Staatsgründung

Als Ben Gurion einen Staat um jeden Preis schuf : 70 Jahre Israel- Es begann gleich mit einem Krieg 

Das Land ist erst wenige Stunden jung, da ist es bereits im Krieg. Noch am 14. Mai 1948, nachdem David Ben Gurion in den Nachmittagsstunden jenes Tages im Stadtmuseum von Tel Aviv den Staat Israel ausgerufen hat. Es gibt in Tom Segevs großartigem, gerade erschienenen Buch „DAVID BEN GURION – EIN STAAT UM JEDEN PREIS“ ein Foto des ersten israelischen Präsidenten unmittelbar nach der Unabhängigkeitserklärung auf dem Podium vor einem Vorhang: Sichtlich erschöpft, besorgt. Denn fast noch in der Stunde seiner Geburt wird Israel von Ägypten, Syrien, dem Libanon, Jordanien und dem Irak angegriffen. Seit jener Zeit hat es bis heute – sieben Jahrzehnte später – in der auch den Jemen, die Golfstaaten und Saudi Arabien umfassenden Region keinen Frieden gegeben.

 In diesem Zeitraum ist dennoch ein strukturell moderner Staat entstanden ohne natürliche Ressourcen. Es gibt kein Holz und keine Kohle. Kein Wasser, kein Erdgas, kein Erdöl. Kein Gold und kein Eisen. Nach und nach erst entwickeln sich das Handwerk und die Landwirtschaft, der Tourismus wie der Handel. Das kleine Land ist heute wirtschaftlich stark: Das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei über 38 000 Dollar. Das Wachstum bei über drei Prozent. Die Arbeitslosigkeit bei vier Prozent. Das Leben in den größeren Städten – vor allem in Tel Aviv – ist teuer und für viele, vor allem junge Menschen, unerschwinglich geworden. Viele wandern aus. In die USA und nach Europa, bevorzugt Deutschland.

 Avi Primor, zwischen 1993 und 1999 israelischer Botschafter in Deutschland, beschreibt die Beziehungen der beiden Länder so: „Ich würde sagen, dass Deutschland in Europa auf jeden Fall unser größter Freund ist und der zweitgrößte in der Wekt nach den USA. Es ist auch unser größter Partner in Europa und der zweitgrößte in der Welt. Wir kooperieren mit Deutschland in fast jedem Bereich und das sehr tiefgreifend.“ Als Israel sechzig Jahre alt wird, steht Avi Primor im Frühling des Jahres 2008 auf der Konferenz „Die Novemberpogrome 1938“  in Herzliya, einer wohlhabenden Stadt im Umkreis von Tel Aviv, neben einem großen, schlanken 1923 in Wien geborenen Mann: Asher Ben Natan, seinem diplomatischen Lehrmeister und ab 1965 ersten israelischen Botschafter in Bonn.

 Aus der Geschichte Konsequenzen ziehen

 Israel und Deutschland? In einem langen Gespräch erinnerte sich der 87jährige, konzentriert schauende und sprechende damalige Vorsitzende der Ben-Gurion-Stiftung an die Zeit als er aus Paris kommend in die Bundeshauptstadt am Rhein kam: „Ich war lange Jahre bei David Ben Gurion. Ich war mit ihm völlig einer Meinung. Ben Gurion sagte 1965, in 25 Jahren wird es zunächst einmal ein geeintes Deutschland geben und die Bundesrepublik Deutschland  wird eine entscheidende Rolle in einem vereinten Europa spielen. Er sagte das zu einer Zeit, als wenige an ein geeintes Europa glaubten. Er sagte, wir müssen rechtzeitig Beziehungen aufnehmen. Das ist sowohl im materiellen wie im Verteidigungsinteresse Israels.“

 1965 ist Israel 17 Jahre jung und die Bundesrepublik erst 16. Die junge deutsche Nation lernt mühsam Demokratie  und befreit sich ebenso mühsam von den Wirkungen des Nationalsozialismus. Israel versucht sich aufzubauen und eine stabile Struktur zu geben. „Einen Staat um jeden Preis“ zu schaffen, wie Tom Segevs Buch im Untertitel heißt. Die beiden wichtigen alten Männer jener Zeit in beiden Ländern, Ben Gurion und Konrad Adenauer treffen sich im Mai 1966 noch einmal in Israel. Der Ex – Kanzler sitzt in der Bibliothek der Ben Gurions. Ehefrau Paula und David stehen vor ihm, auf dem Tisch liegt ein dicker Band mit dem Titel „Adenauer“.

 Über 50 Jahre ist das jetzt her. Als vor 10 Jahren Israel 60 wurde, war Hitlers Machtergreifung 75 und die Reichspogromnacht 70 Jahre her. 2008 war ein kompliziertes Jahr. 2018 ist es auch. Avi Primor hat das vor einiger Zeit in einem Gespräch so kommentiert: „Wir leben die Geschichte, wir leben in der Geschichte und versuchen, aus der Geschichte die Konsequenzen zu ziehen… Wir haben immer gedacht, wenn die alten Leute, die das noch erlebt haben, nicht mehr unter uns sind, wird das Interesse auch verschwinden. Das ist aber gar nicht der Fall. Besonders nicht in Deutschland. Da nimmt das Interesse sogar zu.“

 Bildquelle: Wikipedia, Government Press Office (Israel), CC BY-SA 3.0

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Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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