Brexit

Wo ist das Selbstbewusstsein dieses Landes? – Eindrücke aus Großbritannien

Cheeky ist in Deutschland geboren und feiert nächstes Jahr goldene Hochzeit mit ihrem englischen Ehemann Roger in ihrem Haus am Discovery Quay in Falmouth. Ein Fest, auf das die beiden Weltenbummler in dieser historischen Stadt der Seefahrer im Südwesten von Cornwall sich schon jetzt freuen. Der schlanke, hochgewachsene, grauhaarige Roger ist 84 Jahre alt und gehört zu jenen Engländern, die es schaffen, auch in der schlimmsten Lage ihre gute Laune nicht zu verlieren. Zusammen mit seiner eleganten, 13 Jahre jüngeren Frau kriegt er es immer wieder hin, aus der übelsten eine annehmbare Situation zu machen:“Was soll ich über meine Landsleute sagen,“ lächelt er, „sie folgen einer Regierung, die sie nicht wollen und stimmten dennoch für den Brexit. Unfaßbar!“ „Was ist aus dem Selbstbewußtsein dieses einst so starken und schönen Landes geworden,“ ergänzt Cheeky.

Und schön ist es noch immer. Das gilt vor allem für Falmouth und seine Umgebung. Die erstreckt sich rund um den nach Sydney und Mahon drittgrößten Naturhafen der Welt zwischen Pendennis Castle und St. Mawes Castle eineinhalb Seemeilen entfernt auf der anderen Seite der Bucht Carrick Road. In sie hinein fuhr Anfang des 19. Jahrhunderts der Schoner PICKLE am berühmten St. – Anthony – Leuchtturm vorbei und brachte nach dem Sieg von Trafalgar die Nachricht vom Tod Admiral Nelsons nach England.
Cheeky und Roger segeln auch. Mit ihrem eigenen Boot waren sie vor drei Jahren in den Niederlanden und in Deutschland. Es gefällt ihnen dort, aber noch viel lieber sind sie in Falmouth, trotz der krisenhaften Zustände „at home“. „Die Menschen scheinen mir müde zu sein,“ meint Cheeky, „müde von der Politik in Westminster, müde von den vielen Auslandseinsätzen, müde durch die Wirtschaftskrise.“ „Sie fühlen sich von der politischen Elite ausgenutzt, das gilt auch für die Brexitabstimmung vor zwei Jahren, und langsam, mehr und mehr merken das die Menschen,“ erklärt Roger, „doch nun ist es zu spät.“
Ein paar Straßen weiter, auf einer niedrigen Anhöhe inmitten der Stadt mit ihren 21 000 Einwohnern, erhebt sich die Kirche von König Charles , dem Märtyrer aus dem 17. Jahrhundert, recht jung, wie die Stadt, die es auch erst seit 350 Jahren gibt. Tom, eine Art Küster, bereitet an diesem sommerlichen Samstag im Juni ein Konzert vor, auf das er richtig stolz ist. Der Organist John Keys gibt ein Konzert und das ist ein Ereignis. Die Kirche wird in diesen Mittagsstunden richtig voll. Keys ist ein internationaler Star: „Er spielt in Australien, Amerika, in ganz Europa,“ erzählt der zurückhaltende Tom nicht ohne Stolz.“ „Sein Konzert ist ganz ohne Zweifel der Höhepunkt unserer sommerlichen Veranstaltungen.“ Italiener, Spanier, Deutsche, Einheimische sind gekommen, ihn zu hören: „Darüber freuen wir uns natürlich sehr,“ meint Tom mit einem etwas melancholischen Lächeln, schaut in den prachtvollen Kirchenraum, „weil es ein bißchen zeigt, wie Europa auch sein kann, gerade in unserer kleinen Stadt, die gegen den Brexit war und ist, mit dieser Haltung sind wir eine Minderheit im Süden Englands“.
Bildquelle: pixaby, Pixaline, Public Domain
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Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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