Weihnachtsbaum

Steuersystem mit Tücken

Seit ewigen Zeiten reden alle Politiker von der längst fälligen Vereinfachung und Transparenz unseres Steuersystems. Doch allen Reden zum Trotz haben sie es immer komplizierter und undurchschaubarer gemacht. Fast jeder Arbeitnehmer, der seine Einkommensteuer-Erklärung machen will, verzweifelt gar an dieser komplizierten Herausforderung. Viele nehmen Steuerhilfevereine in Anspruch, andere suchen kundige Steuerberater auf.

Üble Steuertricksereien

Vor allem Unternehmen beschäftigen sich immer wieder mit Steuerfragen. Ihre Steuerberater sind vielfach die wichtigsten Sparringspartner, wenn es um neue Investitionen, Subventionen, Steuervorteile und -vermeidung oder andere finanzamtrelevante Themen geht. Wer clever ist und die besten Steuerberater hat, zahlt einfach weniger an den Fiskus, weil er auf durchaus legale Steuerschlupflöcher hingewiesen wird, weil große Steuerkanzleien zum Teil auch durchaus windige Umgehungskonstruktionen erfinden – wie etwa in den vergangenen Jahren bei Cum-/Ex-Geschäften, also beim Dividendenstripping. Ein Untersuchungsausschuss des Bundestages ist gerade voll damit beschäftigt, etwas Licht in den Steuerdschungel bei solchen windigen Cum-/Ex-Geschäften zu bringen, bei denen auch viele Banken -sogar Landesbanken!- eine unrühmliche Rolle gespielt haben – zu Lasten der Staatskasse.

Schwierige Steuererklärungen

Alle Experten sind sich einig: Unser gesamtes Steuersystem ist zu kompliziert. Es muss dringend vereinfacht werden, damit es überhaupt noch zu verstehen ist. Ob eine Einkommensteuer-Erklärung gleich auf einen Bierdeckel -wie einst von Friedrich Merz- passen muss, kann vielleicht übertrieben sein. Doch schon die so unterschiedliche Besteuerung von Einkünften -Lohn, Dividenden, Mieten u.ä.- könnte gewiss auf einen Nenner gebracht werden. In anderen Ländern ist das schon lange die Realität und funktioniert perfekt.

Selbst bei der Umsatzsteuer ist es enorm kompliziert. In diesem Jahr bringt sie dem Fiskus immerhin rund 210 Mrd. €; davon entfallen über 160 Mrd. € auf die normale Umsatzsteuer und über 50 Mrd. € auf die Einfuhrumsatzsteuer. 19 % müssen in der Regel auf Umsätze gezahlt werden, nur 7 % auf Grundnahrungsmittel und bestimmte andere Waren. Der Katalog für die 7 %ige Besteuerung ist so kompliziert, dass diesen auch nur wenige wirklich verstehen.

Alle Jahre wieder: Besteuerte Tannenbäume

Das wird gerade in der Weihnachtszeit geradezu exemplarisch deutlich – etwa wenn es um den Kauf des Tannenbaums geht. Dafür gelten gleich 5 verschiedene Steuersätze. Die normale Tanne, frisch geschlagen im Sauerland oder im Bayerischen Wald, wird mit 7 % besteuert. Dieser Satz gilt auch für die kleine Naturtanne im Topf. Nicht wenige Bürger gehen jedoch gern zum Landwirt, der Christbäume alle Jahre wieder anbietet. Wer so seinen Baum erwirbt, muss beim Bauern 5,5 % Mehrwertsteuer berappen, wenn die Fichten oder Tannen in dessen Wald gewachsen sind; 10,7 % werden dagegen als Umsatzsteuer fällig, falls die Bäume gezüchtet wurden.

Landwirte, die jedoch jährlich weniger als 140 Bäume an den Mann oder die Frau bringen, sind von der Zahlung der Mehrwertsteuer völlig freigestellt. Dasselbe gilt auch für Christbäume, die auf einem NATO-Gelände aufgestellt werden.

Wer einen Naturbaum zu Weihnachten wegen der zunächst kratzenden und später trockenen Tannennadeln nicht in seiner Wohnstube aufstellen will und stattdessen einen Baum aus Plastik bevorzugt, der muss dafür mit dem Mehrwertsteuersatz von 19 % rechnen.

Das alles ist von tüchtigen und findigen Beamten des Bundesfinanzministeriums erdacht und von den Parlamentariern abgesegnet worden. Und für jede Regelung gibt es gewiss umfangreiche Begründungen, vor allem Hinweise auf die so sehr beschworene Steuergerechtigkeit und auf die notwendige Beachtung von Sonderinteressen bestimmter Gruppen unserer Gesellschaft. Doch solcher Wirrwarr macht wohl alle Politiker und insbesondere jeden Finanzminister lächerlich, wenn immer noch in Sonntagsreden die Steuervereinfachung beschworen wird.

Bildquelle: pixaby, user geralt, CCO Public Domain

Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 4 434 Abonnenten.



Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


'Steuersystem mit Tücken' hat 2 Kommentare

  1. 9. Dezember 2016 @ 13:48 Markus

    Also das mit den Steuern habe ich gestern im Radio gehört und habe es hier gerade nochmals nachgelesen. Das versteht ja echt kein Mensch und zeigt nochmals wie undurchsichtig und verwirrend das deutsche Mehrwertsteuersystem ist.

    Antworten

  2. 25. September 2017 @ 14:06 ASK

    Sehr spannender und interessanter Artikel! Ich selbst bin auch Steuerberater und kann nachvollziehen wie verwirrend das Steuersystem erscheint etc. Ich versuche immer meine Kunden bestmöglichst und verständlich zu beraten! Gerne mehr solche Artikel, sie sind sehr informativ. Beste Grüße aus Hannover! Michael Keulemann

    Antworten


Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht