Buchtitel "Terror gegen Juden"

Antisemitismus war nie weg – Ein SZ-Buch

SZ- Redakteur Ronen Steinke ist quer durch die Republik gereist, um ein Buch über die Zustände zu schreiben, in denen Jüdinnen und Juden in Deutschland leben. Es heißt: „Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt.“ Steinke nennt sein Buch „eine Anklage“. Das Buch hat 252 Seiten, es ist in 2. Auflage im Berlin Verlag erschienen, es kostet 18 €. Das Cover fällt auf, weil es auf Vorder- und Rückseite jeweils sieben unsymmetrische weiße Kästen aufweist, die von schwarzen Balken eingerahmt werden. Das Cover verstärkt die Wucht der beiden Worte: Eine Anklage. Die Worte sind berechtigt.

Steinke weist nach, dass der Antisemitismus ebenso Traditionslinie in Westdeutschland ist wie föderales Denken, der politische Kompromiss, Kirmessen, der NWDR, Panorama, die Tagesschau und Deutschland sucht den Superstar. Immer wieder ist ja zu lesen: Judenfeindlichkeit sei nach dem Ende des zweiten Weltkrieges faktisch weggewesen  und erst 1959 durch vielfache Schändung jüdischer Friedhöfe wieder „aufgetreten“.

Alles falsch. Er war nie weg, der Antisemitismus, wie Steinke mittels einer knapp 90-seitigen Chronologie nachweist. Er beginnt im Sommer 1945 im bayrischen Diespeck, wo auf dem jüdischen Friedhof  mehrere Grabsteine  umgeworfen werden und er beendet seine Aufzählung im Januar 2020 auf der Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Thüringen. Da wurde ein zündfähiger Sprengsatz gefunden. Ruth Klüger hat vor einigen Jahren im Bundestag über die Sklavenarbeit für die Wehrwirtschaft der Nazi in Mittelbau-Dora berichtet.

Die eine Grabschändung ist so widerlich wie die andere.  Unverständlich sind sie alle. Im September ist es elf Jahre her, seit Hilde Domins Grab in Heidelberg durch ein Hakenkreuz geschändet worden ist. Die Polizei hatte damals darüber berichtet. Mir fällt nur das Wort „Matschbirne“ für solche Schänder ein.

Vom Staat hatten die Juden nach 1945 in Gestalt von Polizeibehörden, Staatsanwaltschaft, Gericht  und Versorgungsbehörden wenig zu erwarten. Gegen ehemalige Nazi-Größen hatten Juden während der ersten 25 Jahre nach Kriegsende vor Gericht keine Chance. Und Teile der neuen Linken wie Kunzelmann und andere waren keinen Deut besser. Eher schlimmer, weil sie Juden mit Feuer und Sprengstoff nach dem Leben trachteten.

Und heute? Die Angst unter den Jüdinnen und Juden ist größer geworden. Zusätzlich zum alten und neuen Antisemitismus von rechts oder auch links hat sich  ein eingewanderter Antisemitismus breit gemacht. Während all der Jahre hatte sich die Zahl der Mitglieder  jüdischer Gemeinden von 15 000 (1950) auf weit über 100 000 (1990) erhöht. Nun ist die Zahl seit einigen Jahren rückläufig. Was bedeutet: Deutsche jüdischen Glaubens verlassen ihr Land.

Steinkes Buch wendet sich an die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland. Tut endlich was lautet nach meiner Auffassung die Fortsetzung seiner Anklage. Was tun?

Von heute auf morgen wird sich kaum etwas ändern. Mir fällt die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer ein und der Erziehungsauftrag von Eltern. Das dauert, bis sich auf diesen Wegen angetrieben etwas ändert. Dann kommt die Härte des Strafrechts hinzu. Und während das geschieht, müssen die jüdischen Gemeinden, deren Organisation und Schutz so stark wie nur möglich gemacht werden. Das ist das Wichtigste. 

Bldquelle: Piper Verlag

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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