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Bewunderung und Entfremdung- Das Verhältnis Schmidt-Brandt „Partner und Rivalen“ heißt der Untertitel des Briefwechsels zwischen den beiden SPD-Größen

Norbert Bicher Von Norbert Bicher
23. November 2015
Helmut Schmidt und Willy Brandt

Es ist ein zeitgeschichtlicher Zufall. Gerade in diesen Tagen der Trauer um Helmut Schmidt, in den Tagen der großen Nachrufe und Würdigungen, ist es ein verlegerisches Geschenk, in dem gerade erst herausgegebenen Briefwechsel zwischen Schmidt und seinem „Partner und Rivalen“ – so der Untertitel des Bandes – Willy Brandt lesen zu dürfen. In mehr als 700 Briefen, die sich die beiden großen Sozialdemokraten zwischen 1958 und 1992 geschrieben haben, lässt  sich der Wandel ihrer Beziehung nachspüren.

Der Briefwechsel rüttelt ein wenig an dem Bild, das in der Öffentlichkeit von beiden vorhanden ist. Der kühle Pragmatiker Schmidt konnte durchaus pathetisch werden, wenn er dem SPD-Vorsitzenden seine Freundschaft versicherte. Während Brandt auch in handschriftlichen Notizen und Wünschen Distanz zu wahren wusste.

Wer schon hätte geahnt, dass Schmidt aus „der relativen Ruhe eines New Yorker Hotelzimmers“ Zeilen wie folgende an Brandt geschrieben hat: „So sehr man als Mann auch über das Jünglingsalter hinaus einer Frau Briefe der Liebe schreiben mag, so sehr zögert man meist – jedenfalls in unserem Jahrhundert – einem Freund seine Freundschaft anders darzutun als durch Handeln oder Unterlassen. Trotzdem, Willy (und ohne Rücksicht auf die Gefahr pathetischer Pose): Dies ist ein Brief der tiefen Freundschaft + zugleich des Respektes.“

Geschrieben im Oktober 1965, wenige Wochen nach der verlorenen Bundestagswahl, bei der Willy Brandt SPD-Kandidat war und überragende 39.3 Prozent erreichte, aber eine weitere schwarz-gelbe Koalition nicht verhindern konnte und daran dachte, sein Amt als Vorsitzender der Partei aufzugeben.

Miteinander, Nebeneinander, Gegeneinander

So gefühlig wie in Schmidts Brief aus diesen Oktobertagen 1965 ging es in der Korrespondenz nur selten zu. In seiner klugen Einleitung macht Herausgeber Meik Woyke drei Phasen in dem Schriftwechsel der beiden aus: „Miteinander, Nebeneinander, Gegeneinander“. Und Schmidt selbst definierte eine Zäsur in seinem Verhältnis zu dem Parteivorsitzenden und Kanzler aus, wenn er schrieb: „Ich bin seit Ende der 50er Jahre bis in das Jahr 1971 innerlich bedingungslos für Dich eingetreten und für alles, was Du politisch entschieden hattest.“

In jener Zeit war es Schmidt, der den Briefwechsel aktiver betrieb, mit Anregungen, Hinweisen, Vorhaben, über die er als Verteidigungsminister (1969 bis 1972) und von da ab als Finanzminister den Bundeskanzler ins Bild setzte. Penibel informierte er über seine Treffen im Ausland,  detailreich erklärte er seine Planungen sachlicher und personeller Art. Unterschrieben an den Kanzler mit „Herzlich Ihr Schmidt“ oder an den Parteivorsitzenden meist mit „stets Dein Helmut“.

Allerdings setzte in dieser Zeit schon ein Räsonieren über Disziplinlosigkeiten in der Partei ein und am Führungsstil des Parteivorsitzenden. So sandte er am 30. Dezember 1970 von Ischia aus nicht nur gute Wünsche zum neuen Jahr, sondern mahnte an:

„Ich verstehe gut, dass Du einige ständige Gesprächspartner in Deiner Nähe brauchst und Dir herangezogen hast. Ich bitte nur herzlich darum, Herbert Wehner und mich nicht auf die Diskussion im Gesamtpräsidium oder Gesamt-Kabinett zu beschränken: denn diese beiden Gremien umfassen neben den Genossen von Substanz offensichtlich auch solche Faktoren, die notorisch gegenüber Leuten aus der Presse und Informationsdiensten bruchstückweise, bisweilen verfälscht sogar – ob mit oder ohne Absicht – Diskussionsbestandteile preisgeben. Dies wäre durchaus zu ertragen- wenn die eigentlichen Führungspersonen einigermaßen einheitlich auftreten. Dazu bedürfen sie des persönlichen Kontaktes.“

Als Brandt gegen Schmidts Rat zurücktrat

Zu solchen Anmerkungen wusste Brandt durchaus auf Distanz zu gehen, ließ er seinen Stellvertreter in der Partei doch im gleichen Jahr wissen: „Dein gutgemeinter, freundschaftlicher Rat, ich sollte deutlicher sagen, wo die Reise lang geht, hilft auch nicht viel weiter. Erstens kann keiner von uns mehr aus seiner Haut – aus seinem Stil – heraus. Zweitens liegt die Lösung der meisten unserer Probleme wirklich in ‚kollektiven‘ Antworten. Im übrigen solltest Du wirklich nicht einen zu strengen Massstab anlegen, wenn andere nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Du tust es auch nicht. Und Du würdest einen Teil Deiner Ausstrahlungskraft aufgeben, wenn Du über Gebühr darauf versuchtest, Dir Fesseln anzulegen.“

Hier schon deutete sich eine Entfremdung an, die noch zunahm, als Brandt gegen den Rat Schmidts 1974 als Kanzler zurücktrat und der Hamburger an seine Stelle trat.

Dennoch, bei allem Hader, blieb bei Schmidt ein Maß an Bewunderung und Unterstützung für Willy Brandt als Parteichef. 1976 schrieb er ihm: „Bitte zähle dabei immer auf mich – als Sozialdemokrat wie als Freund. Du wirst in die deutsche Geschichte eingehen; mein Teil wird – wie ich hoffe: hilfreiche –Episode sein.“

Der Höhepunkt der Entfremdung ließ sich in Briefen der beiden 1982, nach dem Ende der sozialliberalen Koalition ausmachen. Brandt schrieb bitter zu Vorhaltungen, die Schmidt bei Journalisten über ihn gemacht hatte: „In Wirklichkeit musst Du selbst wissen, dass Du ohne mich kaum länger, sondern wohl eher kürzer und vielleicht mit weniger Erfolg im Amt gewesen wärst.“

Sie blieben bis zum Ende in Kontakt

Und doch, auch in dieser Rivalität war Schmidt, zu versöhnlicher Geste in der Lage: „Im übrigen aber: Ich möchte im Frieden mit Dir leben – für eine über diesen Brief hinausgehende Streitigkeit bin ich nicht gestimmt – dafür ist mir Deine politische Lebensleistung zu wichtig und mein Respekt gegenüber Deinen Leistungen im Schöneberger Rathaus, in der Verwirklichung unserer Regierungsfähigkeit in Bonn und im Abschnitt der Ostpolitik zu groß. Dass ich in Sachen Parteiführung nicht zustimmen kann, müssen wir wohl beide ertragen.“

Sie haben es ertragen, haben über die Jahre vielleicht gar wieder eine Annäherung gefunden. Jedenfalls blieben sie, wenn auch spärlicher, in brieflichem Kontakt.

Das letzte Geburtstagstelegramm von Schmidt an Brandt am 17. Dezember, 1991: „lieber willy,

du bleibst mir immer fuenf jahre und fuenf tage im voraus. Herzlichen glueckwunsch dein helmut schmidt.“

Und Willy Brandts Glückwunsch eben fünf Tage später, die letzte Korrespondenz an Schmidt: „Lieber Helmut, alle guten Wünsche zum Geburtstag und überhaupt. Dein Willy.“

Die Sammlung dieser Briefe, sorgfältig von Woyke mit Anmerkungen und Erläuterungen versehen, ist eine Fundgrube, ein Schatzkasten sozialdemokratischer und bundesrepublikanischer Nachkriegsgeschichte. Sie gibt den Blick frei auf das, wofür die beiden großen Sozialdemokraten gekämpft und gelebt haben. Und sie zeigt seismographisch, wie die beiden ihre Beziehung wann gesehen haben. Selbst wenn Helmut Schmidt das anders sah. Als er in den letzten Wochen vor seinem Tod, bei einem letzten Besuch von Robert Leicht, dem langjährigen Chefredakteur der „Zeit“, gefragt wurde, ob er einen Blick in die Briefedition, die er sehr wohlwollend begleitet hatte, geworfen habe, antwortete er in der ihm eigenen frotzelnden Art knapp und abweisend: „Damit können die nichts anfangen, die uns beide nicht erlebt haben“.

Einmal mehr und gottlob: auch Helmut Schmidt war vor Fehleinschätzungen nicht gefeit.

Willy Brandt/Helmut Schmidt

Partner und Rivalen, Der Briefwechsel (1958 – 1992), Herausgegeben und eingeleitet von Meik Woyke, Willy-Brandt-Dokumente, Band 3, 1104 Seiten, 39.90 Euro, Dietz-Verlag, Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, Oktober 2015

Bildquelle: Wikipedia, Bundesarchiv, B 145 Bild-F039404-0012 / CC-BY-SA 3.0

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Tags: BriefwechselBundesrepublikHwlmut schmidtSPDWilly BrandtZeitgeschichte
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