Das Land ist erleichtert. Freudenchöre nach der schmachtenden Melodie von Katja Ebsteins Evergreen „Er ist wieder da, wieder hier.“ Es gibt ihn noch. Er lebt. Er lässt das Land nicht im Stich. Am Samstagnachmittag tauchte Kanzler Friedrich Merz nach Wochen des Verschollen-Seins in der Eifel in Hürtgenwald auf, um den Tausenden von Helfern beim größten Waldbrand in der Geschichte von NRW zu danken. Die empfanden das als Lob, fragten sich aber schon, warum er sich nicht sehen ließ, als die Not am größten war.
So wie sich viele fragten, ob es dem Kanzler an Empathie für die Menschen fehle, als er bei Dürre, Bränden und mehr als 14 000 Hitzetoten im Urlaubsmodus abgetaucht war. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katharina Dröge, brachte auf den Punkt, was vielen bei dieser Abwesenheit auf den Nägeln brannte: „Brutale Hitze, Tausende Tote. Der Kanzler schweigt. Brennende Wälder, der Kanzler informiert sich und tut ansonsten nichts.“
Obwohl ein Kanzler, wie Merz das Volk belehrte, niemals in Urlaub ist, sondern immer im Dienst, steht ihm natürlich eine Erholungsphase zu. Aber irgendwie scheint der Mann, der mit siebzig Jahren endlich die Kanzlerschaft als Lebensziel erreicht hat, seltsam abgehobene Vorstellungen von den berechtigten Erwartungen der Menschen zu haben. „Er ist wieder da!“ Das reicht nicht. Man möchte wissen, warum und für wen er eigentlich da ist.
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Nach einigen Zeitungskommentaren diente die Schweigephase nicht dem persönlichen Erholungsbedürfnis, sondern war CDU-Strategie – um Merz eine mediale Erholungsphase zu gönnen – um die Negativschlagzeilen der verbockten Kabinettsumbildung, den Aufstand der Ost-CDU-Ministerpräsidenten gegen die Rentenreform zu verdrängen. Schweigen und darauf hoffen, so las sich der Plan der Strategen des Konrad-Adenauer-Hauses in den Medien, dass sich der Fokus der Schlagzeilen auf die SPD und deren Unzufriedenheit über die beiden Vorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil richtet.
Wer angesichts des sich anbahnenden Desasters einer AFD-Landesregierung in Sachsen-Anhalt so kleinteilige Parteispielchen – dazu noch unter Koalitionspartnern – betreibt, hat den Schuss nicht gehört, hat nicht verstanden, dass es in diesem Land um mehr geht als darum, dass sich die beiden dahin schmelzenden Volksparteien gegenseitig auf die Rolle schieben. Mit dieser vermeintlichen Strategie beschleunigen sie den Sinkflug statt ihn zu stoppen.
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In einem bewegenden Appell hat der höchst erfolgreicher Schauspieler Edgar Selge (unter anderem „Polizeiruf“ und Glanzrolle im Ein-Personenstück nach dem Roman von Michel Houellebecq „Unterwerfung“ am Hamburger Schauspiel) in der Süddeutschen Zeitung zu einem Ende solcher Spielchen aufgefordert: „Was wir fürchten ist da. Wir sind dort angekommen, von wo aus wir das Unheil riechen können: den Ausverkauf der Demokratie, die Machtübernahme der AFD.“
„Warum“, fragt Selge, „setzen sich die führenden Mitglieder der Parteien nicht jetzt zusammen und überlegen, wie sie, vielleicht nur für wenige Stunden, die Unterschiede ihrer Programme zurückstellen und das Gemeinsame suchen, nämlich wie wir unsere Grundwerte vor der Zerstörung durch die AFD retten können.“
Er fordert, die Parteien sollten sich bei aller Unterschiedlichkeit in steuer-, umwelt-, sozialpolitischen Fragen zusammensetzen an einem runden Tisch, um sich gemeinsam für das Gemeinwohl und die Demokratie auseinanderzusetzen. Denn: „Demokratie ist ein Lebenselement, in dem wir Bürger als Menschen zu uns selbst kommen.“
Bloße Utopie eines Intellektuellen oder doch ernstzunehmender Warnruf, den die politisch Verantwortlichen in ihrem Hamsterrad der Tagespolitik bedenken sollten? Vielleicht ist es das, was in dem Land unter dieser Regierung verloren gegangen ist: Der Austausch zwischen politischen Verantwortungsträgern und Intellektuellen. Er war einmal das Lebenselixier der Bonner Republik, als Kanzler wie Willy Brandt und Helmut Schmidt mit Schriftstellern und Künstlern um das Gemeinwohl stritten. Heute scheint es ein Nebeneinander, in dem der Austausch fehlt.
Ja, der Kanzler ist wieder da. Ist er auch wirklich hier?
Bildquelle: Zeichnung vom Niehler Wochenmarkt: Wolfgang Schieffer (Waldmaler.de)













