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Als Augstein das „Sturmgeschütz der Demokratie“ formte – Der Spiegel wird 70 Jahre alt

Als die erste Ausgabe des Spiegel am 4. Januar 1947 erscheint, gibt es weder die DDR noch die Bundesrepublik Deutschland. Es gibt das Dritte Reich nicht mehr, es gibt keine Parlamente, keine Regierung. Es gibt vier Besatzungszonen der USA, Frankreichs, Groß Britanniens und der UdSSR. Das Land ist verwüstet, ruiniert. Die Überlebenden sind es auch. Mehr als acht Millionen Menschen sind vor den sowjetischen Truppen in den Westen geflohen. Viele hungern; die Versorgungslage ist bis 1948 in Deutschland schlechter als in den Jahren des Krieges bis Mai 1945. Die Nationalsozialisten verstecken sich, wollen nur Mitläufer gewesen sein. In dem sich neu anbahnenden demokratischen System werden viele von ihnen Opportunisten, überleben in Landeskriminalämtern, in den Staatsanwaltschaften, bei der Polizei und der einige Jahre später gegründeten Bundeswehr. Einzelne auch im sich gründenden Verlag des „Spiegel“ – unter seinem jungen Chefredakteur Josef Augstein.

Die Mehrheit der Bevölkerung ist apathisch, erschöpft, wenige in Politik, Wirtschaft und Publizistik sind energisch und mit den Jahren auch erfolgreich. Bis zur Gründung der Bundesrepublik 1949 sind es in den Ruinen der Städte, auf dem verwüsteten Land Jahre der Not, der Demütigung, der Verzweiflung, auch der Verdrängung des Vergangenen.

Man hält den Leuten den Spiegel vor

In dieser Zeit beginnt Augstein sein „Sturmgeschütz der Demokratie“ zu formen und schon auch ein wenig zu etablieren als ein Blatt, das den politischen und gesellschaftlichen Prozessen einen Spiegel entgegenhalten will. Einen Spiegel, in dem die neuen angeblichen Eliten sich nicht so sehen können, wie sie sich selbst glauben sehen zu wollen. Der glänzende Schein der neu entstehenden konservativen Macht wie des neu entstehenden Reichtums der vielfach auch im Dritten Reich Erfolgreichen bleibt durch den wöchentlichen Spiegel nicht verborgen.

Denen da oben passt das nicht

Den Adenauers und Carstens, den Lübkes und Oberländers, den Seebohms, Globkes und den Heusingers passt das überhaupt nicht. Denen bei Höchst, der Deutschen Bank und bei Siemens auch nicht. Sie sind Kritik aus der alten Zeit nicht gewohnt, öffentliche schon mal gar nicht. Sie kennen gehorchen und parieren. Eine freie, kritische Presse, die sich mit ihnen anlegt, schon mal gar nicht. Das tut der „Spiegel“. Er passt publizistisch auf, in diesen 50ger, 60ger und 70ger Jahren, in denen es offiziell nur Gut und Böse gibt.

Willst Du gelten-treff sie selten

Die westlichen Alliierten passen politisch und militärisch auf. Es geht in dieser schwierigen, verspiesserten Zeit nicht um die Verteidigung der Demokratie, es geht um deren Aufbau. Der ist kompliziert genug, zumal die wenigsten gelernt haben, was Demokratie ist, und viele, viele Bürger sie eigentlich immer noch gar nicht wollen. Anders als Augstein und seine Leute beim „Spiegel“. Das Blatt wird zu einer Institution, ähnlich wie die „Tagesschau“, die es seit Weihnachten 1952 gibt als erste TV – Nachrichtensendung im Deutschen Fernsehen. Spiegelleser sind nie die Mehrheit in diesem geteilten Land gewesen. Daran ist gar nicht soviel bemerkenswert. Bemerkenswert ist die Haltung der Redaktion unter Augstein und unter Böhme: Entdecken, belegen, publizieren, streiten, fern bleiben den Kritisierten nach dem Motto: Willst Du gelten, treff` sie selten.

Das Blatt ist zahm geworden

Mach` Dich rar, mach` Dich politisch unabhängig. Gehöre zu niemandem. Und nun? Siebzig Jahre danach? Die nach den Nationalsozialisten Geborenen kennen weder eine Reichsschriftumskammer noch eine gleichgeschaltete Presse. Jedoch haben sie über die vergangenen Jahrzehnte einen mehr und mehr zahmen „Spiegel“ erleben, lesen müssen. Etwa 790 000 Exemplare werden wöchentlich verkauft. Hinzu kommt das Online-Portal, das ihm zu einer Reichweite von 13 Millionen Menschen verhilft.

Einst Pflichtlektüre-jetzt nicht mehr

Erinnerungen zum Schluss: Der Spiegel war einst in den Jahren des mühsamen Aufbaus einer Demokratie am Montag jeder Woche eine Pflichtlektüre. Er ist es 70 Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen in dieser Zeit der mühsamen Verteidigung der Demokratie an fast jedem Wochenende nicht mehr. Und das ist sehr, sehr schade.

Bildquelle: Wikipedia, Public Domain

 

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Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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