Berlin Alexanderplatz 1920

Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz

Ein Klassiker, vor bald 100 Jahren geschrieben (Ersterscheinung 1929), jedoch mitunter von erstaunlicher Aktualität im Bereich des Sozialen, der Armut, der Deklassierung von Menschen, die ohne oder mit eigener Schuld in die Abwärtsspirale der Arbeits- und Wohnungslosigkeit geraten, verelenden und kriminell werden.

Den Roman habe ich erst relativ spät gelesen. Mit der hervorragenden Verfilmung durch Rainer W. Fassbinder meinte ich, auch den Roman wahrgenommen zu haben, enthielt der Film doch jede Menge Wörtlichkeit aus der Buchvorlage – Dialoge sowieso, auch innere Monologe erinnere ich. Die Leseerfahrung zeigt nun einmal mehr: Keine noch so gute Verfilmung kann das Original ersetzen, bestenfalls mit filmischen Mitteln ergänzen, woraus ja, wie im Fall der Fassbinder-Verfilmung, ein eigenständiges Kunstwerk werden kann.  

Mit der Figur des Franz Biberkopf steigt man tief in ein soziales Milieu der Endzwanziger des 20. Jahrhunderts in der Stadt Berlin ein, das man mit sozial deklassiertem Proletariat bezeichnen kann – ein Milieu, das die damalige Wirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit und Armut wohl erst hervorgebracht, ja buchstäblich ausgespuckt hatte und so wie geschildert auch wohl nur in Großstädten wie Berlin verbreitet war. Das Milieu ist von Existenzunsicherheit und Gelegenheitsarbeit geprägt, und es changiert in die Kleinkriminalität, aber auch ins Gewaltverbrechen; (organisierte) Raubüberfälle, Hehlerei, Zuhälterei, Totschlag und Mord sind durchaus verbreitete Delikte, die zwar oft nicht direkt geplant und beabsichtigt sind, aber, „wenn man ein Ding dreht“, in Kauf genommen werden.

Franz B. kommt zu Beginn des Romans soeben nach vierjähriger Haft aus dem Zuchthaus; er war verurteilt worden wegen Totschlags, verübt an seiner früheren Geliebten. Die Entlassung soll ihm Anlass für den Vorsatz bieten, von nun an „ein guter Mensch“ sein und ein „anständiges Leben“ führen zu wollen. Nach seinen Vorstellungen gehören dazu eine Arbeit, ein geregeltes Einkommen, eine Bleibe und ein Mädel. Döblin, der als Arzt dicht am Milieu der kleinen Leute gearbeitet und von Berufs wegen seine Studien betrieben hat, zeigt in diesem Roman, dass oft die besten Vorsätze, ein anständiges Leben führen zu wollen, von übermächtigen sozialen Verhältnissen und Strukturen konterkariert werden. Für viele gibt es kein Entrinnen, sie rutschen immer tiefer in den Sumpf, das gesellschaftliche Umfeld scheint  ihnen keinen anderen Weg zu weisen als den in die Kriminalität, ins Verbrechen. Denn das bürgerliche Leben in seiner ganzen Wohlanständigkeit bietet ihnen keine Zugangschancen, keinen Eintritt, keinen Empfang. Sie bleiben Ausgestoßene, die Erwerbschancen sind minimal, die kleinen Einkommen für harte Arbeit zu unattraktiv, wenn „die Kumpels nebenan“ mit Mut und Köpfchen einen Bruch planen, der auf einen Schlag mehr bringt als wochenlange Mühe und Plage.

Dieser Teufelskreis, in dem Franz B. wie die meisten seinem Umfeldes stecken, wird von Döblin hier einmal in Form eines „inneren Dialogs“ (mit sich selbst oder mit seinem Gewissen) beschrieben:

Du hast geschworen, Franz Biberkopf, du willst anständig bleiben. Du hast ein dreckiges Leben geführt, du warst unter die Räder gekommen, zuletzt hast du die Ida umgebracht und hast dafür gesessen, das war fürchterlich. Und jetzt? Sitzt auf demselben Fleck, Ida heißt Mieze, der rechte Arm ist dir ab, paß auf, du kommst auch noch ins Saufen, und alles fängt dann nochmal an, dann aber schlimmer, und dann ists aus.

Quatsch, kann ich dafür, hab ick mir dazu gedrängt, Lude zu sein? Quatsch, sage ich. Ich habe getan, was ich konnte, ich habe mein Menschenmögliches getan, ich habe mir den Arm abfahren lassen, dann soll eener kommen. Ick habe einfach die Neese voll. Hab ich nicht gehandelt, bin ich nicht rumgeloofen von Morgen bis Abend? Nu hats geschnappt bei mir. Nee, ick bin nich anständig, ick bin ein Lude. Da schäm ick mir gar nicht für. Und wat bist du denn, wovon lebst du, vielleicht von wat anderes als von andere Menschen? Quetsch ick etwa jeman aus?

Du wirst im Zuchthaus enden, Franz, du kriegst von einem ein Messer inn Bauch.

Soll er machen. Vorher hat er meins probiert.

Döblin zeigt minutiös an der Figur des Franz B., dass die Dispositionen zum Verfall – wie bei einem Trinker, der doch wieder rückfällig wird – stets latent vorhanden sind; eine menschliche Enttäuschung reicht, und der völlig ungefestigte B. gerät in eine manifeste Krise. B.s Charakterfacetten sind so ausgerichtet, dass autoritäre Strukturen – seine kleine Weltordnung – sich paaren mit liebenswürdigen Eigenschaften; wie er mit der zweiten Geliebten, seinem „Miezeken“, umgeht, ist bisweilen anrührend; doch bei nächster Gelegenheit verfällt er unter Alkoholeinfluss wieder in rohe Gewalt, verprügelt die Schwächere, unterwirft sie, bis sie nur noch winselt. Das Milieu ist brutal, patriarchalisch und verdorben; Reinhold, B.s Freund, ist ein Sadist, eine „miese Ratte“, geht mit Frauen um wie mit Wegwerfware, tötet ohne innere Regung, nur aus Dominanzstreben, tierisch. Dagegen ist Franz B. noch mit menschlichen Zügen, Emotionen, die bis ins Gefühlvolle gehen, ausgestattet.

Auch sonst geht es grob und derb zu. Allen voran Franz B. ist permanent mit Essen und Trinken, also „Fressen und Saufen“ beschäftigt. Die Frauen schaffen an, auch Mieze prostituiert sich, sie „läuft“ für ihren Franz, der ein „Lude“ (Zuhälter) ist. Auf diese Existenzform sieht er sich zwar nicht gerne zurückgeworfen, weil ein Mann seinen „eigenen Mann stehen“ muss; aber seitdem er bei einem Unfall, der eigentlich ein Mordanschlag von Reinhold war, seinen rechten Arm verloren hat, ist er noch mehr eingeschränkt. Gleichwohl ist es sein ganzer Stolz, auch mit einem Arm noch stärker als andere mit zweien zu sein.

Döblin verwendet in diesem Roman ganz verschiedene Stilmittel. Wenn er das Milieu schildert, etwa eine Kneipenszene, sind die Dialoge im Berliner Dialekt der Unterklasse abgefasst. Geht es darum, was emotional in Franz B. vor sich geht, wie er etwa eine menschliche Enttäuschung zu verarbeiten sucht und sich seine Welt neu ordnet, werden Schlagertexte, Märsche, Dschingderassabum-Passagen verwendet und – als wären es Gedankenfetzen – immer aufs neue wiederholt, solange, bis ein neuer Plan in Franz B.s Kopf herangereift ist (wie beispielsweise den, sich an Reinhold zu rächen, der nicht nur ihn beinahe, sondern auch noch seine Mieze tatsächlich umgebracht hat). Auch Witze, Kalauer, Werbetexte oder Nachrichten-Splitter aus der Zeitung werden montageartig eingefügt und dienen der Milieuschilderung und als Zeitdokumente. Originell wie die Moritaten von Bertold Brecht auch die Kapitel-Einleitungen bei Döblin. Dem Sechste Buch steht etwa dies voran:

Jetzt seht ihr Franz Biberkopf nicht saufen und sich verstecken. Jetzt seht ihr ihn lachen: man muß sich nach der Decke strecken. Er ist in einem Zorn, daß man ihn gezwungen hat, es soll ihn keiner mehr zwingen, der Stärkste nicht. Er hebt gegen die dunkle Macht die Faust, er fühlt etwas gegen sich stehen, aber er kann es nicht sehen, es muß noch geschehen, daß der Hammer gegen ihn saust.

Als Franz B. sich aufgrund der Tatsache, dass er von seinen Kumpanen hintergangen und betrogen wurde, tage- und wochenlang in seiner Bude verkrochen hatte, völlig am Boden, verwahrlost, heruntergekommen – da flicht Döblin die Hiob-Geschichte als Stilmittel ein. Die Stimme, die zu Hiob spricht, eröffnet diesem in ständiger Wiederholung: Egal, ob es „Gott oder Satan oder ein Engel oder Mensch“ sei, der zu ihm spräche – es läge ganz allein an ihm, sich aus seiner elenden Lage zu befreien, aber er wolle ja nicht. Darauf Hiob immer wieder flehentlich: „Helfe mir!“ Die Stimme will wissen, was Hiob, der alles verloren hat, am meisten vermisse. Auch das kann Hiob nicht beantworten. Immer nur die Bitte um Hilfe kommt von ihm. Die Stimme entweicht, und Hiob ist auf sich selbst zurückgeworfen. In dem Moment heilen seine Geschwüre.

Diese Geschichte ist als Parabel zu lesen, und ihr Sinn ist auf Franz B. übertragbar. „Es rettet uns kein höhres Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun“. Diese Stelle aus der „Internationalen“ wäre der eine Sinn. Wir wissen aber, dass Franz B. letztendlich „vom Satan geholt“ wird und jämmerlich zugrundegeht; als Einzelner hat er keinerlei Chancen, diesen Verhältnissen zu entrinnen – das zu zeigen, ist wohl der Sinn des ganzen Romans.

Dann das große Finale: In den Abschnitten „Hier ist zu schildern, was Schmerz ist“ und „Abzug der bösen Hure, Triumpf des großen Opferers, Trommlers und Beilschwingers“ wird auf dramatische Weise Franz B.s Sterben und Tod geschildert. Wie in einem Theaterstück treten Gestalten auf, die dem Sterbenden erscheinen. Der Schmerz, die Qualen, die Halluzinationen des Sterbenden – alles wird zur Veranschaulichung in Worte gefasst. Der Übergang vom Leben in den Tod wird inszeniert als letzter Kampf der „Hure Babylon“, mit dem Tod als Figur, der triumphiert, der Spielleute auffahren und Fanfaren ertönen lässt. Dann wieder Franzens Wahnvorstellungen vom Marschieren, in den Krieg ziehen, sich totschießen lassen. Selbst die Bauernkriege und Großen Revolutionen, die Wiederteufer – „alle ziehen hinter dem Tod einher, der obsiegt, den Mantel rollt und lacht und strahlt und singt: Oja, oja“.

Döblins Roman endet nicht mit Franz B.s Tod – in einer Art Epilog lässt er ihn „auferstehen“ und als geschwächten Mann noch einmal in seine alte Umgebung zurückkehren. Er sucht die Freundin Eva und den Alexanderplatz auf, der ihm räumliche und soziale Orientierung verschafft. Er wird Augenzeuge im Gerichtsaal von der Verurteilung des Kriminellen Reinhold – die letzte Genugtuung des Franz B. ist, dessen Blick standzuhalten. Und er fristet sein kleines kümmerliches Dasein als Hilfsportier, also mit anständiger Arbeit. Die Zeitumstände deuten auf Krieg; in seinen Wahrnehmungen und Phantasien geht es ganz zuletzt ums Wachsein, sich gegen das Schicksal stemmen: „Augen auf, aufgepasst… Marschieren, marschieren, wir ziehen in den Krieg…“ Oder doch in die Freiheit? Also Krieg oder Revolution? Die Entscheidung bleibt offen, in Franz B.s Wahrnehmung ist es vielleicht ein und dasselbe, jedenfalls eine Form des Militärischen, die immer mit dem Tod endet.

Ein großartiges Zeitdokument, eingefangen und durchdrungen von einem Autor, der als Arzt das beschriebene soziale Milieu aus der medizinischen Praxis heraus kennt und um die Sogkraft der sozialen wie moralischen Verwahrlosung weiß. Auch wenn sich relative Bezüge in die Jetztzeit herstellen lassen (heute spricht man vom Prekariat, zu denken ist an die soziale Lage von manchen Migriertengruppen, Erwerbslosen und Beschäftigten in  Niedriglohnjobs am Rand des Arbeitsmarkts einerseits sowie an Formen organisierter Kriminalität, Clanstrukturen etc. andererseits), gehört „Berlin. Alexanderplatz“ zu den großen Romanen aus der Zeit der Weimarer Republik, die die sozialen Verwerfungen, die Krisen und Konflikte sowie die enorme soziale Ungleichheit dieser Zeit spiegeln und reflektieren. Es lohnt sich, ihn wiederzulesen.

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Petra Frerichs

Dr. Petra Frerichs, Studium der Literatur- und Sozialwissenschaften, schreibt über Literatur (und Kunst), am liebsten gegen das Vergessen von guten alten Sachen.


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