Die Aufregung ist groß. „Das Herz von Köln schlägt nicht mehr gratis“, trauerte der Stadtanzeiger, als bekannt wurde, dass der Besuch im Dom demnächst einen Preis hat. Zwölf Euro Eintritt für alle (Kinder ausgenommen), die das berühmte Weltkulturerbe am Rhein nicht als Betende aufsuchen, sondern als Staunende oder Touristen besichtigen wollen.
Über Monate hatte das Domkapitel beraten, sah aber keine Möglichkeit mehr, das bekannteste Bauwerk Deutschlands, eines der berühmtesten Gotteshäuser der Welt, ohne die Zahlung von Eintrittsgeldern erhalten zu können. Die „ewige Baustelle“ verschlingt Geld, viel Geld. Mehrere Millionen im Jahr. Allein die Arbeit der Dom-Schweizer und die Reinigung kosten täglich über 40 000 Euro. Zehntausende Besucher am Tag hinterlassen in dem meist besuchten Bauwerk der Welt ihre Spuren.
Alle Appelle, alle Bitten um Spenden, alle Ideen um originelle Unterstützung für den Dom reichten nicht. Zwar werben viele regionale Unternehmen und Initiativen mit dem Dom als Logo für ihre Produkte und ihre Attraktivität, aber kosten lassen wollen sie sich diese Werbung wenig bis nichts.
Die Not der Verantwortlichen ist also groß. Unbestritten. Aber zwölf Euro sind ein stolzer Preis. Für Touristen aus aller Welt, die das gotische Kunstwerk einmal im Leben bestaunen wollen, zu verschmerzen. Die Kölner jedoch finden, dass ein Gang in den Dom Minuten des Innenhaltens sind, für sie ein Lebensgefühl. Ob sie gläubig sind oder nicht, der Dom gehört zu ihnen wie der Rhein oder ein Kölsch.
Vielen geht es wie dem bekannten Kölner Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff. Er gehe manchmal spontan in den Dom, sagte er dem Kölner Stadtanzeiger. Das sei kein klassischer touristischer Besuch, aber auch kein Beten im strengeren Sinne. Letzteres soll in Zukunft ja kostenlos bleiben.
„Der Dom“, schrieb ein Leser der Zeitung, „ist mehr als nur ein Bauwerk – er ist zentraler Bestandteil des ‚Kölschen Gefühls‘. Daher darf dieser Sakralbau, diese Jahrhundertealte Wallfahrtstätte und das Grabmal der Heiligen Drei Könige nicht durch ein Eintrittsgeld entweiht werden.“
Eine etwas kuriose, aber nicht von der Hand zuweisende Begründung für die auch durch den Over-Tourismus entstandenen Probleme der Dom-Erhaltung hat Domdechant Robert Kleine parat. Das Wahrzeichen der Stadt steht einfach an der falschen Stelle. Direkt neben dem Bahnhof sei er ein Einfallstor für jeden, der in die Stadt kommt. Kleine schwärmt von der idyllischen Lage des wunderbaren Bamberger Doms, der für Touristen und Pilger erst durch eine Wanderung zum Hügel am Rande der Bamberger Altstadt erreichbar ist.
Die direkte Lage neben dem Hauptbahnhof: Das ist die späte Rache der Preußen an den oft widerborstigen Rheinländern. Denn als sich der Preußenkönig Wilhelm IV. Mitte des 19. Jahrhunderts entschloss, die Fertigstellung des Doms zu unterstützen, formulierte er eine Bedingung: neben dem Zeichen kirchlicher Macht müsse in unmittelbarer Umgebung als Monument der weltlichen preußischen Macht der Bahnhof mit der Zufahrt über die Hohenzollernbrücke gebaut werden. „Ich wünsche mir“, so der Preußenkönig, „in geradliniger Achse direkt auf den Dom zufahren zu dürfen.“
So umstritten die jetzige Eintrittsgebühr sein mag: die Kölner wissen wenigstens, wer für das Dilemma ursprünglich verantwortlich ist. Preußens Herrscher haben ihnen den weltweiten Massenandrang auf ihr Stück Heimat eingebrockt.
Der Kölner Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll (1917–1985) hat es schon immer gewusst. Er schätzte den Kölner Dom nur bedingt. Denn, so wird Böll zitiert: „Der Dom, wie wir ihn heute kennen, ist doch ein Produkt von preußischem Machtstreben. Seine Fertigstellung sollte eine Duftmarke der Hohenzollern zur Beherrschung des rheinischen Territoriums sein.“
Bildquelle: Zeichnung vom Niehler Wochenmarkt: Wolfgang Schieffer (Waldmaler.de)












