Buchtitel "1000 Jahre Freud und Leid"

Anklagende Erinnerungen im Olympia-Jahr – Ai Weiweis Autobiografie 1000 Jahre Freud und Leid

Es sind nur noch wenige Wochen, bis die 0lympischen Winterspiele in China starten. Gerade habe ich in einem Film gesehen, wie sie die Sprungschanze mitten in ein Natur-Reservat hineingesetzt oder soll man sagen gesprengt haben. In China, in einer Ein-Parteien-Diktatur, geht so etwas, Einspruch ist nicht erlaubt. Die Kommunistische Partei will die größten und spektakulärsten Spiele veranstalten, um Chinas Größe und Allmacht der KP(?) zu demonstrieren. Russlands Putin machte es ähnlich damals in Sotschi. Und Hitlers Sommerspiele 1936 in Berlin sorgten ja auch zwischenzeitlich für die Mehrung des Ruhms der Nazis. Und alle hoben die Hand zum Führer-Gruß. Ich habe gerade die Autobiografie von Ai Weiwei gelesen, Chinas größtem Künstler und Aktivisten. In dem Buch „1000 Jahre Freud und Leid“ beschreibt er das Leben seines Vaters, das ihn geprägt hat, er schildert die Zustände im Land damals wie heute, streift die Geschichte Chinas wie die der Welt. Der Besucher der Spiele sollte es vorher lesen, bevor er sich auf den Weg macht.

China, die aufstrebende Macht der Welt, die überall zu sehen ist, man denke nur an die Seiden-Straße, die im Duisburger Hafen endet. Das wäre eine schöne Geschichte, wenn sie denn so einfach wäre. Sicher, der wirtschaftliche Boom hat Millionen Menschen in China die Chance gegeben, der Armut zu entkommen. Man sieht Hochhäuser, Schnellzüge, Konzerne gigantischen Ausmaßes, all das hat das Riesen-Reich verändert, modernisiert. Aber das Volk wird unterdrückt, Überwachung, wenn die KP sie für nötig hält, an jeder Ecke, Menschenrechte sind ein Fremdwort wie der Begriff Freiheit. Meinungsfreiheit? Demokratie? Die Kommunistische Partei hält alles in ihren Händen. Wer mitspielt, mitmacht, darf mit aufsteigen, andere, die den Mut aufbringen, werden aus dem Verkehr gezogen, verbannt, ins Gefängnis geworfen, gedemütigt.

Ungleichheit schafft Unzufriedenheit

Es geht aufwärts, das sieht man bei oberflächlicher Betrachtung, und das ist ganz im Sinne der Kommunistischen Partei und ihrer Alleinregierung. Aber wer genauer hinsieht, entdeckt die wachsende Ungleichheit, bemerkt, wie entscheidend für den eigenen Aufstieg die Herkunft der Familie sein kann und ist, was  Unzufriedenheit bringt mit dem Zustand. Ja, es sind 32 Jahre her, als die Kommunisten Teile des Volkes, das sie ja selbst mal sein wollten, auf dem Platz des sogenannten Himmlischen Friedens, genannt der Tiannanmen, niederschießen ließen. Das war im Juni 1989. Folgt man den Angaben von Amnesty International kamen dabei zwischen mehreren hundert und einigen tausend Chinesen, zumeist Studenten, ums Leben. 1989, das Jahr weitgehend friedlicher Reformen in der Sowjetunion und in Osteuropa, in China wurde dieser Versuch mit militärischer Gewalt beendet.

Zurück zu Ai Weiwei und seinem Buch, das sich fast zur Hälfte mit dem Leben seines Vaters beschäftigt, dem Schriftsteller Ai Qing, wohl der bekannteste Literat des Landes. Zunächst steht dieser Schriftsteller Mao nahe, der angeblich Ai Qings Schriften und dessen Meinung schätzt. Und dieser Mao, verehrt im Land, lässt dazu aufrufen, die Menschen mögen ihre eigene Meinung äußern. Also haben sie das getan. Aber das war, wie Ai Weiwei in der SZ es ausdrückte, „um die Schlange aus dem Nest zu locken und ihr den Kopf abzuschlagen“. Ai Weiweis Vater wird als Anti-Kommunist abgestempelt, als Rechtsabweichler diffamiert und wie andere Intellektuelle verfolgt. Ai Weiwei, noch ein kleines Kind, erlebt, wie der Vater verbannt wird in den äußersten Zipfel des Landes(an der russischen Grenze, nicht weit von der Wüste Gobi) und mit seiner Familie in einem Erdloch leben muss, was man besser als dahinvegetieren bezeichnen müsste. Der Sohn sieht und beschreibt später, wie der Vater zugefrorene Latrinen säubern muss. Er beschreibt das sehr sachlich, dem Leser verschlägt es  den Atem, weil man beim Lesen fast den Gestank riecht, dem Chinas berühmtester Schriftsteller bei seiner Arbeit ausgesetzt ist. Manchen erinnert das an das sowjetische Gulagsystem.

Denunziationen und Hinrichtungen

Das prägt den Sohn in ganz jungen Jahren. Er wächst auf in einem System, in dem abweichende Meinungen nicht geduldet werden. Und wenn sie doch geäußert werden, geht es demjenigen an den Kragen. Dem Leser des Buchs wird noch einmal klar vor Augen geführt, wie die Kulturrevolution das Land aufgeheizt hat. Selbstkritik, Denunziationen, Hinrichtungen-nirgendwo auf der Welt gibt es mehr davon als in China- Verurteilungen, Verbannungen, Zwangsarbeit. In diesem System wird Ai Weiwei groß, es wird erst mit Maos Tod anders 1976. Bis dahin gleicht die Mao-Verehrung einer Art Gottes-Verehrung. Der Sohn erlebt mit, wie der Vater gedemütigt wird, Parolen aufsagen, eine Blechschüssel mit einem Löffel schlagen muss.

Sein Vater hält trotz allen Drucks an seiner Dichtung fest und rettet sich so durch die Jahre, in denen man ihn brechen, fertigmachen wollte. Folgt man dem Sohn, bezieht der Vater daraus seine Stärke, die ihn all die Schmach und Demütigungen überleben läßt. Erst Ende der 70er Jahre wird der Vater rehabilitiert.

1980 ist Ai Weiwei in New York, Schüler an einer Kunstschule, wird dort aber rausgeschmissen, weil er bei einer Prüfung einfach ein leeres Blatt abgibt. Er kommt in Berührung mit den Werken eines Andy Warhol, trifft den Dichter Allen Ginsburg und vor allem genießt er in dieser Stadt eine Freiheit, die er nicht kennt. Andererseits wirkt er in der Millionen-Metropole ziemlich verloren. Aber als er in den 90er Jahren zurückkehrt nach China, wird er zu einer Art Konzept-Künstler. Eine der größten Aktionen startet er für die Kasseler Documenta, zu der er 1001 Chinesen auswählt und nach Deutschland einlädt. Sie sollen sich selbst ein Bild machen, ist seine Idee. Der von ihm entworfene und aufgestellte Holzturm kracht in einer Windböe zusammen. Zu der Zeit ist Ai Weiwei international schon sehr bekannt.

9000 Schulranzen am Haus der Kunst

In China gerät er sehr bald mit den kommunistischen Behörden aneinander. Er lässt sich halt nichts sagen, fragt nach, äußert Zweifel. Als es in der Provinz Sichuan zu einem schlimmen Erdbeben kommt, bei dem viele Kinder in den zusammengestürzten, weil verpfuschten Schulbauten umkommen, gründet Ai Weiwei eine Bürger-Ermittlung, um die Namen der toten Kinder zu sammeln. Die Behörden verbieten die Aktion, wollen nichts untersuchen, können aber letztendlich nicht alle Aktionen stoppen, die der Aktivist durch seinen Internet-Blog im ganzen Land gestartet hat. Später setzt er diese Aktion in München um, als er am Haus der Kunst 9000 Schulranzen aufhängen lässt- als Erinnerung an die toten Kinder. Er nennt die Aktion „Remembering“

2011 wird er, wie er es selber sagt, von den Behörden entführt und an einem geheimen  Ort gefangen gehalten. Er wird Tag für Tag verhört, muss in einem winzig kleinen Raum immer ein paar Schritte vor- und dann wieder zurückgehen, seine Bewacher müssen es genauso machen. Er ist keine Sekunde allein, selbst nicht auf der Toilette. Angeklagt ist er ohne vorliegende Beweise eines Wirtschaftsverbrechens. Er verlangt nach einem Anwalt, den er natürlich nicht bekommt. 81 Tage hält man ihn fest, dann wird er auf Kaution freigelassen. Aber auch dann in der sogenannten Freiheit bekommt er seinen Reisepass zunächst nicht zurück, was eine Ausreise ins Ausland unmöglich macht. Sein Studio wird überwacht, Kameras hängen vor dem Eingang. Sein Blog wird gelöscht, man will ihn mundtot machen. Von Ausstellungen in Schanghai wird er kurz vor der Eröffnung gestrichen, man löscht einfach seinen Namen von der Liste der Künstler an der Wand des Ausstellungsraumes. Sein Name wird gesperrt, auf eine virtuelle Existenz reduziert. „Ein autoritäres Regime fürchtet Kunst.“ So Ai Weiwei. Niemand wolle über Redefreiheit sprechen, weil jede Untersuchung der freien Meinungsäußerung unweigerlich Fragen über die Legitimität der staatlichen Macht“ aufwerfe.

Zensur gängige Praxis

Die Zensur- in China von heute gängige Praxis- betreffe alle Bereiche des Lebens, schreibt Ai Weiwei- vom Internet über Zeitungen und Bücher bis hin zu Konzerten und Kunstausstellungen. Sprache werde zur Schmeichelei, das Dasein auf Unterwürfigkeit reduziert. Willige Kollaborateure würden durch die Zensur praktische Vorteile bekommen, sie müssten sich nur den Anforderungen der Macht anpassen. Er selber, betont Ai Weiwei, „kann keine Kompromisse eingehen“. China gestehe seinen Bürgern „keine politischen Rechte, keine Redefreiheit oder Versammlungsfreiheit“ zu. Vielmehr werde in einer „weiten Ödnis die Freiheit verhöhnt, der Verrat gefördert und die Täuschung gepriesen.“

2015-sein vierjähriger Hausarrest ist gerade beendet- erhält Ai Weiwei seinen Pass zurück, jetzt kann er endlich nach Berlin, wo sein Sohn Ai Lao mit seiner Mutter lebt. Als amerikanische Diplomaten ihn fragen, warum er nicht nach Amerika komme, antwortet er : „Ich habe es gerade geschafft, einen Fuß aus dem Sumpf zu ziehen.“ 

Bliebe noch sein Urteil über China, das sich „weigert, sich redlich der Aufgabe zu widmen, eine gesunde Gesellschaft aufzubauen und eine rechtmäßige politische Ordnung zu schaffen. China wird zwar immer mächtiger, aber sein moralischer Verfall verbreitet in der Welt nur Angst und Unsicherheit.“ Was wohl der IOC-Chef Bach dazu sagt?

Ai Weiwei: 1000 Jahre Freud und Leid. Penguin Verlag. München. 2021. 416 Seiten. 38 Euro. ISBN 978-3-328-60231-6

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arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Anklagende Erinnerungen im Olympia-Jahr – Ai Weiweis Autobiografie 1000 Jahre Freud und Leid' hat einen Kommentar

  1. 30. Januar 2022 @ 22:08 Anton Duhacek

    Bei aller berechtigten Kritik, muss denn jeder Vergleich mit den Nazis enden? Haben Sie es nicht ein wenig kleiner? Und wenn wir jetzt schon bei Vergleichen sind, wo ist der Vergleich mit dem Westen, der Sportereignisse ebenfalls zu politisieren weiß? Mal boykottiert man sie, mal verbietet man Ländern schlichtweg daran teilzunehmen wie bei der EM 1992 . Wobei der Gipfel natürlich der Krieg in Georgien war, wo ein Herr Sakaschwili um 5 Uhr morgens seine Minderheiten im Norden zum Appell zusammenbombte mit Boden-Boden-Raketen. Am selben Tag eröffneten die Olympischen Spiele 2008 in Peking. Wollen wir dasselbe nicht für die Ukraine hoffen. Ich muss einräumen, ich habe den Text danach nur überflogen. Der häufigen Nennung der KP in China, entnehme ich, daß der Autor der Meinung ist, dass die KP tatsählich eine kommunistische Partei ist. Das sehe ich nicht so. Genauso wenig war die DDR demokratsich. Es aufzuschreiben reicht nicht. Ach ja, und jetzt landen wir doch wieder bei den Nazis; der geschätzte Herr Weiwei hat den Deutschen Nazismus im Alltag unterstellt, ein faschistische Gehabe weil man andere Denkungsarten abwertet. Tja, was soll man jetzt dazu sagen. Vielleicht hätte man schreiben sollen über die verlogene Doppelmpral der bestehenden Systeme, aber wer will schon neutral bleiben….und wer würde es dann auch können?

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