Stalingrad 1943

75 Jahre nach dem Ende der Schlacht von Stalingrad

Die Geschichtsschreibung ist sich darin einig, dass die Sommeroffensive des Jahres 1942, mit der Hitler die Sowjetunion militärisch zerschlagen wollte, vom Ansatz her verfehlt und zum Scheitern verurteilt war. Nachdem im Sommer 1941 der deutsche Angriff vor Moskau zum Stillstand gekommen war, sollte jetzt, 1942, im Norden Leningrad und im Süden Stalingrad erobert werden, um von dort bis zum Kaukasus und dessen Erdölfeldern vorzudringen. Heute – und unzählige wissenschaftliche wie populärwissenschaftliche Untersuchungen und Darstellungen später – wissen wir, dass schon der deutsche Angriff auf die Sowjetunion im Jahr 1941 der Anfang vom Ende der größenwahnsinnigen und verbrecherischen Ziele Hitlers und seiner Generäle war. Je weiter nämlich die Wehrmacht nach Osten vordrang, umso weniger war sie in der Lage, die eroberten Gebiete besetzt zu halten und sich außerdem mit Nachschub zu versorgen. Heute wissen wir, dass der menschenverachtende und erbarmungslose Vernichtungskrieg, mit dem Hitler die Sowjetunion überzogen hatte, nur in die Katastrophe führen konnte.

Dies wissen wir in der Rückschau, aber damals erkannten es die Wenigsten. Ein in seiner Wirkung auf beiden Seiten äußerst symbolträchiges und wirkmächtiges Ereignis war dabei der „Untergang“ der 6. Armee in Stalingrad. In Deutschland wurde er – trotz aller gegenteiligen Propagandabemühungen – als Wendepunkt des Krieges, in der Sowjetunion als Beginn der Befreiung von deutscher Aggression und Besetzung verstanden. In Stalingrad saßen nach dem Beginn der russischen Gegenoffensive seit dem 22. November 1941 mindestens 250.000 Soldaten – deutsche, aber auch rumänische, kroatische und vor allem sowjetische, so genannte „Hilfswillige“ – in der Falle. Die von General Paulus, dem Oberbefehlshaber der 6. Armee, ausgegebene Parole: „Haltet aus, der Führer haut Euch raus!“ blieb eine hohle Phrase. Nach dem Ende der Kampfhandlungen Ende Januar/Anfang Februar 1943 gingen mehr als 100 000 überlebende deutsche Soldaten in Gefangenschaft. Davon sollten nach dem Krieg keine 6000 ihre Heimat wiedersehen. So erschreckend diese Zahlen für uns Deutsche bis heute sind, so wenig darf allerdings vergessen werden, dass die Opfer auf russischer Seite – Soldaten und Zivilbevölkerung – noch wesentlich höher waren.

75 Jahre danach ist die deutsche Niederlage in Stalingrad, das heute Wolgograd heißt, nur noch Geschichte. Geblieben ist der Mythos der Schlacht, den die Historiker immer wieder beschrieben und mit seiner Wirklichkeit zu kontrastieren versucht haben. Auf russischer Seite wird der Heldenmythos, der Sieg der Roten Armee über die faschistischen deutschen Aggressoren, nach wie vor gepflegt. Und das Bild Stalins ist bis zum heutigen Tage auf das Engste verwoben mit dem Schicksal der Stadt, die seit 1925 seinen Namen trug. Die Erinnerung an die Schlacht von Stalingrad ist vor diesem Hintergrund keine historische Pflichtübung. Vielmehr kann und muss sie sowohl auf deutscher wie auf russischer Seite helfen, die gegenseitigen Schuldzuweisungen, so berechtigt sie im Einzelnen sein mögen, zu überwinden. Der Abgrund, in den auf beiden Seiten der gemeine Soldat genauso wie die Zivilbevölkerung geblickt haben, war so tief, dass sich eigentlich jede Instrumentalisierung verbieten sollte. Deshalb kann man nur hoffen, dass sich das kommende 75jährige Gedenken an das Ende der Schlacht von Stalingrad nicht dem Mythos, sondern der Wirklichleit dieser Katastrophe widmet.

Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 183-W0506-316 / Georgii Zelma / CC-BY-SA 3.0, via Wikipedia

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Jürgen Brautmeier

Der Historiker war bis 2016 Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt und von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Landesmedienanstalten. Heute lehrt er als Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Geschichte sowie Kommunikations-und Medienwissenschaft.


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