Friedenstaube

Der 8. Mai 1945. Ein Nachruf

Nein, an den 8. Mai 1945 habe ich keine Erinnerung, denn geboren bin ich am 16. Januar 1947, das war 19 Monate später.

(Man muss das nicht verstehen, aber ich war immer froh, gleich doppelt ein Nachkriegskind zu sein: gezeugt und geboren im Frieden.)

Und doch, an den 8. Mai 1945 habe ich eine meiner frühesten politischen Erinnerungen, so etwa als Achtjähriger. Ich fragte obstinat die deutschnationalen Spielkameraden in meinem Bergarbeiterkaff, wenn sie mal wieder über Rommels Tod und die unverdiente deutsche Niederlage jammerten: Jetzt mal ehrlich, hättet ihr lieber den Krieg gewonnen und die Nazis behalten? Die Antworten waren meistens ausweichend.

So betrachtet hat der AfD-Gau-Leiter Gauland nicht mehr drauf als Horsti, Schätzchen und Volker in meiner Kindheit, die ich als gelehriger Sohn eines versehrten Antifaschisten unter zahlreichen Verehrern des Führers verbrachte.

Gaulands Glück sind die harmlosen Frager.

Klar, Menschen guten Willens nehmen den 8. Mai 1945 idealistisch als Befreiung wahr und haben idealistisch Recht.  

Aber wie war es realistisch betrachtet? Darüber sollte man sich einen Kopf gemacht haben, wenn man Nazis zur Kenntlichkeit bloßstellen will.

Realistisch betrachtet hat die Kapitulation Großdeutschlands am 8. Mai 1945 die Welt vor weiteren Aggressionen des Dritten Reichs geschützt. Sodann haben die Allierten mit ihrem Sieg die Deutschen von der Diktatur der deutschen Spielart des Faschismus befreit.

Stimmt doch, Herr Gauland, oder? Gestaltungsmöglichkeiten perdu…

Aber es stimmt auch, dass selbst Leute, die unendlich froh waren, die Nazis und den Krieg los zu sein, ein niedergelegtes Deutschland beklagten.

Was denn sonst?

Nach den Hohenzollern mit ihrem Scheiß-Ersten-Weltkrieg hatten die Nazis mit ihrem Scheiß-Zweiten Weltkrieg Deutschlands Weltgeltung in Wissenschaft und Kunst völlig zertrümmert und ein materiell und moralisch umgepflügtes Rest-Territorium hinterlassen, dessen Bewohner umfassend an Gedächtnisverlust litten.

Es war zum Verzweifeln, nicht zum Jauchzen.

Und doch! Da gab es Glück! Das Glück der Deutschen war eins mit der Befreiung vom Krieg. Es war vielleicht das einzige, was die Deutschen damals und für einige Zeit mit den Opfern ihrer Gewaltpolitik verband.

Das Glück äußerte sich in jedem Seufzer der Erleichterung, dass das Waffengeklirr vorüber war. Von diesen Seufzern gab es unendlich viele, manche erst Monate nach dem 8. Mai, weil man es gar nicht glauben konnte.  

Die Befreiung am 8. Mai 1945, das war der Friede. Oder nicht, Herr Gauland?

Wer 75 Jahre nach dem 8. Mai 1945 nicht bloß einer Chronistenpflicht genügen oder ein moralisches Zeichen setzen will, der sollte den Frieden feiern und die Institutionen des friedlichen Miteinanders der Völker, die aus der kritischen Aufarbeitung des Nazi-Kriegs entstanden sind. Ohne Friede ist alles nichts, hat Willy Brandt vierzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gesagt. Er schaute nach vorn, er musste rückblickend nichts beweisen.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Fine Mayer, Pixabay License

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Karl-Heinz Klär

Historiker und Soziologe. 1983-87 Büroleiter von Willy Brandt. Langjährige Tätigkeit als Staatssekretär und Chef der Staatskanzlei im Rheinland-Pfalz.


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