Geldbündel

DAB+ : Wer soll das bezahlen?

 

Der Fachmann staunt und der Laie wundert sich. Denn eigentlich hat die seit Mitte April 2016 geführte erneute Debatte über den Sinn oder Unsinn von DAB+ bis jetzt nur zu dem Punkt geführt, den Marc Jan Eumann und ich schon am Anfang in der FAZ als Frage aufgeworfen hatten: Wer soll das bezahlen bzw. ist die Politik bereit, öffentliche Gelder für die Förderung bzw. das Mittun der privaten Radios bereitzustellen? Alle sind sich mittlerweile einig, dass dies die entscheidende Frage ist, aber niemand traut sich bisher eine klare Antwort zu. Besonders an der Forderung, hierfür Gelder aus der sogenannten Digitalen Dividende II, also aus den Erlösen der Frequenzversteigerung für den Mobilfunk zu nehmen, lässt sich das Dilemma, vor dem die Entscheider stehen, sehr schön deutlich machen: Geben die Länder diese Gelder für den Breitbandausbau aus oder für eine eigenständige terrestrische digitale Radioverbreitung? Die mittlerweile vorgelegt „Roadmap“ des im Bundesverkehrsministerium  eingerichteten „Digitalradio-Boards“, in dem die unterschiedlichen Akteure aus der Branche mit am Tisch sitzen, ist ein Dokument der Hilflosigkeit – schon allein daran zu erkennen, dass es an die Rundfunkkommission der Länder zur weiteren Behandlung des Themas überwiesen wurde und dass der beteiligte Privatfunkverband VPRT im Anschluss seine Beteiligung aufgekündigt hat. Dessen Forderungen zielen im übrigen im Kern auf den gleichen Punkt ab: öffentliche Förderung für den privaten Hörfunk und Gewährleistung des Gleichgewichts zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk.

Für mich ist trotz aller vermeintlichen Fortschritte z. B. bei der Gerätepenetration, mittlerweile eins klar: Der Ausbau der Versorgung mit mobilem Internet muss eine eindeutige Priorität haben, infrastrukturell wie politisch. Wenn ich jeden Euro nur einmal ausgeben kann, hat die Internetversorgung, die selbstverständlich heute den mobilen Nutzungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten Rechnung tragen muss, absoluten Vorrang. Im übrigen redet alle Welt bereits von der nächsten Mobilfunkgeneration „G5“, die einen weiteren großen Kapazitätssprung bringen soll. Angesichts der bisherigen Sprünge muss man aus meiner Sicht keine großen Sorgen haben, dass sich die verfügbaren Volumina nicht auch rasant weiter vergrößern.

Deshalb ist eine bundesweite DAB+-Verbreitung, die ohne zusätzliche öffentliche Subvention auskommen kann, noch nicht unbedingt kontraproduktiv, ja in vielerlei Hinsicht sogar für eine Übergangszeit akzeptabel, aber die regionalen und lokalen Radios können und müssen ihre Zukunft langfristig über das mobile Netz sichern. Wer Inhalte hat und eine Marke ist, sollte sich davor auch nicht fürchten. Das heißt: Die Zukunft des Radios liegt im mobilen Netz. Alles andere, UKW wie DAB+, sind Übergangstechnologien, die solange genutzt werden können, wie es wirtschaftlich sinnvoll ist. Es ist an der Zeit sich einzugestehen, dass bei DAB alle Versuche, künstlich bzw. mit öffentlicher Förderung etwas durchzusetzen, was ein Teil der Branche und besonders der Nutzer nicht wirklich annimmt, keinen durchschlagenden Erfolg hatten – und auch wohl nicht mehr haben werden. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat dies erkannt: Seine Notfall-Informations- und Nachrichten-App „NINA“ setzt auf das mobile Internet – weil im Ernstfall beinahe jeder per Smartphone erreichbar ist, immer und überall. Wenn man das vom terrestrischen Radio behaupten könnte, brauchte man NINA nicht.

Die Radioverbreitung über UKW und (national) über DAB kann und wird noch lange vorgehalten werden müssen. Das ist teuer genug. Aber frisches Geld für einen technologischen Zwischenschritt zu investieren, der erkennbar nicht wirklich zum Ziel führt, also Geld auszugeben, das dann für den nächsten technologischen Sprung fehlt, macht aus meiner Sicht keinen Sinn. Also konzentrieren wir uns doch bitte auf die Zukunft im mobilen Internet. Wer dies nur mit halber Kraft tut oder es lediglich als Ergänzung zu den traditionellen Wegen sieht, tut dem Radio keinen Gefallen. Die politischen Akteure sollten sich dieser Einsicht nicht länger verschließen, sondern vielleicht an Goethe denken: „Der Worte sind genug gewechselt. Laßt mich auch endlich Taten sehn! Indes ihr Komplimente drechselt, kann etwas Nützliches geschehn.“ Recht hatte er!

Bildquelle: pixabay, User Pijon, CC0 Public Domain

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Dr. Jürgen Brautmeier

Der Historiker war bis 2016 Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt und von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Landesmedienanstalten. Heute lehrt er als Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Geschichte sowie Kommunikations-und Medienwissenschaft.


'DAB+ : Wer soll das bezahlen?' hat 6 Kommentare

  1. 30. April 2017 @ 13:18 Andres Frey

    Herr Brautmeier vergisst, dass bei einem Katastrophenereignis das private Telekommunikationsnetz sofort überlastet, oder sogar
    ausgefallen ist. Darauf möchte ich mich nicht verlassen müssen.

    Antworten

    • 30. April 2017 @ 21:26 Jürgen Brautmeier

      Ja, aber wir reden nicht über heute, sondern über zukünftig viel leistungsfähigere Mobilfunknetze (G5). Und über Push-Nachrichten. Und ein Smartphone hat jeder dabei, ein Radio eher nicht.

      Antworten

  2. 30. April 2017 @ 13:31 Mario

    Man könnte schon von einem Erfolg sprechen, wenn man sich den ungebremsten Zuwachs der Verkaufszahlen der DAB+ Empfänger ansieht. Dazu die vollen Multiplexe in den Großstädten und Metropol-Regionen. Dort, wo Kapazitäten ausgeschrieben sind, finden sich entsprechende Interessenten. Ob und wie lange DAB+ eine Übergangstechnologie ist, kann aus heutiger Sicht gar nicht vorhergesagt werden. Was man aber mit Sicherheit behaupten kann, ist, dass Sie als ehemaliger Direktor der Landesmedienanstalt in NRW mit allen Mitteln und Wegen versucht haben, den Erfolg​ von DAB+ zu verhindern. Gelungen ist es Ihnen jedenfalls nicht.

    Antworten

    • 30. April 2017 @ 21:09 Jürgen Brautmeier

      Die Kontrovese ist voll im Gange, das zeigt der Kommentar. Aber erst am Ende des Tages wird Bilanz gezogen. Allerdings habe ich nicht mit allen Mittel DAB+zu verhindern versucht, sondern zu einer Entscheidung der Politik aufgerufen. Als Direktor der LfM habe ich meine Skepsis geäußert, aber nichts verhindert.

      Antworten

  3. 1. Mai 2017 @ 10:28 Reiner Müller

    Die Ansätze von Jürgen Brautmeier und Marc-Jan Eumann gehen, wie schon seit jeher, davon aus, dass die Mobilfunknetze in der 5G-Technologie das ermöglichen, was bis dato GPRS,UMTS und LTE aus ökonomischen Gründen nie erreicht haben, nämlich flächendeckende, mobile und hochwertige Internet-Verfügbarkeit. Flächendeckung und unterbrechungsfreien Empfang in ganz Deutschland garantiert bis dato jedoch kein Mobilfunkunternehmen für 5G, auch nicht für das Jahr 2030. Damit würde eine auf Mobilfunknetze und Internet aufgebaute Hörfunkversorgung in der Bundesrepublik wohl in Ballungsräumen mit Vielfalt und Verfügbarkeit vorhanden sein, aber bereits in den Randbereichen der Agglomerationen würde der Empfang quantitativ und qualitativ in die Knie gehen, geschweige denn im flachen Land. Die Garantie für Flächendeckung und gesicherte Datenrate gibt heute kein Mobilfunkbetreiber!
    Ein Zweites wird von Brautmeier/Eumann leider nicht betrachtet und benannt. Empfangsgeräte für Radio sind und sollten „barrierefrei“ auch weiterhin vom Verbraucher gekauft werden können, das heißt ohne Mobilfunkvertrag. Auch dies hat bis dato kein einziges Mobilfunkunternehmen als Geschäftsmodell angeboten oder in Aussicht gestellt.
    Es gäbe noch eine Reihe anderer Punkte gegen ein „Mobilfunk-Internet-Radio“ zu nennen (wirtschaftlich, technisch, strategisch, medienpolitisch, im Katastrophenfall etc.), die nicht übergangen werden können, aber jetzt den Rahmen sprengen würden.
    Ich will einfach kein Radio, das nicht wie heute einfach und kostenlos von jedermann in der Bundesrepublik genutzt werden kann und das strukturelle Vielfalt nicht von der Bereitschaft der Hörfunk-Anbieter abhängig macht, mit einem Mobilfunkbetreiber oder Plattformbetreiber in ein von diesen vorgegebenes Geschäftsmodell einsteigen zu müssen. Die Hörfunk-Verbreitungstechnik der Zukunft ist und sollte weiterhin diskriminierungsfrei und bezahlbar sein. Daher geht an der digitalen, terrestrischen Verbreitung und damit an DAB+, mindestens die nächsten 15 Jahre, nichts vorbei.

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