Das Schicksal der Flüchtlinge geht uns alle an

Das Thema Flüchtlinge, ihr Schicksal, ihre Überfahrt nach Europa, ihre Aufnahme in Ländern, in denen sie Schutz suchen und nicht selten angefeindet werden, all dies rührt auch zu Tränen. Selbst Nachrichten-Profis wie der ZDF-Mann Claus Kleber, ein Mensch, der die Welt gesehen und erlebt hat, musste kürzlich mit den Tränen kämpfen, als er eine der tragischen Geschichte einer Flüchtlingsfamilie, wie sie fast täglich passieren, ankündigen musste. Da bleibt einem manchmal ein Klos im Hals stecken, man ist sprachlos, welche Schicksale sich da abspielen auf dem Meer, in der neuen Heimat, die noch keine ist, was die Menschen aus Syrien, Eritrea, Mali, Somalia oder wo auch immer erdulden und erleiden müssen. Was nehmen die Leute alles auf sich, um ihre Heimat, vom Bürgerkrieg fast völlig zerstört, zu verlassen und unter widrigen Umständen, unter Lebensgefahr sich auf den Weg nach Europa zu machen. Sie sehnen sich nach Sicherheit, hoffen auf ein Obdach, auf Hilfe für ihre Kinder, ihre ganze Familie. Und nicht selten müssen sie ausgerechnet in Deutschland erleben, wie Menschen ihnen mit voller Ablehnung begegnen.

„Ich weiß nicht, woher die teils vulgäre, fremdenfeindliche und menschenverachtende Ausdrucksweise der Menschen kommt“, reagierte Petra Köpping, Sachsens Integrationsministerin auf die Vorfälle in ihrem Land. „Ich schäme mich oft selbst“, räumte sie gegenüber dem Hamburger Magazin „Zeit“ ein. Sie schämt sich, weil Flüchtlinge in Sachsen oft „den blanken Hass“ der Einheimischen erleben. Es gibt viele, viel zu viele Stimmen, die Flüchtlinge rundherum ablehnen. Die Zahl der Übergriffe auf Heime war im ersten Halbjahr 2015 so hoch wie im gesamten Vorjahr. Man schämt sich ob der Entwicklung, ob der unmenschlichen Reaktionen. Dabei leben die Flüchtlinge hier teils in Zelten wie in Dresden, 54 Menschen auf 50 Quadratmetern, dabei warnen Mediziner wegen der ungenügenden Zustände in den Zeltstädten vor humanitären Katastrophen.

Dresden, Meißen und Euskirchen

Aber halt, das Thema beschäftigt nicht nur den Osten Deutschland, es geht nicht nur um Dresden, Meißen, Böhlen, es geht auch um eine Kleinstadt wie Euskirchen, unweit von Bonn und Köln. Da hat ein Rechtsanwalt nach Morddrohungen gegen seine Familie seinen Blog, in dem er über rechte Hetze gegen Flüchtlinge berichtete, eingestellt. So steht es in der Freitagausgabe des Bonner Generalanzeigers. Nach über zwei Jahren hört der Euskirchener Blogger, der für den Debatten-Blog “ The European“ geschrieben hat, auf. Dieser hat sich immer wieder gegen fremdenfeindliche Hetze ausgesprochen, er erntete viel Zustimmung, aber eben auch Drohungen. „Ich war nicht mehr bereit, meine Familie zu gefährden“, so der Blogger. Der angerufen und dann geschockt worden war über einen Mord an seiner Familie, erst er, dann die Tochter, alles fingiert. Er saß im Auto, als es geschah. Was sind das für Leute? Warum lassen wir uns das bieten?

Es passt ins Bild, um weiter den Bonner General-Anzeiger zu zitieren, dass auf den Hof der Anti-Nazi-Aktivisten Birgit und Horst Lohmeyer im mecklenburgischen Jamel ein Brandanschlag verübt wurde. Ein Feuer zerstörte die Scheune des Hofes: Das Künstlerehepaar wehrt sich seit langem gegen die rechtsextreme Szene in Jamel. Der Zentralrat der Juden in Deutschland reagierte entsetzt über den Brandanschlag. Innenminister Caffier(CDU) ging von einem rechtsextremen Anschlag aus. Jedes Jahr im August veranstaltet das Ehepaar auf seinem Hof ein Festival gegen Rechtsextremismus.

Mit inzwischen 600 000 Flüchtlingen rechnen Experten dieses Jahr allein in Deutschland. Gleich, wie eng es werden kann hier und da, gleich, welche Probleme dabei entstehen, sie sind zu lösen. Die Menschen sind gekommen, um Schutz zu suchen, wir sollten ihn ihnen bieten und uns um sie kümmern. Es kann doch nicht wahr sein, dass eine Handvoll Rechtsextremer in der Lage ist, unseren Ruf kaputt zu machen. Wir sind ein offenes Land, nur müssen dafür alle aufstehen und den Rechten zeigen, dass sie nicht das Land repräsentieren. Wir brauchen, wie das die Fernseh-Journalistin Reschke kürzlich gefordert hat, wie das vor Jahren der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder(SPD) gefordert hat, den Aufstand der Anständigen. Ein Bündnis aller Demokraten gegen Neonazis und andere Fremdenfeinde.

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Das Schicksal der Flüchtlinge geht uns alle an' hat 3 Kommentare

  1. 19. August 2015 @ 21:58 wolfgang wiemer

    Und wenn dann schon im ZDF-FrühstücksTV / „heute“ ganz ungeniert vom der „Flüchtlingsflut“ geredet wird, fragt man sich, wozu wir eigentlich noch öff.-recht.l- Sender haben…..

    Antworten

  2. 21. August 2015 @ 09:50 Wie umgehen mit den Flüchtlingen?

    […] Alfons Pieper ist auf dem Blog der Republik über die zunehmende fremdenfeindliche Hetze gegen Flüchtlinge erschrocken und beschämt. Das […]

    Antworten

  3. 25. August 2015 @ 11:46 Profite mit der Not von Flüchtlingen

    […] | Stefan Niggemeier 3 Wie Hitler die Flüchtlingslage so sieht … | Last Call (Stern) 4 Das Schicksal der Flüchtlinge geht uns alle an | Blog der […]

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