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Der fehlende Ruck

Man lasse sich einmal folgenden Satz aus der jüngsten Mail des nordrhein-westfälischen Schulministeriums auf der Zunge zergehen, in der begründet wird, warum Grundschulen erst nach den Osterferien mit Selbsttests versorgt werden: „Dabei haben wir uns zunächst daran orientiert, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Expertinnen und Experten von einem im Vergleich niedrigeren Infektionsgeschehen an Schulen der Primarstufe ausgehen.“ Dieser Satz umschreibt nichts anderes als: 1. Es ist eine Momentaufnahme. 2. Wir haben nur eine ungefähre Ahnung. 3. Wir werden von vielen Seiten beraten. 4. Die Fachleute sind sich auch nicht so sicher. Ist es verwunderlich, dass mit solch verschwurbelten Aussagen in offiziellen Verlautbarungen mehr zur Verunsicherung als zur Beruhigung beigetragen wird?

Den weiterführenden Schulen sollen derartige Selbsttests „schnell und unbürokratisch“ zur Verfügung gestellt werden, so die Schulministerin erläuternd. Auch das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen angesichts der Ankündigungen der letzten Zeit. Dass dies vor den Osterferien erledigt sein soll, mag hoffentlich klappen. Allerdings signalisiert das Wort Ferien noch etwas Weiteres: An Wochenenden, nach Feierabend und in den Ferien ruhen viele Aktivitäten. Weniger auf die Schule bezogen, aber generell ist diese Haltung eigentlich unverständlich angesichts des Wettlaufs mit der Zeit, in den uns die Corona-Pandemie gezwungen hat. Im Gegensatz zu der schönen Ankündigung der Ministerin sind wir leider langsam und bürokratisch.

Natürlich will niemand etwas falsch machen. Auch bedarf es der nötigen Ressourcen, seien es Tests, Impfstoffe oder Personal. Aber offensichtlich fehlt das Bewusstsein und der politische Wille, dass ein „Ruck“ durch das Land gehen muss. Bundespräsident Roman Herzog hat derartiges in einer berühmt gewordenen Rede 1997 gefordert. Wer seine Ansprache nachliest oder sich noch einmal anschaut und -hört, staunt über ihre Aktualität. Bedauerlicherweise hat Herzogs Appell nichts von seiner Dringlichkeit und Notwendigkeit eingebüßt. Im Gegenteil: Wir sind anscheinend auf dem Stand von 1997 eingefroren. Wenn man die Zeit zurückdrehen könnte, sollte man die Rede als Ausgangspunkt nehmen – und es noch einmal versuchen.

In Amerika macht Präsident Biden das, was Herzog gefordert hat. Er setzt Ziele, er beweist Mut zum Handeln, er kann erklären, was er warum tut. Die USA haben eine politisch schlimme Zeit hinter sich, aber jetzt wird entschlossen agiert und nicht alles zerredet. „Amerika, du hast es besser als unser Kontinent, der alte“, hat Goethe gesagt. Hätten wir auf Roman Herzog gehört, ginge es uns heute auch besser. Aber vielleicht schaffen wir es ja noch, dass ein Ruck durch Deutschland geht. Wenn nicht jetzt, wann dann? Und wer wissen will, wie, der lese Herzogs Rede.

Bildquelle: Pixabay, Bild von PublicDomainPictures, Pixabay License

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Jürgen Brautmeier

Der Historiker war bis 2016 Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt und von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Landesmedienanstalten. Heute lehrt er als Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Geschichte sowie Kommunikations-und Medienwissenschaft.


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