In Rom Mittelpunkt des politischen Lebens, fehlt der EU heute ein öffentliches Forum für ihre Bürger.

Griechenland-Krise: EU-Politik braucht europäische Öffentlichkeit

Die Verhandlungen zwischen Eurogruppe und Griechenland stecken in einer Sackgasse, der Krisengipfel droht zu scheitern. Die Fronten sind verhärtet, sich gegenüber stehen unnachgiebige Finanzminister und Regierungschefs, zwei scheinbar unvereinbare Positionen. Diese Zwangslage kommt nicht von ungefähr, von Beginn der Griechenland-Krise an, wuchsen Spannungen, türmten sich Vorurteile und steigerte sich eine Entfremdung in der EU. Deutschland pflegte das Bild des faulen Kostas, der mit der Rente toter Verwandter ein sonniges Leben führte. Im Gegenzug hat auch Deutschland ein Imageproblem in Griechenland, was Merkel-Hitler Vergleiche oder unlängst die Karikatur Schäubles als Nazi zeigten. Der Konflikt Griechenland- Eurozone findet lange nicht mehr nur auf Krisengipfeln statt, er hat längst den Weg in die Köpfe der Bürger gefunden.

Europa droht in den Köpfen der Bürger zu scheitern

Das Riesenprojekt Europa droht sich an nationalen Grenzen in den Köpfen der Bürger festzufahren. Doch wer könnte eine solche transnationale gesellschaftliche Verständigung fördern? Das Verständnisproblem dockt an einen europäischen Missstand an: Die europäische Öffentlichkeit. Während auf nationaler Ebene Medien und Presse eine Orientierung darüber bieten, was aktuell wichtig ist und Informationen über politische Entscheidungen und Prozesse vermitteln, ist die europäische Medienlandschaft nur schwach ausgebildet.

Woher bekommen Europäer also ihre europäischen Nachrichten? Die naheliegendste Quelle sind nationale Medien. FAZ, Süddeutsche, Tagesschau und Co. decken die wichtigsten europapolitischen Themen ab. Doch Untersuchungen der nationalen Europaberichterstattung zeigen, EU Themen sind nationalen Themen klar untergeordnet und unterliegen einem nationalen Framing. Wer sich als Europäer in deutschen Medien zur Griechenlandkrise informiert, wird hauptsächlich eine deutsche Perspektive vermittelt bekommen, und umgekehrt.

Was gibt es für europäische Medienangebote?

Für ausgeglichenere Berichte lohnt sich ein Blick in transnationale Angebote. Die Online-Zeitung EUobserver schreibt über EU-Politik und Gesellschaft, der Nachrichtensender Euronews bringt rund um die Uhr neue Nachrichten auf 13 verschiedenen Sprachen, der Radiosender Euranet sendet mit vergleichbarem Hintergrund in 15 EU Mitgliedsstaaten alles wissenswerte über Brüssel. Die Brüssler Wochenzeitung European Voice berichtet als führendes Medium im EU-Nachrichtenbereich auf Englisch mit einer kleinen Auflage von etwa 20.000 Exemplaren (zum Vergleich: die Zeit hat eine Auflage von 500.000 Exemplaren). Abseits von politischen Nachrichten wird das Angebot dünner. Als Netzwerk von 80 europäischen Kulturzeitschriften veröffentlicht das Online- Magazin Eurozine ausgewählte Artikel seiner Partnerzeitungen mit meist englischer Übersetzung.

Europa Dossier als transnationale Zusammenarbeit

Eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit starteten auch fünf europäische Tageszeitungen im Jahr 2012. Seitdem erscheint in der französischen Le Monde, dem britischen Guardian, der italienischen La Stampa, der spanischen El País, der polnischen Gazeta Wyborcza und der deutschen Süddeutschen Zeitung (SZ) alle drei Monate die Beilage „Europa“, die Schwerpunkte gemeinsam für ein europäisches Publikum aufbereitet. Doch die Europa Beilage bleibt ein Einzelprojekt. Keines der europäischen Medienangebote kann in Deutschland die Position eines Leitmediums wie dem Spiegel, oder der FAZ einnehmen.

Eine europäische Öffentlichkeit ist nicht inexistent, die Angebote zeigen: Wer sich aus europäischer Perspektive informieren möchte, kann dies tun. Im Gegensatz zu nationalen Angeboten, die einem zwangsläufig auf dem Weg zur Arbeit aus dem Autoradio berieseln oder abends beim Zappen entgegenflimmern, muss der europäische Bürger schon aktiver nach Europa-Angeboten suchen und sich entgegen der Macht der Gewohnheit informieren.

47 Prozent der Bürger vertrauen der EU nicht

Doch ohne diese Grundlage zur europäischen Verständigung wird sich auf lange Sicht kein europäisches Bewusstsein, keine europäische Identität entwickeln. Deutscher bleibt dann Deutscher, Griechenland bleibt geographisch und kulturell fern, ohne gemeinsamen Nenner im Sinne der Bürger. Europa scheint festgefahren. In seinem Buch „Aus Sorge um Europa“, plädiert Altkanzler Helmut Kohl für die EU, für ein vereintes Europa, das essentiell für Frieden und Freiheit sei. Die Botschaft richtet sich vor allem an die Politik, doch um vorwärtszukommen, muss dieses Verständnis an die über 500 Millionen europäischen Bürger vermittelt werden. Ohne den Rückhalt der Bevölkerung wird ein politisches Weiterkommen auf lange Sicht nicht möglich sein. Im Jahr 2011 gaben 47 Prozent der EU-Bürger an, der EU „eher nicht zu vertrauen“. Dieses Vertrauen muss nach der Krise wieder aufgebaut werden.

Dabei helfen, könnte ein neues Projekt des US-Politikportals Politico, das Ende vergangenen Jahres, gemeinsam mit dem Axel-Springer Verlag, European Voice übernommen hat. Ab dem Frühjahr sollen mehr als 30 Journalisten aus Brüssel und europäischen Hauptstädten zur Europa-Politik berichten. Die Ziele sind ehrgeizig, Politico soll zum europäischen Leitmedium aufgebaut werden.

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Katharina Korczok

studierte European Studies an der Maastricht University und macht heute einen Master in Politische Kommunikation an der Universität Düsseldorf. Nach Praktika in Radio und Print betreut die Autorin den Blog seit einem Jahr auch redaktionell.


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