Atombombentest 1946

75 Jahre Hiroshima: Die atomwaffenfreie Welt bleibt ein fernes Ziel

75 Jahre nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 steht die Welt vor großen Bedrohungen. Die Weltuntergangsuhr, mit der internationale Atomwissenschaftler die Gefahren seit 1947 symbolisch darstellen, steht auf weniger als zwei Minuten vor Zwölf. Erstmals in diesem Jahr drücken die Wissenschaftler ihre Warnung in Sekunden aus: Nur mehr 100 Sekunden verbleiben angesichts der verschärften nuklearen Bedrohung, der Klimakatastrophe und zunehmender Desinformationskampagnen.

Die Opfer von Hiroshima und Nagasaki mahnen zu einem „Nie wieder“. 65.000 Menschen verdampften und verbrannten auf der Stelle, in den folgenden fünf Monaten starben mehr als 200.000. Bis heute leiden Opfer an den Spätfolgen. Und bis heute bedrohen weltweit noch immer mehr als 13.000 Nuklearwaffen die Menschheit. Darauf weist die Ärzteorganisation IPPNW hin und fordert die Bundesregierung auf, den UN-Vertrag für ein Verbot von Atomwaffen zu unterzeichnen. Mit der Ratifizierung des Vertrages durch Fidschi und Botswana im Juli sind dem Abkommen seit 2017 bereits 40 Länder beigetreten. 82 Staaten haben den Vertrag unterzeichnet und bereiten ihren Beitritt vor. Mit 50 Beitritten tritt das Abkommen in Kraft, womit voraussichtlich noch in diesem Jahr zu rechnen ist.

Ziel ist es, nach der Ächtung von biologischen und chemischen Waffen auch die atomaren Massenvernichtungswaffen weltweit zu bannen. Das angestrebte Verbot erstreckt sich auf die Herstellung, Anwendung und Lagerung nuklearer Sprengköpfe, bereits die Drohung mit einem Einsatz von Atombomben wäre ein Verstoß gegen internationales Recht. Doch die atomwaffenfreie Welt bleibt eine ferne Hoffnung. Die offiziellen Atommächte werden dem Vertrag nicht beitreten, im Gegenteil: Sie forcieren die atomare Rüstung, und mit der Aufkündigung der zentralen Abkommen zwischen Russland und den USA wächst die weltweite Atomkriegsgefahr.

Deutschland ist nicht nur als NATO-Partner Teil der nuklearen Strategie, sondern auch als Standort US-amerikanischer Atomwaffen. Dennoch steht es in der Debatte abseits. Sobald der Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag, Rolf Mützenich, die nukleare Teilhabe in Zweifel zieht, versucht der Koalitionspartner die Diskussion im Keim zu ersticken. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) will auf Biegen und Brechen neue Kampfjets in den USA ordern.

Das wirkt regelrecht liebedienerisch gegenüber dem unberechenbaren US-Präsidenten, der sich nun wirklich nicht als zuverlässiger Verbündeter gibt, Deutschland permanent zu höheren Rüstungsausgaben auffordert und nun einen Truppenabzug wie eine Strafaktion aussehen lassen will. Kein Wunder, dass der große Aufschrei über die vermeintliche Drohung ausbleibt. Die verbreitete Reaktion lautet vielmehr, mit dem Abzug der Soldaten die Atomwaffen in Büchel nicht zu vergessen.

Am Bundeswehr-Fliegerhorst Büchel in der Eifel finden regelmäßig Protestveranstaltungen statt, die von wachsendem zivilgesellschaftlichen Engagement getragen werden. Sie erinnern auch an die friedensfördernde Grundhaltung, der die Bundesregierung zuwider handelt. So lange in Deutschland Atomwaffen lagern, ist das Versprechen des Zwei-plus-Vier-Vertrags, von Deutschland werde nur Frieden ausgehen, nicht eingelöst, sagte die stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, die westfälische Präses Annette Kurschus, beim virtuellen Aktionstag im Juni. Dieses Versprechen zur deutschen Einheit sei auch so lange uneingelöst, „wie Jahr für Jahr in Deutschland produzierte Waffen Kriege und Bürgerkriege befeuern“.

In Büchel, einem kleinen Dorf zwischen Koblenz und Trier, bildet die deutsche Luftwaffe im Rahmen der NATO Piloten für den Einsatz mit den dort lagernden nuklearen Waffen aus. Kurschus erinnerte an das furchtbare Gewalt- und Vernichtungspotenzial, das von Nuklearwaffen ausgeht. Vor 75 Jahren haben Hiroshima und Nagasaki der Menschheit dieses Potenzial vor Augen geführt. Die zerstörerische Kraft moderner Atomwaffen ist um ein Vielfaches größer.

„Auch heute sind unsere Städte Ziele von Atomwaffen, die eine vielfache Zerstörungskraft derer von Hiroshima haben“, sagt etwa Dr. Lars Pohlmeier von der Internationalen Ärzteorganisation IPPNW. Und er appelliert: „Nur die Entschlossenheit zur völkerrechtlich geforderten Abschaffung der Atomwaffen gibt uns die Garantie, dass solche menschengemachte Zerstörung nie wieder geschieht.“

Bildquelle: Pixabay, Bild von WikiImages, Pixabay License

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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