und Pfeile abgeschossen, man kennt doch die Waffen, die hier zum Einsatz kommen, das muss man eben aushalten, wenn man dazugehören will usw. Was macht es Perlmann, der schließlich diesen Kollegenkreis selbst eingeladen hatte, so schwer, sich zu behaupten und die Situation zu meistern? Was ist es, das ihn in eine schier ausweglose Lage bringt? Da ist zum einen die erst hier ihm klargewordene Gewissheit, dass er in seinem Fach nichts mehr zu sagen hat, d.h. ihm sind die Inspirationen und Ideen ausgegangen, die er für einen Vortrag hätte verwenden können. Er hatte nichts vorbereitet und vertraute darauf, während des vierwöchigen Aufenthalts in der Tagungsstätte, einem luxuriösen Hotel, noch etwas zustande zu bringen. Damit hatte sich Perlmann selbst unter Druck gesetzt: Er, der einen Namen zu verlieren hatte, durfte nicht scheitern, sich nicht entblößen, auch nur mittelmäßige Gedanken vorzubringen – er meinte jedenfalls von den anderen, dass sie wie bisher immer die größten Erwartungen an ihn hegten, die er erfüllen musste. Statt eines eigenen Vortrags macht er sich – zunächst aus Neugierde – an einen fremden Text (Leskov hatte  ihm vorher seinen für die Tagung gedachten Vortrag auf Russisch zugeschickt), den er mit ungeheurer Energie und Akribie aus dem Russischen übersetzt. Dabei lernt er die Freiheit als Dolmetscher kennen, d.h. gegen all die Zwänge und Nöte der wissenschaftlichen Existenz erfährt er die niedere Arbeit des Übersetzens als Befriedigung und Befreiung – das Jakob von Gunten-Motiv klingt an. Der Gedanke, diesen Text als seinen eigenen auszugeben und hier zu verhandeln, ist einerseits eine (Not-)Lösung, andererseits bringt er ihn in eine lähmende Beklemmung, weil er sich dem Vorwurf des Plagiats und Betrugs aussetzt und damit Scham und Schande auf sich lädt. Zudem kommt eine biografische Konstante zum Vorschein, die mangelnde Fähigkeit zur Verteidigung des Eigenen gegen das Fremde. Die Vorstellung, als Betrüger geächtet und als Versager abgetreten zu sein, versetzt ihn in einen Zustand panischer Angst und innerer Leere. Der vorläufige Gipfel der Verwirrung ist mit dem Eintreffen eines Telegramms von Leskov erreicht, in dem dieser sein Kommen ankündigt – damit wird alles auffliegen, und die schon gedanklich vorweggenommene Katastrophe tritt wirklich ein. Perlmann erwägt vorübergehend, sich den anderen oder auch nur einer Person unter ihnen anzuvertrauen und seine Notsituation zu erklären; doch dazu ist er nicht in der Lage – der Titel des Romans hat auch hiermit zu tun: er kann sich nicht mitteilen, geschweige anvertrauen, weil er die anderen zu seinen Gegnern gemacht hat und von allen Ängsten, die er in sich trägt, die der Entblößung und des Versagens wohl die größte ist. So verwirft er auch den Gedanken an Suizid, weil er einem Schuldeingeständnis gleichkäme. Paradoxerweise sieht er die Rettung in einem fingierten Autounfall, bei dem Leskov und er gemeinsam ums Leben kommen sollen. So stürzt sich Perlmann wiederum akribisch in die Planung dieses Unfalls und erlebt ein wahres Martyrium bei der Vorstellung des Doppelmordes.

Beim Lesen dieses langen Romabschnitts, der sich hier zum Kriminalroman wandelt, kommen einem fast physische Schmerzen auf, so dicht dran ist man an Perlmanns Nöten und Leiden, Phantasien und Horrorvorstellungen. Er kommt immer mehr herunter, ist leichenblass (was auch die anderen bemerken), stets außer Atem und hält sich nur mit einem Abusus von Nikotin und starken Schlaftabletten über Wasser. Die Verstrickung in die Katastrophe ist wie ein sich selbst verstärkender Effekt beschrieben: immer, wenn man meint, es könne nicht noch schlimmer kommen oder es ist gerade einmal eine Entlastung da, kommt noch ein Unglück oben drauf. So, als Leskov, der von Perlmann vom Flughafen in Genua mit einem Leihwagen abgeholt wird, ihm eröffnet, dass er eine zweite Fassung seines Textes (von dem es keine Kopie gibt) mitgebracht habe, die die erste für überholt und wertlos erklärt, so grundlegend sei die Überarbeitung ausgefallen. Auf dieser Fahrt soll schließlich der tödliche Unfall passieren. Perlmanns Phantasie geht dahin, dass dieses Manuskript unbedingt vorher vernichtet werden müsse, denn man könnte es sonst im Wrack des Autos finden und Rückschlüsse auf seine Schuld und seinen Betrug ziehen. Folglich entwendet er es unter einem Vorwand aus Leskovs Gepäck und wirft es auf die Straße. Wohl wissend, dass mit diesem Text auch Leskovs berufliche Zukunft verbunden ist.  

Die Unfallszene, ungeheuer spannend geschrieben: mit Schwindel- und Panikattacken, Zittern und zuckenden Gliedern sowie einem symbolischen wie tatsächlichen Nasenbluten Perlmanns und einem erstaunlich besonnenen und besorgten Leskov, der rettend das Steuer herumreißt und so das Schlimmste verhindert, mündet lediglich in eine Leitplanken-Karambolage und nicht im Tod zweier Menschen. Ich bin nicht zum Mörder geworden, das ist Perlmann sofort bewusst. Und für Leskovs ruhiges Verhalten hat der auch eine Erklärung: Nein, er hat keinen Verdacht. Weil er das Motiv nicht kennt.

Gerade der schlimmsten Katastrophe entronnen, hegt Perlmann aufs Neue Schuld- und Schamgefühle sowie Phantasien von seiner Enttarnung. Durch eine Kette von Zufällen bleibt ihm diese dann doch erspart, auch wenn Perlmann bei seinem eigenen Vortrag zusammenbricht und in Ohnmacht fällt. Wie symbolisch war damit auch seine wissenschaftliche Karriere zusammengebrochen. Die Tagung wie auch der Roman gehen ihrem Ende entgegen, und nach allem, was vorgefallen war, zieht er eine bittere und kritische Bilanz über sein Verhältnis zu den anderen und ihr Verhalten ihm gegenüber; das folgende Zitat ist eine Schlüsselstelle für Perlmanns Schweigen:

Jetzt, nachdem sie seinen Zusammenbruch erlebt hatten und er einstweilen als Rivale und Gegner im akademischen Spiel ausfiel – jetzt redeten sie alle so verständnisvoll, waren voller Großmut und schienen nicht das geringste Gespür dafür zu haben, wie abstoßend moralische Selbstgefälligkeit sein konnte. Hätten sie auch dann so gedacht und geredet, wenn nichts derart Dramatisches mit ihm geschehen wäre, nichts, was in die Nähe einer Krankheit kam? Oberflächlichkeit als Wirkung und Ursache von Angst; das stimmte. Andererseits: Wie genau hätte er es denn sagen sollen? Wo waren die einzelnen Wörter, aus denen sich seine Erklärung zusammengesetzt hätte? Wie hätten die Gesichter beim Hören seiner Eröffnung im einzelnen ausgesehen? Und wann genau hätte er sie denn machen sollen? Perlmann war wütend über die Oberflächlichkeit ihrer Großmut, über ihren Mangel an präziser Phantasie. Mit jeder Frage nach Einzelheiten, die ihm durch den Sinn ging, wuchs die Wut weiter, er wurde blind und taub für die Umgebung und merkte nicht, daß ein langes Stück seiner Asche auf das frischgestärkte, blütenweiße Tischtuch fiel.

Das Schweigen hat also mindestens eine doppelte Bedeutung: Die Einsicht, im eigenen Fach nichts mehr zu sagen zu haben, so dass nur die Abdankung bleibt; und die Unfähigkeit, sich zu erklären, sich anderen verständlich zu machen, sich ihnen anzuvertrauen und dafür den richtigen Moment zu wählen. Einer, der so geschlagen ist von den symbolischen Kämpfen im wissenschaftlichen Feld, kann nicht anders, als anderen mit tiefem Misstrauen zu begegnen und sie von sich fernzuhalten. Ob das mit dem Ausdruck der Oberflächlichkeit hinreichend beschrieben ist, sei dahingestellt – hier sind schon objektive Strukturen und subjektive Dispositionen im Spiel, die es den Beteiligten verunmöglichen, menschlich miteinander umzugehen und die Humanität an den Tag zu legen, die etwa Leskov oder Mistral verkörpern.

Zu guter Letzt sei noch einmal auf das Robert Walser-Motiv eingegangen. Perlmann fühlt sich von Beginn an als Wissenschaftler unfrei, fremdbestimmt, zumindest fehlgeleitet. Man erfährt, dass er die akademische Laufbahn – nach einer abgebrochenen Karriere als Pianist – nur eingeschlagen hatte, um den Erwartungen seines Vaters gerecht zu werden, nicht aus freien Stücken. Beim Übersetzen des russischen Textes macht er nun die Erfahrung, dass er eigentlichen in den Sprachen zu Hause und eher für das Übersetzen in mehrere von ihnen bestimmt sei als für das akademische Spiel. Nach der Tagung beschließt er, seine Professur aufzugeben und bewirbt sich beim Olivetti-Konzern in Turin um die Stelle eines Dolmetschers. Das ist die freiwillige, selbstgewählte Degradierung nach dem Muster Jakob von Guntens.  – Eine zweite Stelle verweist auf einen ähnlichen Mechanismus: Statt an seinem Vortrag zu arbeiten und im Hotel zu speisen wie die anderen, geht er fast täglich in ein kleines, schäbiges Restaurant, um dort billig das zu essen, was es bereits für die Familie gegeben hat; dort verbringt er Stunden damit, in einer Chronik zu lesen (sie ist im Boulevardstil geschrieben und bebildert), die auch seine eigene Lebenszeit mit den damals aktuellen Ereignissen festhält. Perlmann meint, hierüber seine Gegenwartslosigkeit zu überwinden. Als er diese Chronik mit ins Hotel bringt und seine Kollegen darin blättern lässt, macht er sich zum Gespött der anderen. Warum tut Perlmann das? Einen Hang zu den kleinen Leuten im Restaurant ist ihm nicht nachzuweisen, im Gegenteil, er geht hier nur hin, um in der Chronik zu lesen; das Essen wird ihm eher aufgezwungen, als dass er es genösse. Im Grunde verachtet er das einfache Leben dieser Leute, und sein intellektuelles Format passt nicht zu dieser billigen Lektüre. Ergo bietet sich auch hier die Jakob von Gunten-Erklärung an: ein selbstgewähltes Sich-Kleinmachen, der masochistische Hang, sich zu erniedrigen. Vielleicht erreicht Perlmann, gäbe es ihn wirklich, ja eher so sein Ziel oder Ideal: Einen Standpunkt außerhalb seiner selbst finden, um von da aus innerhalb seiner selbst in größerer Freiheit zu leben.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Lars_Nissen, Pixabay License

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Petra Frerichs

Dr. Petra Frerichs, Studium der Literatur- und Sozialwissenschaften, schreibt über Literatur (und Kunst), am liebsten gegen das Vergessen von guten alten Sachen.


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