Buchtitel

Der vergessene Sieg der Polen

Auf dem Buchumschlag sind drei Soldaten vor einem Automobil abgebildet. Beherrschend für den Umschlag ist die Figur eines nachlässig gekleideten Offiziers mit einem hängenden Schnurrbart, einer flachen Schirmmütze auf dem Kopf, eines Offiziers, der  dabei ist, sich eine Zigarette anzuzünden, während er mit einem Rekruten spricht, der den Offizier ebenso respektvoll wie freundlich anschaut. Der Offizier ist der polnische Marschall Jozef Pilsudski (1867 bis 1935), das Foto stammt aus dem Jahr 1920, als Polen und das revolutionäre Russland einen mörderischen Krieg gegeneinander führten. Das Buch zum Foto heißt „Der vergessene Sieg. Der Polnisch-Sowjetische Krieg 1919-1921 und die Entstehung des modernen Osteuropa.“ Geschrieben hat es der Historiker Stephan Lehnstaedt, Professor für Holocaust-Studien und jüdische Studien am privaten Touro College in Berlin.  Leider hat das Buch bislang wenig Resonanz in Deutschland gefunden, obgleich es Schlüssel zum Verständnis der Situation in Osteuropa und zu heutigen Konflikten dort enthält. Im Allgemeinen ordnen wir die dortigen Konflikte dem früheren Ost-West-Gegensatz und der Rolle der Sowjetunion zu. Tatsächlich, so weist Lehnstaedt nach, spielen ältere Gründe eine Rolle:  Die schier unbezähmbare Sehnsucht der Polen nach jahrhundertelanger Fremdherrschaft und den drei Teilungen durch Russland, Preußen und Österreich, einen eigenen Staat mit einem eigenen Staatsvolk, mit selbst bestimmter Regierung und mit nationaler Einheit auf von Polen bewohnten Territorien zu haben.  Der in allen Teilen der ehemaligen osteuropäischen Herrschaftsgebiete von zwei Kaisern und einem Zaren ebenso unbezähmbare aufbrechende Nationalismus mit seinen geradezu mörderischen Auswirkungen.  Die folgenden konkurrierenden und gegeneinander gerichteten territorialen Ansprüche von dort lebenden Völkern: Polen gegen Ukrainer, Polen gegen Litauer, Polen gegen Ukrainer in Galizien.   Hinzu kommt ein fortwährender blutiger Antisemitismus. Die osteuropäischen Juden waren unter allen Herrschaftsformen und Regierungen die Hauptleidtragenden. Die Unterstützung der „weißen Gegenrevolution“ durch Großbritannien und Frankreich. Die revolutionären Träume Lenins und anderer vom Übergreifen des Kommunismus nach Mitteleuropa und vor allem nach Deutschland, wodurch Polen zu einer Zwischenetappe geworden wäre.  Pilsudski war der, der es in diesem schrecklichen Chaos für Polen richtete. Er war der Kopf hinter den polnischen Kräften, die das revolutionäre Russland mit den Marschällen Tuchatschewski und Budjonny stoppte. Er setzte Waffenstillstand und Friedensschluss mit den „Roten“ in Moskau durch. Der frühere Sozialist dämpfte nach  Lehnstaedt den Nationalismus rechtsgerichteter Polen. Er war der Mann des Kompromisses in territorialen Fragen. Und erst nach und nach wurde er zum Mythos, der die Kommunisten an der Weichsel besiegte.  Die Polen haben von allen Staatsvölkern in Europa am meisten unter den Nazis gelitten. Polen und dort lebende Juden. Das Buch öffnet den Blick auf die Jahre vor dem zweiten Weltkrieg, auf die „Geburtsstunden“ osteuropäischer Staaten und auf die Verlierer der Wilsonschen Nachkriegspolitik. Empfehlenswert. 

Stephan Lehnstaedt: Der vergessene Sieg. Der polnisch-sowjetische Krieg 1919-1921 und die Entstehung des modernen Osteuropa. C.H. Beck 2019. 220 Seiten. 14.95 Euro.

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


'Der vergessene Sieg der Polen' hat einen Kommentar

  1. Avatar

    29. August 2020 @ 08:39 Kai Ruhsert

    „Pilsudski war der, der es in diesem schrecklichen Chaos für Polen richtete.“

    Hmm. Jozef Pilsudski mag zwar „Polens grosser Stratege“ gewesen sein, „der Warschau vor den Sowjets rettete.“
    Aber sollte man nicht auch erwähnen, dass Pilsudski selbst sein Land zuvor mit einer riskanten Expansionspolitik überhaupt „erst in die militärisch missliche Lage“ gebracht hatte?

    Pilsudski hatte „im April 1920 als Präventivschlag eine Invasion der Ukraine“ angeordnet, „wobei er sich mit einer der schwächsten Fraktionen der dortigen Nationalbewegung verbündete. Am 7. Mai eroberten die Polen Kiew.“
    „Militärisch und politisch erwies sich Pilsudskis Schritt … als katastrophale Fehlentscheidung. Seine Truppen standen nun ohne gesicherten Nachschub oder stabile Transportwege Hunderte von Kilometern im Osten.“
    „Die Polen mussten sich im Juni vor der Übermacht fluchtartig aus Kiew zurückziehen, im Juli auch aus Weissrussland. Am 7. August war die sowjetische Armee – mit Verlusten von bis zu 40 Prozent – an die Weichsel vorgerückt. “

    (Alle Zitate ab der zweiten Zeile sind der NZZ entnommen: https://www.nzz.ch/international/sowjetisch-polnischer-krieg-1920-das-ende-der-weltrevolution-ld.1570842)

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