Friedensdenkmal in Hiroshima

Denn sie wissen nicht was sie tun – Anmerkung zur aktuellen „Kriegsberichterstattung“

Im Sommer werden  die Atombombenexplosionen, die Hiroshima und Nagasaki in Schutt und Asche verwandelten, 100.000 Menschen sofort und weitere 130.000 nach monatelangen Qualen töteten, 77 Jahre zurück liegen. Es sind bisher die einzigen im Krieg gezündeten Atombomben geblieben. Die USA sind bis heute die einzige Atommacht, die von dieser grässlichsten Waffe Gebrauch gemacht haben. Ob die Atombomben  überhaupt noch Einfluss auf den Kriegsverlauf im Pazifik hatten, ist – vorsichtig ausgedrückt – umstritten. Die Kapitulation Japans habe ohnehin bevorgestanden.

Einige Jahre haben sich die „Blockführer“ USA und Sowjetunion als einzige Atommächte gegenüber gestanden und sich wechselseitig mit verschiedenen Spielarten nuklearer Abschreckung in Schach gehalten. Als der Atomwaffensperrvertrag geschlossen wurde, hatten sich fünf Staaten durch Testexplosionen als Atomwaffenbesitzer geoutet. Die USA, die Sowjetunion und Großbritannien unterzeichneten als erste 1968 den Nichtverbreitungsvertrag, China und Frankreich erst 24 Jahre später. Längst gibt es mehr Staaten, die Atomwaffen besitzen und noch mehr, die sich darum bemühen. Das globale Atomwaffenarsenal könnte gleich mehrmals die Erde unbewohnbar machen.

Vielleicht verhält es sich ja ähnlich des Impfparadoxons: wenn die Masern (fast) ausgestorben sind, brauche man keine Impfung mehr dagegen. Bei den Masern hat sich das längst als Irrtum erwiesen. Nachdem Atomwaffen 77 Jahre nicht mehr angewendet wurden, verlieren sie offenbar, den scheintoten Masern ähnlich, ihren Schrecken.  77 Jahre sind an der hiesigen Lebenserwartung gemessen wohl eine zu lange Zeit, um die Erinnerung an den Krieg und seine unmittelbaren Nachwirkungen wach und wirksam zu halten. Anders ist nicht zu erklären, wieso ganze Generationen („X „und folgende) von Medienmenschen ganz  unverkrampft nicht näher erläuterte Kriegsszenarien heraufbeschwören. Sollten die USA unter dem Etikett NATO tatsächlich mit Russland militärisch aneinander geraten und die von den – pars pro toto seien sie genannt – von Rohrs (DER SPIEGEL) und Kornelius (Süddeutsche Zeitung) geschürten Eskalationsphantasien dann spätestens vollends unbeherrschbar werden, wird es für uns Europäer zu spät sein für die Einsicht, dass ja doch noch Atomraketen zum Einsatz gekommen sind.

Nein, werden die „wertebasierten“ Sicherheits“experten“ renommierter Zeitungen und Magazine sagen, DAS hätten sie nicht gewollt. Das sei doch unrealistisch und man wolle doch bloß Muskeln zeigen, damit sie NICHT zum Schlagen benutzt werden.

Tja, vor 1914 war es ganz ähnlich: alle wollten Muskeln zeigen, damit sie niemand benutzt. Niemand wollte Krieg bis die Mischung aus Spannung und Prinzipienreiterei zu Kampfhandlungen führten, die  nicht zuletzt durch die unbeschreibliche Blödheit des deutschen Kaisers und seiner Militärs in einen Weltkrieg mündeten. So schnell kann Eskalation außer Kontrolle geraten!

Vielleicht sollten die diversen „Politik-/Auslandschefs“ unserer (noch) renommierten Medienerzeugnisse einmal nachlesen, welche Erkenntnisse die (bezeichnenderweise längst nicht mehr sehr geförderte) Friedens- und Konfliktforschung gesammelt hat. Dann müsste die schwere Kunst der Friedenssicherung nicht jetzt quasi neu erfunden werden. Dann würden die Herren nicht nur darüber „aufklären“, was Putins Russland alles falsch macht, sondern auch, was NATO und EU aus Russlands Sicht falsch gemacht haben. Sie würden auch nicht versuchen, Mahner*innen nach der Methode Geissler quasi auszugrenzen. Der CDU-Generalsekretär hatte sich dazu verstiegen, den Pazifisten die Schuld am Krieg in die Schuhe zu schieben. Bei Spiegel und SZ heißt es fast unmissverständlich, die SPD werde Schuld sein, wenn Putin die Ukraine überfalle. Alles fast wie aus dem Lehrbuch für massenwirksame Kriegsvorbereitung. Der Spiegel feiert gerade seinen 75. Geburtstag, das war kaum eineinhalb Jahre  nach Hiroshima und Nagasaki. Trotzdem sei den jüngeren Journalisten nichts böses unterstellt, nur dass sie nicht wissen, was sie tun.

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Politologe i.R.; arbeitete als politischer Referent, Büroleiter, Pressechef des Deutschen Bundestages und in der Parlamentsverwaltung; lebt in Bonn


'Denn sie wissen nicht was sie tun – Anmerkung zur aktuellen „Kriegsberichterstattung“' hat 2 Kommentare

  1. 21. Januar 2022 @ 12:04 Joke Frerichs

    Vor allem die Mainstream-Medien tragen ganz wesentlich zur verbalen Aufrüstung bei. Dabei gäbe es einiges zu kritisieren; z.B. dass sich die deutsche Außenpolitik wieder völlig ins Schlepptau der Amerikaner begibt, wie schon zu Fischers Zeiten. Das ist kurzsichtig und gefährlich, zumal die Interessen der USA und Europas keineswegs identisch sind. Die Amerikaner haben stets ihre eigenen wirtschaftlichen und militärischen Interessen verfolgt und dabei im Zweifelsfall wenig Rücksichten auf Demokratie und Menschenrechte genommen. Es wäre an der Zeit, dass die Europäer ihre eigenen Interessen definieren, zumal sie in gut zwei Jahren wieder mit leeren Händen dastehen könnten, sollte Trump zurückkommen, was ja nicht ganz unwahrscheinlich ist.

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    • 22. Januar 2022 @ 15:20 wolfgang wiemer

      So ist es, Joke Frerichs;
      jemand hat neulich den Ukraine-Konflikt als „ersten Stellvertreterkrieg auf europäischem Boden“ bezeichnet. Es gibt ja nicht nur die russischen Raketen in Kaliningrad sondern auch US-Raketen in Rumänien etc. Die technische Steuerung erfolgt aus Rammstein. Es fehlt nicht viel, um von der zitierten Bemerkung das „Stellvertreter“ wegstreichen zu müssen.
      Aber manchen scheinen 77 Jahre Frieden zu langweilig zu sein.

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