Kurt Landauer, der frühe Präsident des FC Bayern, den kaum jemand kannte. Das Leben eines jüdischen Fußball-Funktionärs

Kurt Landauer ist Bayer, ein Jude, seine Familie hat ein Damen-Modehaus mitten in München, in der Kaufinger-Strasse. Landauer und der FC Bayern, das ist eins. Mit ihm stieg der Verein aus dem Nichts nach oben, gewann 1932 erstmals die deutsche Meisterschaft. Dann kommen die Nazis an die Macht, der FC Bayern, als Judenklub bei seinen Gegnern und den Nazis verschrien, verliert an Bedeutung, Kurt Landauer, gibt das Präsidenten-Amt ab, ehe man es ihm entziehen würde, er  muss um sein Leben fürchten, er lernt das KZ Dachau kennen, steckt Schläge und Prügel ein, weil er Jude ist,  viele aus seiner Familie werden ermordet,  er entkommt in die Schweiz, überlebt, kehrt zurück in das Land der Mörder, wird wieder Präsident des FC Bayern, 1961 stirbt er. In den letzten Jahren hat sich der Klub seines einstigen Präsidenten erinnert, hat ihn zum Ehrenpräsidenten gemacht.

Es ist eine faszinierende Geschichte, die Dirk Kämper, der Autor des Buchs „Kurt Landauer, der Mann, der den FC Bayern erfand“, geschrieben hat, eine deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert.  Sie ist mehr als eine Geschichte über einen Fußball-Enthusiasten, dem der FC Bayern München über alles ging. Der Klub war damals, als der Fußball noch keinen Stellenwert genoss wie heute, ein überschaubarer Verein mit ein paar Hundert Mitgliedern, das Zentrum des Klubs lag irgendwo in Schwabing, also in jenem Viertel, wo die Kunst und der Amüsierbetrieb zu Hause waren. An die Säbener Straße ging es viel später.

Landauer selbst muss ein ordentlicher Kicker gewesen sein, folgt man den Schilderungen Kämpers. Demnach stand er im Tor, aber er gehörte nicht zur ersten Garde der Spieler. Die Farben des Klubs sind zunächst blau-weiß, erst Jahre später werden die Bayern die Rothosen.  Ihre Kontrahenten in München sind der FC Wacker und der TSV 1860, auf Bundesebene ist es der Karlsruher FV, die Frankfurter Eintracht, die Schalker Jahre kommen erst später.

Der Autor gibt einen Einblick in die Zeit der Jahrhundertwende, er streift den ersten Weltkrieg mit seinen Stellungskämpfen, dem Drang nicht weniger Menschen, unbedingt in den Krieg ziehen zu müssen, darunter sind auch die Landauers. Es folgt die Nachkriegszeit mit all ihren Beschwernissen, dem Niedergang der Weimarer Republik, dem Aufstieg der Nazis.

Breiten Raum nimmt der erste Meistertitel des FC Bayern ein, allein 400 Fans seien mit dem Rad von München nach Nürnberg gefahren, dem Austragungsort des Endspiels, gespielt wird im Zabo, Gegner ist Eintracht Frankfurt. Nach dem 2:0-Sieg und der Heimkehr in offenen Kutschen vom Hauptbahnhof zum Stachus und zum Marienplatz, dem Empfang vor dem Rathaus, Hunderttausend Fans sollen gejubelt haben, „zieht die Mannschaft eine Woche lang durch die Wirts-und Brauhäuser der Stadt“.

Dieses ist kein Fußball-Buch, sondern mehr ein spannendes Geschichtsbuch, das das Leben der Menschen versucht einigermaßen getreu wiederzugeben, es zeigt, wie die Nazis sich des Sports bemächtigen, es beschreibt, wie die Juden enteignet, zu Menschen zweiter Klasse, verhaftet und ermordet werden. Landauer lernt die Brutalität der Braunen frühzeitig kennen, als er 1938 für einige Zeit im KZ Dachau landet, wo die Misshandlung der Häftlinge an der Tagesordnung stehen, wo man ihnen ein Seil in die Hand gibt, damit sie freiwillig ihrem Leben ein Ende machen, wo man sie mit Hunden zum elektrischen Zaun treibt, damit sie dort umkommen.

„Dachau ist schlimmer als alles, was er je im Krieg erlebt hat, selbst dort, in den Gräben, zwischen den Schlachten, kümmerte man sich um die Schwachen und Verletzten, ob Freund oder Feind. Hier jedoch wird besonders gern auf diejenigen eingeschlagen, die schon am Boden liegen.“ Und weiter beschreibt Kämper minutiös das Leben. „Die härtesten Schikanen treffen immer die Juden. Sie stehen am längsten, sie frieren am meisten, sie stecken die meiste Prügel ein, sie bekommen das wenigste Essen, sie sterben am häufigsten“.

Dirk Kämpers Schilderungen sind oft kleinteilig, aber sehr genau, detailgerecht. Landauers Flucht in die Schweiz im Sommer 1938 liest sich so: „Behutsam nimmt er die versilberte Anstecknadel mit den drei Miniaturen von der Spiegelablage und steckt sie sich ans Revers. Eisernes Kreuz links, Militärischer Verdienstorden in der Mitte, Ehrenkreuz der Fronkämpfer rechts. Wenn sie ihn schon aus der Heimat jagen, dann sollen sie wenigstens die Orden sehen.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt Kurt Landauer nach München zurück, er wandert nicht aus in die USA. Er wird wieder Präsident des FC Bayern, aber Kämper sieht  in Landauer  ein “wandelndes schlechtes Gewissen“ des FC Bayern und seiner Fans, da ist auf der einen Seite der einstige Verfolgte, und da sind auf der anderen Seite diejenigen im Klub, die sich damals eingerichtet hatten im System des NS-Staates.  Wie es so war in Deutschland, die Gegner der Nazis waren an einer Hand zu zählen, während die Jubler zu Tausenden die Hand zum Hitler-Gruß in die Luft warfen.

Landauers Präsidentschaft endet im Streit. Zwar ist Kurt Landauer im Frühjahr 1951 so weit, seinen Hof beim Klub neu zu bestellen, er fühlt sich alt, er will die Führung an jüngere abgeben. Aber so geordnet, wie er sich das vorstellt, wird das nicht abgehen. Ein Teil der Fans ist ohnehin sauer auf die Führung, weil die Erfolge ausbleiben. Es kommt auf der Hauptversammlung zu verbalen Entgleisungen, ob darunter auch antisemitische sind, lässt der Autor offen, aber auf jeden Fall müssen die Angriffe auf Landauer persönlich gewesen sein. Seine Kandidatur scheitert. Landauer, der 18 Jahre den Verein geleitet hat,  ist derart empört, dass er seine Brillant-Ehrennadel vom Revers nimmt und den Saal verlässt. 1961 stirbt Kurt Landauer. Seine Geschichte wird erst viel später wieder entdeckt, vor allem die Ultra-Fangruppe „Schickeria“ sorgt dafür, dass Landauer, der lange vergessene, wieder entdeckt wird.

Dirk Kämper: Kurt Landauer. Der Mann, der den FC Bayern erfand. Orell Füssli Verlag AG. Zürich 2014. 254 Seiten. 19, 95 Euro.

 

 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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