Claus von Wagner – Ein blitzgescheites Multitalent „Theorie der feinen Menschen“

Immerhin kann man glücklicherweise in diesen insgesamt trostlosen Zeitläuften im Comedia-Theater zu Köln am Rhein die deutschsprachigen sarkastischen Kabarettgrößen live bestaunen und, ein wenig oasenhaft, sich auch noch mal etwas andere mentale Kraftquellen hin und wieder angedeihen lassen.  Von nah und fern strömen die ZuschauerInnen herbei und genießen diese besondere Atmosphäre eines gemeinsamen Erlebens sinnenfroher Aufklärung,  Aufklärung im humanistischen Geist, um die eigene Urteilskraft zu stärken, ja, und das Lachen der Erkenntnis nicht zu vergessen, damit neben dem Kopf auch das Zwerchfell was zu tun bekommt.

Die Wortakrobatik der herrschaftskritischen Bühnenkünstler geht einher mit allerhand wertvollen Hintergrundinfos über die machtvollen Interessen etlicher unserer Volksvertreter, über die aberwitzig eigendynamischen  Abwärtsspiralen  des Turbokapitalismus, und die kryptischen Verbrämungen über immer noch „mehr Wachstum“ vonseiten diverser Lobbyisten, was die so alles veranstalten, so XXL  auf Hochglanz „performed“, als könnte unser armer ausgeplünderter Globus unendlich weiter durch Profitgier geschändet werden; und wir ErdenbewohnerInnen  „naturgemäß“  ebenso brav und ewig fixiert auf das kapitalistische Zauberwort „Stückzahl“ bei Laune gehalten, indem wir all den Konsum- Plunder, also jede Menge „Angebotsdrogen“  unermüdlich kaufen, und uns damit Leib & Seele zumüllen lassen.

Jetzt trat also Claus von Wagner in Köln als Solist auf mit seiner „Theorie der feinen Menschen“. Von Wagner – sonst im Duo mit Max Uthoff ja bekannt als Gastgeber der ZDF-„Anstalt“ – hat sich ein beispielhaft klaustrophobisches Kabinettstückchen ausgedacht: der ziemlich geschmeidige Sprössling eines Wirtschaftsberaters wird versehentlich im Tresorraum einer Bank verriegelt, hat also nun unversehens Zeit, über sich, und sein mehr oder weniger soziales Funktionieren zu spekulieren. Dieses illustre Kammerspiel ist dermaßen sprudelnd komisch, dass man aus dem Lachen wahrhaftig kaum rauskommt. Claus von Wagner ist mit einer so unglaublich körperlichen wie geistigen Beweglichkeit begabt, dass man ihn in den 2 ½ Stunden keine Sekunde aus den Augen lassen möchte.

So erscheinen die Errungenschaften des fatal auf Expansion ausgerichteten Neoliberalismus im Lauf des Abends immer absurder, und man spürt, wie fatal wir da alle drin festhängen, gefangen vom so genannten Fortschritt und den lukrativen Ködern diverser Privilegien.  Bravourös gelingt es Claus von Wagner, eine tragikomische Atmosphäre Beckett’scher Dimension von der Bühne in den Saal zu verbreitern, und so war ein von Energie aufgeladener Raum in der Tat auch zu einer besonderen Kraftquelle für die frohgemuten Anwesenden spürbar geworden.

Zudem strahlt der Intellektuelle von Wagner bei all seiner filigranen Analysefähigkeit eine angenehm unfanatische Souveränität aus, denn er ist klug und wissend genug, Staatsterror an allen Orten dieser Welt abzulehnen, und sehr wohl zwischen der jeweiligen – weniger oder mehr gelenkten – Zivilgesellschaft und mächtigen Regierungs-Eliten zu unterscheiden, denn es gibt im Westen wie im Osten, und im Süden ja auch, immer noch zahlreiche Städte, in denen öffentliche  Auftritte wie seine und andere deutlich kritische Stimmen durch totalitäre Staatszensur unmöglich gemacht werden, damit  undemokratische Herrschaftspropaganda im Verein mit Oligarchen aller Couleur die desinformierten BürgerInnen gehörig kopflos hinterlässt.

Infos auch zu einer DVD des Programms unter:

http://www.claus-von-wagner.de/

und noch mal ein besonderer  link zur wunderbaren „Anstalt“ :

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2266204/Die-Anstalt-vom-18.-November-2014#/beitrag/video/2266204/Die-Anstalt-vom-18.-November-2014

und zum Choral der geflohenen Syrer: https://www.youtube.com/watch?v=RCFmJ5d85Ek

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Marianne Bäumler

Die Theater-, Film- und Literaturkritikerin schreibt für diverse Zeitungen und arbeitet für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Sie promovierte über Erich Kästner, lehrte an der Universität Marburg, arbeitete als Dramaturgin und machte Dokumentarfilme für den WDR und andere ARD-Sender.


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