„Von Deutschland ist nichts mehr übrig. Nicht einmal im Elfmeterschießen“. Kommentiert die spanische Zeitung „Marca“. Und in der Tat sieht das Land, das einst Exportweltmeister war, weil das Made in Germany die Trumpfkarte war der deutschen Industrie, sehr alt aus nach dem blamablen Scheitern bei der Fußball-WM gegen Paraguay in Boston, gegen einen Fußball-Zwerg, der den einstigen Fußball-Riesen mit immerhin vier WM-Titeln in die Knie zwang. Blamage, Desaster, keine Beschreibung ist hart genug und trifft zugleich den Spott, der uns kübelweise über den Kopf geschüttet wird. Deutschland ist raus bei der WM. Oder spöttisch: Wir sind fein raus, unsere Spieler, Trainer und Funktionäre können es den Italienern gleich tun und sich an den Strand legen. Endlich Urlaub, wie die Türken ihn vorzeitig haben, die Niederländer. Verdient, oder? Sie können sich jetzt ohne jeden Stress die weiteren Spiele anschauen, der Franzosen, der Spanier, der Argentinier.
Ja, wo sind wir gelandet? Das dritte Mal vorzeitig ausgeschieden. 2018 in Russland, 2022 in Katar, 2026 in den USA. Der viermalige Weltmeister von 1954, 1974, 1990, 2014. Zweiter wurden wir 1966 in England im denkwürdigen Finale im Wembley-Stadion zu London, über das dritte Tor, das keines war, wird heute noch gestritten. Den Namen des Schiedsrichters Dienst kennt fast jeder deutsche Fußball-Fan. Ja, wir waren oft in den Finals oder zumindest beim Spiel um Platz drei dabei. 1982 waren wir Zweiter wie vier Jahre später 1986, wie auch 2002 in Seoul. Den dritten Platz gewannen wir 1970 in Mexiko, 2006 bei der Heim-WM, 2010 bei der WM in Südafrika, 1958 in Schweden verlor Deutschland gegen Frankreich im Spiel um Platz 3 mit 3:6.
Ein Absturz sondergleichen
Ein solcher Absturz, der sich seit Jahren abzeichnete, ist einmalig. Die Welt schüttelt den Kopf über Deutschland. Der Deutsche Fußballbund hat über acht Millionen Mitglieder, 24000 Vereine. Er ist der größte Verband der Welt. Und raus bei der größten WM aller Zeiten.
2026. Ausgeschieden in der ersten Ko-Runde. Gegen Paraguay. Ich muss das wiederholen, weil es eigentlich nicht zu glauben ist. Ausgeschieden im Elfmeterschießen, der Parade-Disziplin der deutschen Kicker. Immer, wenn es Ernst wurde, waren sie da, notfalls in der Verlängerung, beim Elfmeterschießen. Vorbei dieser Mythos. Wie sagte einst der große englische Fußballspieler Gary Lineker: „22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“ Von wegen! Deutschland mag vor vielen Jahren ein Schreckgespenst für manche andere Fußball-Nation gewesen sein, seit Jahren sind wir nur noch der Wunschgegner. Gegen uns gewinnt fast jeder. Erst Curacao(rund 160000 Einwohner), jetzt Paraguay(7,1 Millionen Einwohner). Und gegen die Elfenbeinküste haben wir es gerade noch gepackt, mit viel Glück.
Fußball sollte eigentlich die schönste Nebensache der Welt sein. Das ist auch längst vorbei, seitdem mit dem runden Leder( der Ball ist aus Kunststoff) Milliarden Dollar verdient werden, wie gerade diese WM in Mexiko, Kanada und den USA zeigt. Umgekehrt verlieren die Deutschen, der DFB, Millionen, weil sie so früh ausgeschieden sind. Fußball, das ist auch Politik. Früher flogen die deutschen Kanzler zum Endspiel einer Fußball WM, sie zeigten sich mit den erfolgreichen Kickern in der Kabine und drückten die verschwitzten Spieler an ihre Brust. Das hat sich erledigt, seit Deutschland traditionell früh ausscheidet.
Die deutsche Maschine, wurde die Nationalmannschaft mal genannt, weil sie lief und lief wie ein VW oder ein Mercedes, aber die deutsche Maschine läuft nicht mehr, der Motor stottert nicht mal mehr, er ist abgewürgt. Spiegelbild der Lage der deutschen Produkte in der Welt, die Automobilindustrie muss kämpfen, China ist auf der Überholspur. Dabei sind die Chinesen bei der Fußball-WM gar nicht dabei. Noch nicht. Warten wir es ab!
Weil ich keine Ahnung habe
Ich gebe es zu, ich habe kurz vor der WM geschrieben, die deutsche Mannschaft werde das Halbfinale erreichen. Ja, lachen Sie nur über meinen Fußball-Verstand, meinetwegen verurteilen Sie mich, weil ich keine Ahnung habe. Gespielt habe ich, ganz ordentlich, aber natürlich nicht in den höheren Regionen. Ich habe so manchen Fußballkampf im Fernsehen gesehen, darunter das Endspiel 1954 mit Fritz Walter, Helmut Rahn, im Berner Wankdorf Stadion. Damals führten die Ungarn mit Puskas und Czibor schnell 2:0, aber die Deutschen gaben sich nicht geschlagen, holten auf dank der Tore von Morlok und Rahn, der dann das 3.2 schoss. Der ältere Zuschauer wird sich erinnern an den Reporter Zimmermann, wie er die Szene schilderte mit seiner bebenden Stimme: „Rahn müsste schießen, Rahn schießt, Tor, Tor.“ Auch 20 Jahre später lag Deutschland im Endspiel in München zurück gegen Holland, Berti Vogts hatte einen Holländer gefoult, Elfmeter, 1:0 für die Niederlange mit Johan Cruyff und Johan Neeskens. Am Ende gewann Deutschland dank Gerd Müller mit 2.1.
Wir müssen vieles vergessen, war wir gelernt haben. Deutschland war eine Turniermannschaft, die im Laufe eines Turniers über sich hinaus wuchs, die deutschen Tugenden waren gefürchtet: Kampf, Ehrgeiz, Disziplin, Mannschaftsgeist, heute verwenden die Reporter gern den Begriff der Körperlichkeit. 1990 besiegte die deutsche Mannschaft mit Rudi Völler, Lothar Matthäus und Andreas Brehme Argentinien mit 1:0 im Endspiel in Rom. Brehme verwandelte den Elfmeter. 2014 war es der Dortmunder Mario Götze, der das Siegtor schoss. Reporter Tom Bartels schrie ins Mikrophon: „Mach ihn. “ Und der körperlich kleine Götze nahm den Ball mit der Brust und versenkte ihn unnachahmlich im Tor der Südamerikaner.
Vorbei diese Geschichten, die heute klingen, als würde Opa vom Krieg erzählen. Beim heutigen Fußball spielt Deutschland vorerst keine Rolle mehr. Ausgeschieden in der längsten WM, die, wenn man die Fifa und ihren Präsidenten richtig einschätzt, beim nächsten Mal noch längen dauern könnte. Es scheint sich zu lohnen, die Jagd nach den Dollars. Die Journalisten berichten, dass unter den Experten des Senders Fox kein deutscher Experte dabei sei, selbst bei der Fußball-Deko sei schwarz-rot-gold kaum zu finden. Wir sind nicht gefragt.
Nagelsmann ist schuld?
Natürlich wird die Schuldfrage gestellt, natürlich fällt unter den 84 Millionen Fußball-Experten auch der Name des Bundestrainers Nagelsmann, der aber zunächst betont hatte, er denke nicht an Rücktritt. Er hat Vertrag, aber was heißt das schon bei des Deutschen liebsten Kind, dem Fußball, wenn wir nicht mehr dabei sind. Natürlich können wir behaupten, der Schiedsrichter habe uns die Punkte geklaut, weil der Treffer von Tah regelgerecht gewesen wäre. Von Otto Rehhagel habe ich einst gelernt: Tor ist, wenn der Schiedsrichter pfeift. Es hilft nichts, darüber zu diskutieren, es half ja auch 2024 nichts, als der Spanier Cucurella einen deutschen Schuss mit der Hand im Strafraum abwehrte und der Pfeifenmann den fälligen Elfer uns verwehrte. Spanien gewann das Spiel, Deutschland mit Toni Kroos war bei der Heim-EM ausgeschieden. Es hilft auch nicht weiter, dass dieser spanische Verteidiger Cucurella immer dann, wenn er auf deutschem Boden Fußball spielt, ausgepfiffen wird. Als habe er uns den Titel geklaut. Wenn, dann war es der Schiri.
Ja, in Ausreden im Falle eines Scheiterns sind wir immer noch groß. Zum Beispiel hält sich die Mär, die Haltung der Spieler zu Menschenrechtsfragen in Katar habe mit dem Aus Deutschlands in der Vorrunde zu tun. Die Wahrheit liegt auf dem Platz, so ähnlich hat es die BVB-Legende Adi Preissler vor Jahrzehnten philosophiert.(Entscheidend is aufm Platz) Und auf dem Platz haben unsere Jungs, wie gern über die Jung-Millionäre gesagt wird, schlecht gespielt und verloren. Verdient. Die anderen waren besser. Auch dieses Mal. Ich bin bei Halbzeit-es stand 1:0 für Paraguay- ins Bett gegangen. Die Deutschen hatten wirklich miserabel gespielt, immer um den Straffraum des Gegners rum, es fiel in den ersten 45 Minuten nach meiner Erinnerung nur ein Schuss auf des Gegners Tor und der ging meterhoch drüber. Man fragt sich natürlich, wo die Fehler liegen, die Versäumnisse, dass es keine echten Mittelstürmer mehr gibt im Land der Uwe Seelers, Gerd Müllers, Klaus Fischers, Rudi Völlers, Jürgen Klinsmanns, Miroslaw Kloses? Dass es keine Verteidiger mehr gibt von der Klasse eines Karl-Heinz Schnellinger. Werden deutsche Kicker nur noch als Dribbler ausgebildet? Man fragt nach dem Mannschaftsgeist der Fußballer, danach, dass jeder für den anderen mitläuft, mitverteidigt, dass jeder dem anderen hilft, wenn er in Schwierigkeiten gerät. Ich habe den Kampfgeist der Deutschen nicht erkennen können.
Dass der FC Bayern international weit vordringt, hängt damit zusammen, dass der reichste deutsche Klub über die finanziellen Mittel verfügt, um mal eben einen Kane zu kaufen für 100 Millionen Euro. Oder einen Olise. Oder. Den Champions-League-Titel gewann PSG. Die Franzosen sind auch jetzt Favoriten auf den Titel.
Der Kanzler ist stolz auf die deutsche Elf
Ja, es stimmt, was ein Freund zum Ausscheiden der Deutschen bei der WM sagte: „Wir kriegen nichts mehr gebacken.“ Die Deutsche Bahn steht sinnbildlich für den
Abstieg des Landes im Ranking der Welt, man nehme die Brücken, die kaputt sind und gesperrt wie die Nordbrücke in Bonn, man nehme Stuttgart 21, den teuersten Bahnhof in der Geschichte, der einfach nicht fertig werden soll. Man nehme die Pleiten der Firmen oder -politisch- die Niederlage Deutschland in New York vor wenigen Wochen, als es um einen nicht ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat ging. Österreich und Portugal siegten, Deutschland, das große Deutschland unterlag. Der Kanzler Merz mag auf eine gute Nachricht vom Fußball gehofft haben, auf ein Tor für Deutschland, einen Sieg, den man bejubelt. Aber der Ball lag auf dem Elfmeterpunkt, mehrfach, die Kicker konnten ihn nicht verwandeln. Schade.
Aber auch Merz traf nicht ins Netz, sondern erntete Spott wegen seiner Erklärung nach Mitternacht: „Erfolge feiern wir gemeinsam. Und in der Niederlage stehen wir zusammen. Das macht uns stark.“ Wer den Adler auf der Brust trage, habe Rückhalt verdient und keinen Spott. Wenn er damit mal nicht wieder verbal daneben greift. Wobei einzuräumen ist, dass die erste verbreitete Version noch lächerlicher war: „Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel?“ Hatte der Kanzler in der Mediathek das Endspiel 2014 gesehen? Und weiter hieß es: „Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt Ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“ Einspruch, Herr Bundeskanzler: Mich haben sie nicht begeistert, und von Stolz kann nun wirklich keine Rede sein.
Früher war alles besser? An diesem Spruch kann man sich die Finger verbrennen wie die Sonne den Rasen. Weil gerade so etwas wie eine Merkel-Nostalgie das Land befällt und man die Bilder der jubelnden Kanzlerin 2014 noch gut in Erinnerung hat. Damals war der Fußball besser, wie erwähnt wurde Deutschland Weltmeister. Doch die Politik? Die Altkanzlerin mag sich im Licht des Sommermärchens gut fühlen, aber zu ihrem Erbe gehören auch die verfehlte Russland-Politik, die versäumten Sozialreformen, eine Bundeswehr, die quasi auf Null gefahren wurde, weil wir ja angeblich von Freunden umzingelt waren, eine total marode Infrastruktur. Das Kanzlerin-Porträt ist enthüllt worden. So weit so gut und richtig. Aber dass die Probleme der Jetztzeit ihre Wurzeln in der Vergangenheit haben, eben auch in den 16 Merkel-Kanzler-Jahren, daran besteht kein Zweifel. Und auch nicht, dass die heutige Regierung Merz/Klingbeil diese ausbaden müssen. Gemessen daran ist der Fußball wirklich nur eine schöne Nebensache. Hätten wir gegen Paraguay gewonnen, es wäre eine schöne Nachricht gewesen für uns alle. Hätte, hätte Fahrradkette.












