2020

2020 und der Blick auf die Welt

Potsdam gilt zu Recht als das wissenschaftliche Zentrum der Klimafolgenforschung. Von hier aus wird die Menschheit in Zeiten des Klimawandels rechtzeitig mit langfristigen Wetterprognosen versorgt. Es versteht sich daher fast von selbst, dass aufmerksame Zeitgenossen aufmerksam zuhören, wenn die Wissenschaft mehr oder weniger deutliche Warnungen erkennen lässt, die den Verbleib der Menschheit auf dem blauen Planeten betreffen, der auf der Milchstraße von Sonne und Mond begleitet wird.

So ist das vor uns liegende Jahr 2020 rein wettertechnisch erneut mit Misstrauen zu erwarten. Der räumliche Blick der Klimaforscher auf den Erdtrabanten im Weltall lasse erkennen, dass die Ursache für die „extremheißen Trockenjahre Jahre 2018 und 2019 der Blockade von Wettersystemen“ zu danken sei. Dem folgt der ebenso nur den Forschern unmittelbar verständliche Hinweis, dass die Pazifik-Strömung El Nino im Neuen Jahr für neue Überraschungen sorgen werde.

Die nahe dem Einsteinturm in Potsdam forschende Wissenschaft beobachtet heute dort mit modernster Technik die Sonneaktivitäten, die uns mit Licht und Wärme versorgt. Leider konnte der geniale Physiker Albert Einstein den nach ihm benannten Turm wegen der Nazibarbarei, die ihn in die USA vertrieb, für seine Arbeit nicht nutzen.

Seine Nachfolger machen ihrem großen Vorgänger Ehre, wenn sie alle Versuche erfolgreich abwehren, die Ergebnisse ihrer Klimafolgenforschung von interessierten Wirtschaftsverbänden als Panikmache verunglimpfen zu lassen. Immerhin selbst die Bundesregierung lässt sich aus Potsdam beraten und sucht den von den Klimaforschern vorgegebenen Zielen im Kampf gegen die Erderwärmung wenigstens nahe zu kommen.

Das Klima aber ist nur eines von vielen Herausforderungen, die uns auch im Jahr 2020 weiter begleiten werden. Eine davon ist der neonationalistische Rückfall, der weltweit zunimmt und von dem US-Präsidenten angeführt wird, und das obwohl allein der Klimawandel hinreichend grenzüberschreitendes Handeln erforderte, um den blauen Planeten vor der Selbstzerstörung zu bewahren.

Alles, so der Klimareport der Vereinten Nationen, was die Erderwärmung auf über 1,5 Grad treiben würde, würde eine Völkerwanderung von Süd nach Nord in einem bislang nicht gekannten Ausmaß nach sich ziehen. Schon die Erfahrungen mit der Migrationswelle seit 2015, die rund eine Millionen Menschen allein nach Deutschland führte, mit der Folge rechtsextremistischer Reaktionen, und der AfD als der politischen Arm der neuen Nazis, die bereits in allem Landtagen und im Bundestag vertreten ist. Seit 1989 bis heute wurden 185 Todesopfer rechtsextremer Gewalt gezählt, mehr als 300 Haftbefehle konnten nicht vollzogen werden, weil sich die Straftäter in den Untergrund begaben und sich dort bewaffnen. Erst jetzt, mit den Vorfällen in Halle oder Kassel, wird vielen klar, dass sich Worte zu Taten fügen und der Terror nach rechts wandert.

Während die Neonazis fast ausschließlich die Migration aus den Bürgerkriegsländern im Nahen Osten attackieren und rassistisch einordnen, ist fast untergegangen, dass heute Osteuropa zeitgleich zu einem „wichtigen Arbeitskräftelieferanten für seinen alternden Westen“ geworden ist, mit entsprechenden Folgen:

Seit 2007 haben allein über 3.4 Millionen Rumänen ihr Land verlassen, mehrheitlich jünger als Vierzig Jahre, ebenso in den letzten zwei Jahren 10 000 Ärzte. Lettland verlor zwischen 1989 und 2017 rund 27 Prozent seiner Bevölkerung, Litauen knapp 23 Prozent, am größten war der Bevölkerungsverlust in Bulgarien, mit heute nah ein Drittel weniger Einwohner als vor der Wende. Der Thinktank European Council on Foreign Relations ermittelte, dass 50 Prozent der Polen und 49 Prozent der Ungarn ein Gesetz befürworten würden, die es illegal machen würde, für längere Zeit das Land zu verlassen.

Die daraus resultierende politische Lage wird in Osteuropa zunehmend mit ethno- nationalistischer Rhetorik beantwortet, in  der Westeuropa zum „Vorhof Afrikas und des Nahen Osten“ wird, während Polen und Ungarn sich als letzte Hochburgen  des europäischen und christlichen Abendlandes verstehen. Das dies vor allem ein antideutsches Klima schafft, weil das Land die meisten dieser jungen Migranten aufnimmt, liegt auf der Hand. Nach dem Brexit Großbritanniens – wie immer er am Ende ausgestaltet ist – werden viele Osteuropäer die Insel verlassen müssen und zugleich hoffen, in Westeuropa bleiben zu können,

Die demografische Panik, die das auslöst, stärkt den rechtsgerichteten Nationalismus in Osteuropa. Die EU wäre gut beraten, sich dieser Entwicklung zu stellen. Für die Sozialdemokraten wäre das zudem ein Thema, mit dem sie sich aus der politischen Isolierung, ihrer auf 12 bis 15 Prozent geschrumpften Wählerschaft befreien könnten. Allerdings setzt dieser Mut voraus, sich endlich eines Themas anzunehmen, das den Zusammenhalt in der Europäischen Union berührt und stärken könnte. Allein in der Groko zu überdauern und zu keiner inhaltlichen Debatte bereit zu sein, und die Führerschaft der vielen hier angedeuteten Themen nicht an sich zu reißen, könnte das Ende der SPD sein. Sie allein hat es auch und gerade unter der neuen Führung in der Hand, die Wende einzuleiten.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Akash Kumar Nayak, Pixabay Licence

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Uwe-Karsten Heye

Der Print- und Fernsehjournalist arbeitete unter Gerhard Schröder als Regierungssprecher bevor er als Generalkonsul nach New York ging. Heye ist Autor mehrerer Bücher und bloggt vor allem zu den Themen Rassismus und Antisemitismus.


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