Emmanuel Macron

Frankreich wählt revolutionär

Die Sensation ist perfekt. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron triumphiert erneut. Im ersten Wahlgang der Parlamentswahl unterstützten mehr als 30 Prozent der Wähler die Kandidaten seiner Bewegung „La République en Marche“ (LRM), so dass er vor der zweiten Runde am Sonntag danach überaus gute Aussichten auf eine absolute Mehrheit in der Nationalversammlung hat. Das ist revolutionär, ein Umbruch, ein historischer Aufbruch, dessen Ausgang freilich völlig offen ist.

Die traditionellen Parteien, die schon in den Präsidentschaftswahlen untergingen, sind mit ihren Bewerbern deutlich abgeschlagen, die Konservativen bei gut 20, die Sozialisten bei noch etwas mehr als zehn Prozent. Auch wenn sich die Stimmanteile der ersten Runde aufgrund des Mehrheitswahlrechts nicht ohne weiteres in Parlamentssitze umrechnen lassen, und trotz der äußerst niedrigen Wahlbeteiligung wird doch erkennbar: Die französischen Wählerinnen und Wähler geben Macron eine reelle Chance und stärken dem politischen Senkrechtstarter den Rücken.

Sein klares Bekenntnis zu Europa und auch seine wirtschaftsliberalen Vorstellungen, vor allem aber sein Erneuerungswille haben überzeugt. Das Undenkbare machen, den etablierten Parteien die Stirn bieten, die eingefahrenen Strukturen aufbrechen und Frankreichs Rolle neu bestimmen: das sind die Zutaten seines Erfolgsrezepts, inhaltlich vage, aber durch Mut und Optimismus begeisterungsfähig.

In nur etwas mehr als einem Jahr hat Emmanuel Macron sein Land politisch völlig umgekrempelt. Und er hat sich dabei, obwohl selbst aus dem alten System hervorgebracht, zur Leitfigur eines neuen Politikstils entwickelt. Die LRM-Kandidaten zur Parlamentswahl kommen zur Hälfte aus der Zivilgesellschaft, haben keinerlei Erfahrung im herkömmlichen Politikbetrieb und gaben ihre Distanz dazu aus Begeisterung für Macron und seine Bewegung auf. Das Neue an sich ist natürlich kein Wert, aber dass die Demokratie lebendig ist, dass die europäische Einigung ein Zukunftsprojekt und der ansonsten in vielen europäischen Ländern grassierende Nationalismus überwindbar ist, das sind weit über Frankreichs Grenzen hinaus ermutigende Signale.

Bildquelle: Wikipedia, OFFICIAL LEWEB PHOTOS, CC BY 2.0

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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