Am 4. Juli feiern die Vereinigten Staaten von Amerika ihren 250. Geburtstag. Für mich ist das mit vielen persönlichen Gedanken und Erinnerungen verbunden. Amerika war immer das Land meiner Träume. Wahrscheinlich hängt dies zusammen mit der Tatsache, dass mein Patenonkel, der jüngste Bruder meiner Mutter, in den 1960er Jahren als junger Mann nach Amerika ausgewandert ist und mich mit einer Postkarte an meine Familie aufforderte, ihn bald zu besuchen. Ich war damals 14 oder 15 Jahre alt. Er war studierter Bergbauingenieur und sah seine berufliche Zukunft nicht im Ruhrgebiet, sondern in den USA.
Nach meinem Abitur und meinem Wehrdienst wollte ich ihn dann auch erstmals besuchen. Mit drei Freunden unternahm ich eine zehnwöchige Rundreise durch die USA, auf der wir bei ihm vorbeikommen wollten. Dies war im Sommer 1975, ein Jahr vor dem Bicentennial, der Zweihundertjahrfeier der USA. Die Rundreise war großartig, aber der Onkel war wie jedes Jahr im Sommer in der alten Heimat, und wir konnten ihn nicht besuchen. Zehn Wochen fuhren wir mit einem amerikanischen Straßenkreuzer, einem Oldsmobile Delta 88, von Küste zur Küste, von New York nach Kalifornien, vom Grand Canyon nach New Orleans, auf die Florida Keys und zurück nach New York. Fantastische Landschaften, die beeindruckten, Menschen, die offen und freundlich waren, bleibende Eindrücke, die meine Liebe zu Amerika nur vertieften.
Fast hätte ich auch ein Studienjahr oder mehr in Amerika verbracht. Nach meinem Staatsexamen wollte ich über amerikanische Außenpolitik promovieren und hatte dazu ein Forschungsstipendium und die Zusage für einen Studienplatz an der Georgetown-Universität in Washington. Leider hat sich das Thema aber zerschlagen, das Studium an der School of Foreign Service in Washington habe ich nicht aufgenommen. Vielleicht wäre ich dann ja, wie so viele andere, dort hängen geblieben oder hätte meine ersten beruflichen Erfahrungen in den USA gemacht. Dann hätte ich aber auch meine spätere Frau nicht kennengelernt oder meinen Töchtern meine Liebe zu Amerika nicht weitergeben können.
Damals konnte ich noch nicht wissen, dass mich dieses Land immer wieder anziehen sollte. Beruflich und privat war ich fast regelmäßig dort, mit Kolleginnen und Kollegen, mit einem Cousin, mit meiner Frau und unserer kleinen Tochter, die wir im Alter von anderthalb Jahren mit nach „Memeta“ nahmen. Dabei war es auch immer wieder möglich, den Onkel zu besuchen. Er hatte zwischenzeitlich geheiratet, und seine Frau war immer eine liebevolle Gastgeberin. Die späte Heirat – er war 50 – hatte er übrigens seiner Verwandtschaft in Deutschland per Postkarte aus Hawaii mitgeteilt, mit dem Bild einer Palmenkapelle und dem trockenen Satz: „In dieser Kapelle haben wir geheiratet.“ Sein Beruf brachte es mit sich, dass er häufiger seine Stellung wechselte; von West Virginia über Oklahoma, Colorado und New Mexiko zogen er und seine Frau, wie so viele amerikanische Rentner, schließlich nach Florida.
Über ihn bekam ich auch eine Reihe von Briefen und Brieffragmenten in die Hand, die belegen, dass Vorfahren unserer Familie in den 1880er Jahren nach Amerika ausgewandert sind. Es waren Kleinbauern aus Ostwestfalen, die über Bremen nach Nebraska auswanderten und sich dort eine neue Existenz aufbauten. Sieben von acht Kindern wanderten mit aus, nur der Großvater meines Onkels, mein Urgroßvater, war gerade beim Militär und ließ sich trotz eindringlicher Bitten und Verlockungen nicht dazu verleiten, später seinen Eltern und Geschwistern in die neue Welt zu folgen: Weder meinen Onkel noch mich hätte es gegeben, wenn er in das Land von Freiheit und Abenteuer gegangen wäre. Die Briefe der Auswanderer waren für mich der Auslöser für vertiefte Forschungen und einige Veröffentlichungen zur Amerika-Auswanderung im 19. Jahrhundert. Dazu habe ich auch vor Ort nach Spuren gesucht und einen Aufsatz mit dem schönen Titel „Acht Gräber in Texas“ veröffentlicht, denn dort ist die Familie, der es in Nebraska zu unwirtlich war, am Ende gelandet.
Zu unwirtlich wurde es meinem Onkel und seiner Frau, die keine Kinder hatten, schließlich auch in Florida. Sie wohnten im Nordwesten Floridas in unmittelbarer Küstennähe und hatten im Alter mehr und mehr Angst vor den regelmäßig durchziehenden Tropenstürmen. Ihr Haus war, wie die meisten anderen dort auch, eine Holzkonstruktion, die ohne Keller gebaut war und einem Hurricane, dessen Bahn man nie voraussagen kann, im Ernstfall nicht gewachsen wäre. Onkel und Tante sind deshalb 2021 nach Deutschland und in den Geburtsort meines Onkels zurückgekommen. Beide sind vor kurzem leider gestorben. Das hat für mich als ihr Nachlassverwalter viele Kontakte mit Banken, Versicherungen und Notaren in Florida mit sich gebracht, die heutzutage Gott sei Dank auch aus der Ferne erledigt werden können. Was dabei Callcenter an Zeit und Nerven kosten, ist eine eigene Geschichte. Den Verkauf von Haus und Auto in Florida haben wir übrigens online abwickeln können.
Meine Liebe zu Amerika wurde im Jahr 2016 auf eine harte Probe gestellt. Im Dezember dieses Jahres verunglückte meine Tochter zusammen mit ihrem Freund, der dort studierte und den sie besuchte, auf einer Fahrt zum Grand Canyon mit ihrem Auto. In Flagstaff, Arizona, wurde sie schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Ich bin dorthin geflogen und habe erlebt, wie sie auf der Intensivstation lag und wir um ihr Leben bangen mussten. Gott sei Dank hat sie dank der Kunst der amerikanischen Ärzte überlebt und keine bleibenden Schäden davongetragen. Seitdem ist Amerika für mich aber überschattet von diesem dramatischen Ereignis.
Im Zuge der Familienforschung konnte ich auch Kontakt aufnehmen zu den Nachfahren der Auswanderer aus meiner Familie. Sie wussten relativ wenig über ihre eigene Geschichte und waren deshalb sehr dankbar, dass sich in der alten Heimat jemand mit dem Thema beschäftigte. Auf einer meiner Reisen konnte ich sogar eine Nachfahrin treffen, die vom Aussehen her nahtlos in die Reihe meiner Tanten mütterlicherseits gepasst hätte. Mit Ihrer Hilfe konnte ich den Familienstammbaum gewaltig erweitern. Ein Treffen mit meinem Onkel ist leider nicht zustande gekommen, schade!
Was ich nicht herausbekommen habe, ist die Herkunft eines Auswanderers, der meinen Nachnamen trug, also möglicherweise aus dem väterlichen Zweig meiner Familie stammte. Ein Henry Brautmyer findet sich in der ersten Volkszählung der USA aus dem Jahr 1790. In den dortigen Kirchenbüchern taucht der Name sogar in der Schreibweise Brautmeier auf, nämlich bei der Taufe von einer der insgesamt sieben Töchter – weshalb sich der Name in Amerika nicht fortgepflanzt hat. Die Familie lebte im Lancaster County in Pennsylvania, wobei die genauere Herkunft aus Deutschland allerdings unbekannt ist. Belegt ist die Taufe der ersten Tochter im Sommer des Jahres 1782; also war Henry Brautmeier schon vor dem Ende des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs in Pennsylvania ansässig. Ob er aus Westfalen stammte, ob er freiwillig ausgewandert oder ob er als Soldat mit hessischen Truppen in die Kolonien geschickt worden ist, kann man nur spekulieren. Die Unabhängigkeitserklärung und die Beendigung des Krieges mit Großbritannien im Jahre 1883 hat er auf jeden Fall miterlebt.
Apropos Auswanderung: Im Gegensatz zu meinem Urgroßvater, der seinen Militärdienst abgeleistet hat, gab es einen anderen jungen Mann, der sich der Wehrpflicht entzog: Der Großvater von Donald Trump, dem 47. Präsidenten der USA, ist unerlaubt ausgewandert und konnte deshalb nicht zurück, als er mit seiner Frau wieder in die pfälzische Heimat wollte. Die königlich bayerischen Behörden verweigerten seine Wiedereinbürgerung. Das ist eigentlich ein Treppenwitz der Geschichte, denn den USA und der Welt wäre viel erspart geblieben, wenn Donald Trump nicht in New York, sondern vielleicht in Kallstadt, der Heimat seines Großvaters, zur Welt gekommen wäre. Die ganze Welt könnte viel freudiger und gelassener auf die anstehenden 250-Jahr-Feiern blicken. Dumm gelaufen!
So schön meine Erinnerungen an meine Erlebnisse in den USA und meine Verbindungen dahin sind, so wenig sehe ich gegenwärtig mit Freude auf die dortigen politischen Entwicklungen. Das Land meiner Träume ist noch nicht das Land meiner Albträume, aber wenn ich an die Nachkommen meiner ausgewanderten Vorfahren denke und an die Menschen, mit denen ich auf meinen vielfältigen Reisen Kontakt hatte, dann kann ich nur Trauer empfinden. Mein Onkel hat sich auch deshalb nicht zurück nach Amerika gesehnt, weil er zwar immer die Republikanische Partei gewählt, aber Donald Trump für verrückt gehalten hat. Den 4. Juli hätte er angesichts der vielen amerikanischen Flaggen und der Pro-Trump-Schilder in den Vorgärten seiner Nachbarn nicht genossen. Ob er seine Auswanderung in die USA in den 1960er Jahren jemals bereut hat, weiß ich nicht. Geschimpft hat er auf Trump auf jeden Fall. Dazu gehörte, dass er den Namen nicht auf amerikanisch, sondern auf deutsch aussprach!












