Buchtitel

Ahmet Altan- der Mut gegen den Diktator. Er sitzt wieder im Gefängnis.

Wer ihn liest, zieht den Hut vor seinem Mut gegenüber dem Mächtigen in der Türkei, vor dem er nicht in die Knie geht, sondern den Herrscher einfach weiter seine eigene Macht spüren lässt: Seine Sprache, die durch die Gefängnismauern dringt, Mauern, die ihm den Geist nicht nehmen können. „Die mich hier eingesperrt haben, mögen die Macht dazu besitzen. Doch mich im Gefängnis festzuhalten, dazu reicht ihre Macht nicht.“ So hat es Ahmet Altan geschrieben, der große türkische Autor und Journalist, den sie verurteilt und eingesperrt, dann kurzzeitig freigelassen und jetzt wieder hinter Gitter verschlossen haben. Geschrieben hat er es in seinem kleinen Büchlein, das er im Gefängnis geschrieben hat, das ihm die Kraft dazu nicht rauben konnte. „Lasst ihn frei!“, forderte der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamut, Ankara müsse zur Rechtsstaatlichkeit zurückkehren.

Das wird Erdogan nicht tun, weil er ganz offensichtlich eigene Vorstellungen von seinem Staat und dem dort geltenden Recht, das mit unseren, den europäischen Wertvorstellungen nichts zu tun hat. Ich frage mich schon lange, warum dieser autoritäre Politiker Mitglied der EU werden will, denn dort hat er nichts zu suchen. Ich frage mich auch, warum er Mitglied der Nato ist, die zwar ein militärisches Bündnis ist, das aber einst auch aus Wertvorstellungen heraus initiiert wurde, das atlantische Bündnis, eine Allianz der freien westlichen Welt.

„Ich bin Schriftsteller“, so Ahmet Altan in seinem Werk „Ich werde die Welt nie wiedersehen“, für das er den diesjährigen Geschwister-Scholl-Preis erhält. Warten wir mal ab, ob er ihn in Empfang nehmen kann, ob der Diktator in Ankara ihn reisen lässt. „Ihr könnt mich einsperren,“ ruft er den Herrschern entgegen, die meinen, ihn mundtot machen, ihn kleinkriegen zu können, „wo immer ihr wollt. Auf den Flügeln meiner unendlichen Vorstellungskraft werde ich die ganze Welt bereisen“. Geschrieben hinter Gefängnismauern, in einem düsteren Verließ. „In einer Gefängniszelle eingesperrt, bereise ich die ganze Welt“, schreibt er, als könnte er diese Mauern einfach durchbrechen.

„Ihr könnt mich ins Gefängnis stecken, doch ihr könnt mich dort nicht festhaltenn.“ Das muss einen Erdogan, der gar nicht weiß, welchen intellektuellen Schatz er eingesperrt hat, der sich nur fürchtet vor der Macht der Worte, die er nicht kennt. Seine Macht ist die Gewalt, die Knute, einen Sinn für die Feinheit der Sprache hat er nicht. Nein, muss dieser Erdogan lesen, dass er diesen Ahmet Altan nicht zum Schwiegen bringen kann. „Außerdem habe ich überall auf der Welt Freunde, die mir beim Reisen helfen, wobei ich die meisten von ihnen überhaupt nicht kenne“, dichtet der Mann aus dem Gefängnis, gerade so, als gäbe es für einen Schriftsteller diese Mauern und Gitter nicht. „Jedes Auge, das meine Zeilen liest, jede Stimme, die meinen Namen nennt, nimmt mich wie eine kleine Wolke bei der Hand und fliegt mit mir über weite Ebenen, Wälder, Quellen, Meere, Städte und Straßen. Ohne große Worte gewähren meine Freunde mir Gastrecht in ihren Häusern, Sälen und Zimmern.“

Mit Zaubermacht durch Mauern

Ihr könnt mich einsperren, ins Gefängnis stecken, doch ihr könnt mich nicht kleinkriegen, ist seine Botschaft aus dem Gefängnis. „Weil ich die Zaubermacht besitze, die allen Schriftstellern eigen ist. Ich kann mühelos durch Wände gehen.“ Welch eine Kraft der Worte, welch Zuversicht. „Ich vergnüge mich damit, wie auf einer Schaukel zwischen Schizophrenie und Autorschaft hin- und herzuschwingen. Ich erhebe mich in die Luft wie ein Rauch und stehle mich aus dem Gefängnis, begleitet von den Menschen, die bisher nur in meinen Gedanken leben.“ Dabei ist das Gefängnis, in das sie den Schriftsteller Ahmet Altan gesteckt haben, keine Wohlfühloase. Man ahnt die Qualen, die einer wie er erdulden muss, wenn man davon liest, „wie mein Vater lächelte, als er vor 45 Jahren in einem Polizeiauto davonfuhr, und hätte ich nicht von ihm gehört, wie der Botschafter Karthagos seine Hand ins Feuer hielt, als man ihm mit der Folter drohte; hätte ich mich nicht daran erinnert, wie Seneca seine Freunde tröstete, während er auf Neros Befehl hin in einer mit heißem Wasser gefüllten Wanne sitzend seine Pulsadern durchtrennte… und wenn ich nicht davon gelesen hätte, dass Boethius sein wichtigstes Buch in der Todeszelle verfasst hatte, dann hätte ich mich in jenem Polizeiauto vor den mich bedrängenden Realitäten fürchten müssen und nicht die Kraft in mir gefunden, mich über diese lustig zu machen und sie dadurch zu zerschmettern.“

Der Leser des Buches erinnert sich an die ersten Zeilen des Werks „Ich werde die Welt nicht wiedersehen“, als Ahmet Altan schildert, wie er wie „alle Oppositionellen in meinem Land ..jede Nacht zu Bett ging in der Erwartung, dass im Morgengrauen an meiner Tür geläutet würde“. Und dann wurde geläutet, als die Anzeige der elektronischen Uhr 5.42 Uhr blinkte und verlosch. Die Polizei, dachte ich. Ich wusste, dass sie kommen würden. Nun waren sie gekommen.“ Seine Kleidung hatte er hergerichtet: „eine weite schwarze Leinenhose, die ohne Gürtel auskam, weil der Bund von innen mit einer Kordel zusammengehalten wurde; kurze, bis zu den Fußgelenken reichende schwarze Socken, bequeme Sportschuhe, ein leichtes baumwollenes T-Shirt und ein dunkles Hemd.“

Warum sie ihn verhaftet hatten, damals vor Jahren: er hatte in einer Talkshow kurz vor dem Putschversuch im Juli 2016 gesagt: „Die AKP wird ihre Macht verlieren, und sie wird vor Gericht gestellt werden“. Die AKP ist die Partei Erdogans, seine Aussage wurde vor Gericht als „unterschwellige Botschaft“ an die Gülen-Bewegung bewertet, die die Regierung Erdogan für den Putschversuch verantwortlich gemacht hat. Der Autor verteidigte sich mit den Worten, er habe nur für einen Machtwechsel durch Wahlen plädiert. Vergeblich. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, die Strafe wurde dann auf zehn und sechs Monaten Haft reduziert, der Vorwurf: Unterstützung einer Terrororganisation, ein absurdes Urteil. Dann durfte er die Zelle im Hochsicherheitsgefängnis unter Auflagen verlassen und jetzt hat man ihn wieder eingesperrt, weil dieser furchtlose Autor trotz des auf ihn ausgeübten Drucks Staat und Regierung weiter kritisiert habe. Literaturnobelpreisträger Pamuk stellte fest, dass es nicht akzeptabel sei, dass das Recht auf diese Art missachtet werde. Pamuk sprach von systematischer Ungerechtigkeit gegen Altan. Wenn man dazu schweige, sei das beschämend.

Geistige Unabhängigkeit und Widerstehen, Charakterzüge Ahmet Altans, für die er von der Jury für den Geschwister-Scholl-Preis gerühmt wurde, sind halt mehr als ein Dorn im Auge des diktatorischen Betrachters.

Ahmet Altan: Ich werde die Welt nie wiedersehen. S.Fischer-Verlag, Frankfurt 2019. 173 Seiten. 12 Euro.

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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